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Der Israelit · 1894-02-22 · Heft 16 (22.2.1894) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 16 (22.2.1894)
Date
1894-02-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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«( > Vermischtes. «*- Gin interessanter Prozeß kam jüngst in Dresden zur Verhandlung, der wieder einmal einen Einblick in das Treiben der Antisemiten hinter den Kulissen gestattete. Dr. Paul Lima» und Dr. Max Lohan, vor nicht allzu langer Zeit noch intime Freunde, beide Redakteure der „DreSd." Nachr", traten mit Klage und Widerklage gegen einander in die Schranken- Die Verhandlungen drehten sich in der Hauptsache darum, ob Dr. Liman, ein Vorkämpfer des RassenantisemitiSmuS, gewußt habe, daß er selbst von Juden abstamme, oder nicht. Dresdener Blättern entnehmen wir darüber Folgendes: Dr. Lohan sagt auS, daß ihn bei seinem Vorgehen gegen den ehemaligen Freund namentlich die Absicht geleitet habe, die Reformpartei vor Dr. Liman zu warnen, der infolge seiner jüdischen Abstammung niemals überzeugter Raffenantisemit werden könne. Es werden drei Dokumente der Friedrich»Werderschen Gemeinde in Berlin verlesen, auS deren erstem erhellt, daß der Urgroßvater Dr. Liman's Isaak Nathaniel Christian Lipmann 1809 unter dem Namen »Christian Liman" in der Friedrich-Werderschen Gemeinde zu Berlin vom Judenthum zum Christenthum übergetreten sei. Die beiden anderen Dokumente beziehen sich auf den Ueberiritt der jüdischen Großeltern Dr. Liman's zum khristenthum. In den Augen der Raffenantisemiten ist also der Vater des letzteren Vollblutjude gewesen. Dr. Liman bestritt, daß er schon früher die jüdische Abstammung seiner Vorfahren gekannt habe, während Dr. Lohan die Ueberzeugung von dem Gegentheil ausspricht. Nachdem auf eine neuerliche Berichtigung Dr. LimanS Bezug genommen war, worin Letzterer versichert, es sei nicht wahr, daß er väterlicher- oder mütterlicherseits von Juden abstamme, erklärt der früher mit Dr. Liman befreundete Zeuge Roh-- land, in Freundeskreisen sei man nie über die jüdische Abstammung Dr. LimanS in Zweifel gewesen. Daraus habe ihm u. A. auch einer der beiden Brüder Dr. LimanS durchaus kein Hehl gemacht. Andere Zeugen konstatiren im Anschluß hieran, daß Dr. Liman Vorhaltungen betreffs seiner jüdischen Abkunft niemals widersprochen habe. Ein Zeuge Herzfeld erzählt, daß dem Angeklagten gegenüber während deffen Studentenzeit die Bemerkung gefallen ist: „Da regt sich wieder das semitische Blut in Dir!" Rohland bekundet, daß ihm entweder Dr. Liman selbst oder deffen Zwillingsbruder erzählt habe, der Großvater sei getauft worden. Redakteur Starke bekundet, daß er mit Dr. Liman über deffen semitische Abstammung gesprochen habe, ohne daß derselbe dagegen protestirt habe. Dr. Lohan erklärt noch, bevor er den „offenen Brief" mit den Vorwürfen gegen den ehemaligen Freund veröffentlicht, habe er versucht, von Dr. Liman persönliche Genugthuung zu erlangen. Er habe gehofft, daß etwas von dem Muthe der alten Makkabäer auf Dr. Liman übergegangen fei. Im weiteren Verlaufe der Verhandlungen bestritt Dr. Liman, daß er jemals Anhänger, Mitglied oder Führer der Reformpartei gewesen. Auch sei er nicht Redakteur der „Deutschen Wacht" gewesen, sondern habe nur aushilfsweise für dieselbe gearbeitet. Schriftsteller Wolfgang Kirchbach bestätigt die raffenantisemitische Richtung Dr. LimanS. Hauptmann a. D. Santen erwiederte auf die Frage de» Vorsitzenden, ob ein Judensprößling als Mitglied der Reformpartet geduldet werden könne: Das sei «ine Prinzipienfrage, die von den meisten seiner Parteifreunde verneint würde. Rechtsanwalt Bräuer legte einen v»n Dr. Liman Unterzeichneten Leitartikel der „Dresdener Nachrichten" vor, worin dieser sich gegen die Judenlaufe auSfpricht und den Standpunkt des Rassen-Antisemitismus versichert. Die Verkündigung des Urtheils wurde vertagt. In seine« Plaidoyer suchte der Dertheidiger LimanS namentlich deffen Bewußtsein von seiner semitischen Abstammung zu bestreiten, während der Vertreter des Dr. Lohan die entgegengesetzte Meinung zum Ausdruck brachte. Jndeffen ist diese Frage eben so wenig von allgemeiner Bedeutung, wie die weiter in dem Prozeß verhandelte, ob Dr. Liman mit einer Audienz beim König von Sachsen renommirt habe, die niemals stattgefunden. Dadurch wurde wei er nichts bewiesen, als was jeder Einsichtige ohnedies weiß, daß eS nämlich unter den Antisemiten Renommisten und gute Geschäftsleute giebt, die es mit der Wahrheit und mit ihrem Worte nicht genau nehmen. Wohl aber fällt es bei der Beurtheilung der raffen-antisemitischen Bewegung inS Gewicht, daß eine von Juden abstammende Persönlichkeit in ihr lange Zeit eine große Rolle spielen konnte, ein Mann, über deffen Abkunft die Antisemiten selbst nicht im Zweifel waren. Das beweist am besten die innere Unwahrheit des ganzen Raffenantisemitismus. Berlin, 3. Februar. Der Geheime Sanitätsrath Dr. Abraham Baer war wegen seines Gutachtens über den Geisteszustand des Dr. Morr-S de Zange vielfach verdächtigt worden. Dies hat Dr. Baer veranlaßt, die Disziplinar- Untersuchung gegen sich zu beantragen. Daraufhin ist ihm nach der „Berl. klin. Wochenschr." jetzt der Bescheid zu Theil geworden, daß er nach einem Gutachten der wissenschaftlichen Deputation durchaus sachgemäß und korrekt verfahren sei und daß darnach zur Einleitung einer DiSzi- Plinar-Untersuchung kein Grund vorliege. Wie«. Am 6. d- M. verschi d Professor De. Theodor Billroth im 65. Lebensjahre. Der geniale Meister der Chirurgie hat sich von den irrigen Anschauungen, denen er in vorantisem tischer Zeit in einer Schrift: „lieber dar Lehren und Lernen der medicinischen Wissenschaften an den Universitäten deutscher Nation" Ausdruck gegeben hatte, nachher vollständig befreit, und die Abwehrbewegung verliert an ihm einen eifrigen Förderer, der Wiener Verein zur Abwehr des Antisemitismus eines seiner ausgezeichneten Ehrenmitglieder. Wie«, 14. Februar. Baron Albert Rothschild hat bei der photographischen Amateur- und Fachausstellung in Paris durch seine Bilder einen Preis errungen, und namentlich ein Studienkopf wurde als sehr gelungen bezeichnet. Aus diesem Anlässe hat Baron Rotsfchild eine Stiftung von 10,000 fl. gemacht, deren Zinsen zur Unterstützung von Photographen und deren Wittwen und Waisen dienen sollen. Gestern hat Baron Rothschild dem Ehrensecretär der Photographischen Gesellschaft, kaiserlichem Rath Profeffor Luckhardt, hievon Mittheilung gemacht. Borken, 14. Febr. Heute wurde hier ein seltener Fest, die goldene Hochzeit der Haune Rosenbusch'schen Eheleute begangen. Der Jubilar, 85 Jahre, und die Jubilarin, 78 Jahre alt, sind noch sehr rüstig. Herr Landrabbiner Dr. Prager aus Cassel war zu der Feier anwesend und hat dieselbe zu einer wahrhaft erhebenden gestaltet. Die ganze Gemeinde hatte es sich angelegen sein lassen, dem allgemein beliebten Jubelpaare seinen Ehrentag zu einem recht freudigen zu machen. Die städtischen Behörden hatten durch eine Deputation die Glückwünsche der Stadt aussprechen lassen. Festessen und Tanz beschlossen die schone Feier. Feuilleton. Im Wahne des Glücks. (16. Fortsetzung.) Weder der Professor, nock Lilienlhal werden sich ferner um sie bewerben, wenn sie aus dem

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