Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 15 (19.2.1894)
- Date
- 1894-02-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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M-WWMMWW XXXV. Jahrgang. Beilage ju M 15 des „Israelit". j Sprechsaal. Geehrter Herr Redacteur!*) Gestatten Sie einem aufmerksamen Leser der jüdischen Wochenschriften die Beobachtung, dah gar sehr oft gegen die Wahrheit gefehlt wird, wo es sich darum handelt, in einem Nekrologe eine dabingeschiedene Persönlichkeit in ihrer Bedeutung, welche sie im Leben für größere oder kleinere Kreise hatte, darzustellen. Ebenso wird in gleicher Weise oft gesündigt, wenn es gilt, auf einer Lapidar-Jnfchrift in präctser Kürze den Duhingeschiedenen nach seinen Verdiensten und Würden zu bezeichnen. Da wird schon jeder talmudisch gebildete Gelehrte zum Gao n erhoben, ein Titel, mit dem man, seitdem er aufgehört hatte, das Oberhaupt der babylonischen Akademien zu schmücken, in dem letzten Jahrhundert nur den berühmten Rabbi Elia aus Wilna auszuzeichnen pflegt. Jeder Reiche, der von seinen Millionen auch einige tausend Mark an verschiedene Vereine hinterlassen hat, sonst aber im Leben durch seine Hartherzigkeit zum Sprüchwort geworden ist, wird in dem Bilde, das vom Trauerrande umgeben ist, als Mäcen gepriesen und verewigt. Ist es ein Mann, der ein jüdisches Herz hatte, wie die Phrase lautet, er mag in seinem Leben noch so sehr gegen jüdische Sitte und Anschauung gehandelt und oft dadurch seinem Hause nach ihm den Anstoß zur Uebertretung oder gar zum Uebertrttt gegeben haben — er wird nach dem Tode als ein feuriger Jude gefeiert und besungen. Traf es sich doch in der großen Gemeinde, in der mein Gewährsmann lebt der es mir erzählt hat, daß einer der Rabbiner in der Grabrede den Verstorbenen als den Mann schilderte, auf den sich des Psalmisten Wort (Cap. 128) beziehe: „Heil dem Manne, der de.i Ewigen fürchtet, der da wandelt in seinen Wegen u. s. w. Dein Weib u. s. w. Deine Söhne u. s. w. Siehe, also wird der Mann gesegnet, der den Ewigen fürchtet." Dieses Grab aber umstanden;wei Töchter mit ihren christlichen Ehegatten und ein Sohn mit seiner christlichen Gattin — und diese Ehen waren unter dem Segen der Eltern geschlossen worden. — Wer < ch des Näheren überzeugen will, um auf unsere Klage in der Einleitung zurückzulommen, wie arg gegen die Wahrheit gesündigt *) Anmerkung der Rcdaction. Diese von einem allseitig gefeierten Vertreter der jüdischen Wissenschaft und ebenso als hervorragender Jehudi hochverehrten Manne uns zugegangene Zuschrift nehmen wir um so lieber auf, da sie Wahrheiten enthält, welche längst auch von anderen Seiten gefühlt worden und einer besonderen Beherzigung werth sind. wird, wenn es gilt, die Todtenklage am 7. Adar im Beth-Hamidrasch anzustimmen, braucht nur die lange Liste der großen Männer zu vernehmen, welche als im verflossenen Jahre verstorben erwähnt werden, damit „das ganze Haus Israel den Brand beweine, den der Herr angezündet hat." Es will uns bedünken, daß solche Nekrologen« Verfass-r oder Trau'rredner den biblischen Gatz, daß der Mensch ein Baum des Feldes sei, all. Entschuldigung für sich in Anspruch nehmen, den Menschen im Leben, wie den Baum, so lange er steht, nur nach seinem Schatten zu mrffen; nachdem er aber gefällt, nur die wirkliche Größe, und nur diese, zum Ausdruck zu bringen. Allerdings hat schon ein altes Sprüchwort in jüdischen Kreisen darüber geurtheilt, da es sagt, indem es die Namen jener zwei Wochenubschnitte witzig zusammenfaßt: D'm? rvo nn« „Nach dem Tode (sind alle) Heilige", wie auch bereits die la« teinische Redensart „cke mortuis nil nisi bene“ empfiehlt, vom Tobten nur Gutes zu sprechen. — Dec künfttqe Geschichtsschreiber wird daher entschieden die Tagesliteratur nicht benutzen dürfen, wenn er bei seiner Darstellung die grögte Sünde eines Historikers, aegen die pure Wahrheit zu verstoßen, vermeiden will. Rach diesen einleitenden Worten gehe ich dazu über, das Leben und Wirken des Oberrabbiners Marco Mortara in Mauma, dessen Tod Sie bereits gemeldet haben, nach eigenem Wissen, da ich mit ihm mehr als zwei Jahrzehnte hindurch befreundet war, näher zu zeichnen. Die Liebe zur Wahrheit leitet mich da in erster Reche, nicht minder die Macht der Ueberzeuzung, wie öde und leer die Stätte sich gestaltet, an der ein auch hochbegabter Mann, selbst bei ernstem Streben, vergebens lehrt und lebt, wenn aus der Refocmsucht die natürliche Folge, der Jndifferenttsmus, hervorgegangen und beherrschend geworden ist. Zeitrrngsrrachrichteir und Sorrefponderrzen. Deutschland. Mainz, am Ausgange des Sabbats n*sn 's. In der Nacht zum 7. Adar starb hier plötzlich der langjährige Cuttus-Beamte dec isr. ReligionSgefellschaft Herr Moses Marx. Das Leben des Vcrvltchenen tllustrirte das Wort unserer Weisen: nhu nnaVo "inv min nnov „Mehr iftesmitTalmudgelehrten zu verkehren und sie zu bedienen, als bet ihnen zu lernen." In einfachen Verhältnissen erzogen, hatte der Verblichene in seiner Jugend nicht