Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 16 (22.2.1894)
- Date
- 1894-02-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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WWW» mmm 274 semitenveretn veranstalteten Volksversammlung. Auf der Tagesordnung der Versammlung stand „die Schächlfrage und ihre Behandlung im Petitionsausschluß der Kammer der Abgeordneten". Der Antiftmitenvereiu hatte hiezu bekanntlich die Herren Abgeordneten durch besondere Zuschrift an den Kammerpräsidenten, welche dieser in einer der jüngsten Sitzungen bekanntgab, eingeladen. Dr. Frank, der im Pctitlonsausichuß Referent war, fand sich im Verein mit einigen konservativen Abgeordneten, darunter Herr Beckh, in der Versammlung ein, nahm nach dem Referate des Herrn Geister das Wort und erklärte in der spatzhaften Weise, in der er sich gefällt, er werde noch öfter in eine antisemitlsche Veisammlung kommen und wolle „dann mit ihr ein fröhliches Frst feiern, zu dem er 1000 Mark spende unter der Bedingung, daß ihm nachgewiesen werde, daß er oder einer seiner Vorfahren bis zurück zum Urgroßvater jemals ein Jude gewesen sei" (so berichtet der „G.-A."). Das war der schlechteste Witz nicht, den sich der Sprssarter Pfarrherr je geleistet; er ist da für alle Fälle sicher, die 1000 M. nicht bezahlen zu müssen; wenn Jemand wirklich in seincm Stammbaum semitische Zweige Nachweisen sollte, so werden die Antisemiten mit ihm kein Frst feiern. Im Antisemitenverein aber war mehr Freude über diesen einen, der den Verdacht des Semitismus von sich ablehnte, als über die ganze Zuhörerschaft, die über diesen Verdacht ohnehin erhaben war. Zur Sache selbst erklärte der Vorstand des Vereins der Alt- und Jungmetzger, Herr Hofsietter, als „Praktiker", daß das Schächten eine Thierquälerei sei, und der Abgeordnete Dr. Frank bemerkte daran anschließend, er sei nun „viel besser über das Schächten orientirt, was man merken werde, wenn die neuerdings eingereichte Petition in den Einlauf der Kammer gekommen fein werde." Damit hat sich der Herr Pfarrer mit den Antisemiten den zweiten Scherz erlaubt. Wenn Herr Dr. Frank die Schächtfrage auf Grund seiner besseren Information aufgreifen will, so muß er die einstweilen im Ausschuß begrabene Petition für das Plenum reklamiren; eine zweite Petition gleichen Betr< ffs wandert von vornherein in den Papieikorb. Die Rede Dr. Franl's im Antisemiten-Verein war jedenfals der btsie Witz, den der Spessarter Pfarrer in dieser Session bisher gemacht hat. Die Antisemiten scheinen ihn gar nicht verstanden zu haben. Berlin, 19. Februar. Der Zentral-Verein für die Interessen der jüdischen Gemeinde hatte nach dem Saale des Vereins junger Kaufleute, Beuthftraße 20, eine Versammlung der Mitglieder der hiesigen jüdischen Gemeinde einberufen. Die Verwaltungsbehörden der jüdischen Gemeinde (Vorstand und Repräsentanten) haben, wie wir vor Kurzem berichteten, ein Leqat des kürzlich verstorbenen Medicinalraths Dr. Cohn, 400,000 M. betragend, angenommen, dessen Zinsen nach dem Willen des Testators solchm jüdischen Handwerkslehrlingen zu Gute kommen sollen, welche an keinem Sabbat, sowie an keinem jüdischen Festtage, mit Ausnahme des Neujahrs- und Versöhnungsfestes, f eiern. Diese Angelegenheit bildete den einzigen Gegenstand der Tagesordnung der sehr zahlreich besuchten Versammlung. Der Referent des Zmtralveretns, H?rr Konrad Scheyer, wies in zündender und oft vom lebhaftesten Beifall umerbrochener Rede auf das Unzulässige der Annahme eines Legates mit derartigen Bestimmungen seitens einer Religionsgemeinschaft hin. Er geißelte es scharf, daß die Verwaltung einer jüdischen Gemeinde, die von den Mitgliedern in erster Reihe dazu eingesetzt sei, um für die Ausführung der rituellen Vorschriften zu sorgen, sich auf der anderen Seite dazu hergeben will, Jünglinge, die sich in einer Nothlage befänden, zu zwingen, ein strenges Gebot, die Hetlighaltung des Sabbats, zu übertreten, nur um der Segnung des Legates theilhaftig zu werden. Es wäre dies gewissermaßen eine Prämie für die Uebertretung. Er bewies treffend, daß auf diese Weise gerade die sogenannten Liberalen sich der unerhörtestenIntoleranz schuldig machten. Nicht vom Standpunkte der Orthodoxie, sondern von dem der Gerechtigkeitsliebe müsse man ein energisches Veto gegen die Annahme des Legates seitens der Jüdischen Gemeinde eiulegen. Jeder Privatmann könne thun, was er vor sich und seinem Gewissen verantworten könne, nicht so die Verwaltung der Jüdischen Gemeinde, die lediglich im Sinne der religiösen Vorschriften zu handeln habe. Er schlug die Annahme einer Resolution vor, die darin gipfelte, daß den Mitgliedern der Repräsentanten-Versammlung, welche für die Annahme des Legates gestimmt haben, ein Mißtrauensvotum erlheilt werde. Nach lebhafter Debatte und nachdem mehrere der anwesenden Repräsentanten, die zwar gegen Annahme des Legates gestimmt hatten, um die Angelegenheit nicht vor das Forum der Oeffentltchkcit zu bringen, um Ablehnung der Resolution gebeten, wurde dieselbe mit erdrückender Majorität angenommen." Vielleicht macht nächstens Jemand ein Legat, durch daS den Mitgliedern der jüd. Gemeinde alle die Cigarren, die an ra# geraucht werden, umsonst geliefert werden, dann kann der C. V. wieder ein „Mißtrauensvotum" dem Vorstande senden.