Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 15 (19.2.1894)
- Date
- 1894-02-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2448412-2448426--38011-2486102- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
WWW 261 „Aber weßhalb, Herr Graf?" „Ich bin kein Graf, da Sie es nun doch erfahren müffen. Ich bin in Oesterreich schon einmal mit Kerker bestraft und das Gericht hat mir damals den Grafentitel abgesprochen, den ich durch die Geburt besaß, Ihr Kmd würde vollständig unglücklich werden an meiner Seite. Zwar scheint es Ihre Absicht zu sein, das arme, junge Mädchen in's Unglück zu stürzen, aber glauben Sie mir, Herr Berkheim, wenn Sie nun noch darauf dringen sollten, daß ich das Ihrer Tochter gegebene Hei rathsversprechen halte, so werde ich Ihre unnatürliche, fürchterliche Handlungsweise in alle Welt hinaus verkünden und Jeder soll erfahren, welch' ein Mensch Sie sind." Plötzlich hielt Plauen inne und schlug sich vor den Kopf. „Ah so, ich glaube zu errathen, wetzhalb Sie Fräulein Feodora in's Unglück stürzen wollen, sie ist viel zu schön, um Ihre Tochter zu sein und ich kann mir jetzt Alles erklären, was dahinter steckt, aber hüten Sie sich vor mir." Der Banquier lächelte behaglich vor sich hin. „Regen Sie sich doch nicht auf, lieber junger Mann," sagte er, „das Alles war nur ein Scherz von mir, und ich bin sehr erstaunt, daß Sie bei Ihrer Welterfahrenhert und Klugheit das nicht schon längst gemerkt haben." „Sie wollen jetzt einlenken," schrie der Graf mit triumphirendem Blick, „weil ich die Wahrheit errathen habe." „Kommen wir zu Ende," entgegnete der Banguter, „ich habe mich genau über Ihre Verhältnisse erkundigt und in Erfahrung gebracht, daß Ihnen eine Verhaftung wegen Z chprellerei nahe bevorsteht. Sie können nichts Besseres thun, als so schnell wie möglich diese Stadt zu verlassen. Mir kam es nur darauf an, mein unglückliches Kind von der verblendeten Leldenschasr für Sie zu heilen, und da Sie so freundlich waren, mir ganz offen Ihre Verhältnisse klar zu legen, die ja doch in ziemlich kurzer Zeit zur Ö ffentlichkeit gelangt wären, denn der W-rlh wartete nur darauf, ob Sie die Hand meiner Tochter erhalten oder nicht; da Sie also offen gegen mich waren, so wollen wir auch weiter offen mit einander verhandeln und ich schlage Ihnen folgendes Geschäft vor: Ich zahle Ihre Schulden in dem Hotel, nur diese, zu allen übrigen verpflichte ich mich selbstverständlich nicht; auch sind es ja allein diese Schulden, die Ihre Freiheit bedrohen. Ich gebe Ihnen außerdem zweihundert Mark in die Hand, womit Sie irgend einen entfernten Ort für Ihre künftigen Operationen aufsuchen können; vielleicht finden Sie noch einmal einen Vater und eine Tochter, die so thöricht sind, wie wir es gewesen." Der Graf erhob sich; er knirschte mit den Zähnen vor Wuth. daß er so unbesonnen war, in die ihm gestellte Falle zu gehen. Doch jetzt ließ sich die Sache nicht mehr ändern und es war das Klügste den Vorschlag des Bankiers anzunehmen; das wußte er ja jetzt sicher, daß er die Hand der schönen Feodora ein für alle Mal verscherzt hatte. Er besann sich einen Augenblick, dann stieß er rauh hervor: „Ich nehme Ihren Vorschlag an, verfügen Sie über mich." Der Bankier zog die Uhr. „Erst neun Uhr", sagte er, „und mit leiser Ironie fügte er hinzu, „wie schnell wir dieses wichtige Geschäft erledigt haben. Sie haben wohl die Güte mich heute Abend mit nach Mainz zu begleiten, es ist am besten, wenn wir die Sache so schnell als möglich erledigen, Herr — wie darf ich Sie jetzt nennen?" „Das thut nichts zur Sache, brechen wir auf." Der Bankier schellte, der Wagen fuhr vor und brachte sie in kurzer Zeit nach dem Bahnhofe. Sie konnten den Zug, der um 9 Uhr 30 Minuten von Frankfurt abfährt, noch benutzen und in Mainz angekommen, begaben sie sich sofort in das Hotel, in welchem Feodora und ihre Gesellschafterin abgesttegen waren. Sie fanden die Damen unten im Salon im lebhaftesten Gespräch. Immer wieder und wieder erörterten die beiden zusammen die Frage, wie der Graf sich wohl in dieser heiklen Affatre benehmen würde und waren überzeugt davon, daß er durchaus als Kavalier handeln müßte. „V elleicht, daß ich bei irgend einem von seinen oder meinen Verwandten Unterkommen finde", meinte Feodora, „bis die gesetzlichen Formalitäten erfüllt sind und dann wollen wir so bald als möglich die Hochzeit feftsetzen." Fräulein P nne war ganz der Meinung des jungen Mädchens. Es war ganz unglaublich, mit welcher Naivität die beiden Damen diese Frage behandelten. Woher aber hätten sie auch Lebenserfahrung besitzen sollen, da sie ja in dem Hause Berkheims kerne Gelegenheit hatten, sich irgendwie an dem Kampf ums Dasein zu betheiligen, und Bälle und Gesellschaften nicht der Ort sind, wo man Menschenkenntniß erlernt. Die beiden jungen Damen sprachen noch eifrig mit einander, als Feodora einen leisen Ruf des Erstaunens ausstieß. „Er kömmt, er sucht uns!" rief sie. „Nein, welche Liebe, er konnte cs nicht erwarten, Dich hier allein zu wissen und so ist er heute Abend noch hierher geeilt!" flötete Fräulein Pinne.