Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 17 (26.2.1894)
- Date
- 1894-02-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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»WWW 292 guten Seiten in ihrem vollen Umfange. Der Eine ist der schwersten Opfer fähig; des Anderen Wohlthättgkett kennt keine Grenzen; der Dritte ist in der Beurtheilung des Nebenmenschen die Nachsicht selbst; ein Vierter ist von bewunderungswürdiger Geduld und Bescheidenheit. Diese edlen Eigenschaften entspringen mehr dem Gefühle und dem Herzen des Menschen und unterstehen dem freien Wollen; sind aber nichtsdestoweniger hohe, verdienstvolle Eigenschaften. Und doch ist es eine nicht gar so seltene Erscheinung, daß dem Opferfähigen zuweilen ein geringes Opfer zuviel ist, der Wohlthätige, der sonst eine offene Hand hat, dieselbe verschließt, daß der milde Beurtheiler recht strenge und unnachsichtig uriheilt, daß der Geduldige und Bescheidene Geduld und Bescheidenheit bei einer geringfügigen Sache aufgibt, wenn nicht gerade sein Herz, seine gute Seite berührt und angeregt wird, wenn nur die Pflicht allein ihn auffordert. Die Pflicht schreibt uns vor immer jene guten Seiten, wenn es erforderlich ist, hervorzukehren. Der freie Wille erlaubt sich, Ausnahmen zu machen. Ja gerade, weil er sonst wohlthätig ist, glaubt er in dem einen Falle sich hart zeigen, seine Hand verschließen zu dürfen; er sei doch wohlthätig. Damit beweist er aber nur, daß er nicht durchdrungen ist von der Pflicht, sie nicht für sich als Oberstes hinstellt, nicht für immer bindend erachtet, daß er sich zum Beurtheiler aufwirft, wann die Pflicht für ihn Pflicht ist und wann nicht. Dadurch entsteht auch die irrige Ansicht, als könnte eine gute Handlung Ersatz für eine anderweitige unerfüllte, unterlassene Pflicht gelten. Allein keine Pflicht, und sei sie noch so heilig, kann eine andere aufheben, kann eine Verletzung einer anderen rechtfertigen. Die am Sabbat gebotene Enthaltung von jeder Arbeit kann nicht aufgehoben werden, auch nicht durch eine Beschäftigung für das Heiligthum. Diese letztere ist eine freiwillige, und wenn noch so heilig, doch dem Sabbatgesetze unterworfen. Darum um jeden Jrrthum vorzubeugen, um jede Entschuldigung von vornherein unmöglich zu machen, um Einmal für immer diesen Grundsatz, dieses Fundamentalgesetz unserem Volke fest einzuprägen, spricht Gott in klaren Worten, daß die Sabbatentweihung, in welcher Gestalt und bet welcher Gelegenheit sie sich zeigt, eine schwere Sünde ist. Als Beispiel führt Gott an oa’niapiB pn njon n!?, „Ihr dürft kein Feuer anzünden in allen Euren Wohnsitzen", weil bekanntlich im pPB und p*i;?d am nap Feuer angezündet und unterhalten werden durfte; als zum von Gott vorgeschricbenen Sabbatopferdienste nothwendtg. Und dennoch darf für die Errichtung des ppb am Sabbat nicht gearbeitet werden. — Nach dem Geiste und der Idee des ppb als Stätte der reinen Gottesverehrung, immer und nur geweiht dem Gottesdienste, sollen auch wir in uns ein stetes Plätzchen gesondert und bereit halten, um unserem Gotte zu dienen. Wohl ist es uns erlaubt, ja werden wir geradezu angeregt, diese innere Wohnung zu schmücken mit Gold und Edelsteinen und allen kostbaren, werthvollen Stoffen; wohl hängt es von unserem Belieben, von unseres Herzens innerstem Antriebe ab, dazu nach Kräften beizutragen, dafür zu arbeiten. Aber die äußere Ausschmückung des Menschen, die Ansammlung von Kenntnissen, die Pflege des Geistes und Herzens, darf nicht derart als Haupt' sache aufgefaßt werden, daß wir in der Begeisterung, aus uns einen tüchtigen Menschen zu machen, die Pflicht verletzen, die erste Anforderung zu einem tüchtigen Menschen außer Acht lassen. Denn nur ein tüchtiger, nach allen Seiten edler Mensch zu sein, dazu gehören nicht blos Kenntnisse und Bildung, nicht blos Herz und Geist, nicht blos Dinge, für Zeiten und Menschen berechnet, sondern vor Allem höchstes Pflichtbewußtsein, um auch das zu thun, was Gott von uns verlangt und will. — Für uns als Juden ist somit din erste Pflicht, die Heiligung des Sabbat, als die Grundlage, von der aus unsere Gottesanschauung sich aufbaut, die unserem ganzen Geistesleben Ziel und Richtung gibt, die uns als Juden stempelt. Und dieses Pflichtbewußtsein ist heute ein äußerst schwaches. Man hat es ja vielfach versucht zu beweisen, daß man ernst bestrebt sei, aus sich tüchtige Menschen zu machen; man ging mit Ernst daran durch Bildung und Wissenschaft sich hervorzuthun, sich unter den Menschen eine geachtete Stellung zu erringen und dadurch gerade dem Judenthume zur Ehre zu gereichen; man hat sich beeifert, durch peinliche Erfüllung der Menschenpflichten sich als Mensch die Hochachtung der Menschen zu verschaffen — das gehört ja wohl auch zu den Pflichten unserem Gotte gegenüber. Aber man verfiel immer wieder in den alten Fehler, in die alte irrige Anschauung, wenn man alle seine Menschenpfltchten getreu und redlich erfüllt, dann habe man seine Pflicht gegen Gott gethan, das sei ja die Anerkennung Gottes in höchster Potenz. — Dem widerspricht aber das Gebot der Sabbatbeobachtnng bet Errichtung des Heiligthums. Und wenn all jene Pflichten den Menschen gegenüber dir auch heilig und für dich ein Schmuck und eine Zierde sind, aber heiliger ist doch deines Gottes Gebot. Da darf keine Ausrede gelten, da spricht man nicht von Gewohnheit und Unmöglichkeit, da sucht man nicht, sich selbst zu täuschen, da spielt man nicht mit dem Heiligsten, da ruft und beschwört man keine Gefahr herauf.