Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 16 (22.2.1894)
- Date
- 1894-02-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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27T HauseMres Vaters verstoßen blieb und wenn jene erfahren, was sie gethan. Da war nur eine Möglichkeit mehr übrig, die reuige Rückkehr in das Vaterhaus. O, hätte sie doch niemals den Einflüsterungen ihrer Gesellschafterin Folge geleistet! Dann wäre ihr all dies Herzeleid erspart geblieben. Mitten in ihrem Schmerzensausbruch brauste sie plötzlich ganz unvermittelt gegen die Gesellschafterin auf. „Ja, Du hast an allem Schuld, Du hast mich verführt, Dir habe ich gefolgt; hätte ich es doch niemals ^gethan!" In dieser unangenehmen Lage auch noch Vorwürfe zu erhalten, das ging Fräulein Pinne über das Maß des Erträglichen hinaus. „Was, ich bin Schuld?" schrie sie, „wer hat vergessen die Thüre zu Deinem Schlafgemach zu verriegeln, Du oder ich? Ich soll Dich verführt haben? Hattest Du nöthig gehabt, mir zu folgen, wenn Du das, was ich gethan, nicht für recht und billig gehalten hättest? Das thörichte Ctgarettenrauchen war an allem Schuld; ein anständiges, junges Mädchen raucht überhaupt keine Cigaretten. „Dadurch allein hat Dein Vater, der wahrscheinlich nur ganz zufällig über den Hausflur schritt, gemerkt, was in unseren Zimmern vorging; ichhhabe es Dir immer gesagt, Du solltest am Sabbat nicht rauchen, aber Du benimmst Dich wie ein thörichter Backfisch, Du bist und bleibst ein Gänschen, das stch Wunder was auf sein schönes Lärvchen einbildet und meint ein Prinzeßchen zu sein." Nicht viel hätte gefehlt, so wäre Feodora in ihrem maßlosen Zorne der Sprecherin an den Hals gefahren. In ungeheurer Wuth standen stch die Beiden gegenüber. So pflegt es gewöhnlich zu gehen, wenn zwei Menschen gemeinsam etwas Schlechtes thun; so lange die schlechte That dauert, oder ihnen Vortheil einbringt, sind sie einig; beim geringsten Nachtheil aber, oder wenn gar eine Gefahr sich aus dem Verbrechen ergibt, da werden sie grimmigste Feinde und jeder will die Schuld ganz von sich abwälzen und nur auf den andern schieben. Wer weiß, zu welchen Scenen es noch gekommen wäre, wenn nicht in diesem Augenblick Berkheim das Zimmer betreten hätte. „Mein Vater", schrie Feodora auf, „mein armer, geliebter Vaterl" Und in ihrer ungeheuren Erregung stürzte sie sich vor ihm nieder, umfaßte seine Kniee und benetzte sie mit heißen Thränen. Der Bankier suchte sie zu beruhigen, aber ein förmlicher Weinkrampf schüttelte die Unglückliche. Immer von Neuem brachen ihre Thränen hervor. Endlich hatten es seine herzlichen Worte vermocht, daß sich Feodora soweit erholte, um sich neben ihm auf dem Sopha niederzulaffen und ihr Gesicht an seiner Brust zu bergen. „Kannst Du mir jemals verzeihen, mein Vater", stöhnte sie, während sie mit ihren thränenüberströmten Augen zu ihm empor sah. Der Vater fühlte in diesem Augenblicke nichts als inniges Mitleid mit seinem irregeleiteten Kinde. „Nicht mehr thun, ist die beste Buße", sagte er. „Willst Du mir versprechen, Feodora, daß Du nie, nie wieder so schreckliche Dinge begehen willst?" „Ich schwöre es Dir, mein Vater", schrie sie auf. „So soll alles vergeben und vergessen sein." „Freilich habe ich von jetzt ab den Fehler, den ich dadurch beging, daß ich mich zu wenig um Dich bekümmerte, wieder gut zu machen. Von nun ab und weiter werde ich Dich in treuester Obhut halten und auf das Eifrigste über allen Deinen Handlungen wachen." „O, wie recht hast Du, mein Vater", rief sie, „ich bin ganz gewiß nicht so böse und schlimm, wie Du meinst; ich war nur irregeleitet, von jener Person dort, die es gewagt hat, mich in meinem Unglück auch noch zu schmähen und 'zu beleidigen, während sie sonst immer die besten und freundlichsten Worte für mich hatte." Fräulein Pinne hatte stch .bisher "ganz zurückgehalten, da sie vermuthete, daß der Zorn der Vaters vor allem sie treffen würde. Jetzt aber, da sie sah, daß er nicht als strafender Richter, sondern nur als guter und liebevoller Vater die Ausschreitungen Feodoras behandelte, jetzt war sie im Begriffe ebenfalls hervorzutreten, und die Anklage Feodoras gab ihr Gelegenheit hierzu. „Herr Berkheim", rief sie, „Sie find ein gerechter Mann, Sie werden mich nicht für Dinge leiden lassen, die Ihre Tochter begangen hat. Ich schwöre es Ihnen, ich bin unschuldig! Unzählige Mal habe ich es ihr gesagt und sie innigst gebeten, daß sie am Sabbat nicht rauchen soll, weil ich wußte, daß Sie das nicht dulden würden, sie aber hat nicht aus mich gehört." „Sie lügt, Vater"," schrie Feodora, „sie lügt!" „Schweig, mein Kind", entgegnete Berkheim ernst, und sich zu Fräulein Pinne wendend, sagte er in höflichem und kühlem Tone: „Ich will diese Sache nicht untersuchen, mein Fräulein, so viel aber ist gewiß, daß meine >Tochter erwachsen genug ist,,um einer Erzieherin Nicht mehr zu bedürfen.