Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 15 (19.2.1894)
- Date
- 1894-02-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448412-2448426--38009-2486100- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
259 Debatte. Der neue Entwurf will das Wahlrecht denjenigen gewähren, welche der Gemeinde ein Jahr angehört und ihren Beitrag gezahlt haben. Der Referent Dr. Ttktin folaert aus dem Regierungsgesetz vom 28. Juli 1847, daß drei Jahre erforderlich sind, wenngleich bisher eine mildere Praxis beobachtet wurde. Herr Leichentritt spricht für den Antrag der Kommission. Herr Martin Simon tritt ebenfalls für die Zugehörigkeit von einem Jahre ein und räth, abzuwarten, ob die Vorgesetzten Behörden die betreffende Bestimmung des Gesetzes von 1847 so streng wie der Referent auslegen werden. Schließlich stimmt die Versammlung der Kommissionsvorlage: 1 Jahr Zugehörigkeit mit 13 gegen 5 Stimmen zu. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Wien, 12. Febr. Im ntederösterreichischen Landtag erwtederte der Statthalter v. Kielmannsegg auf eine Interpellation des Abgeordneten Schneider, die Staatsgrundgesetze, welche sich bisher bewährt hätten, ließen den gewünschten Ausschluß jüdischer Lehrer von den gewerblichen Vorbereitungsschulen unstatthaft erscheinen. Wien. Vielleicht blind, aber gewiß nicht eifrig ist die Regierung gegenüber den Antisemiten. Was die sich gegenwärtigem niederösterreichischen Landtag gegen alle „Autoritäten" herausnehmen, übertrifft selbst das, was man von denselben Herren in früheren Jahren gewohnt war. Was sie gegen die Juden sagen, ist noch wenig. Aber wenn man sie nicht nur auf ihre liberalen Landtags-Kollegen, sondern auf den Bürgermeister, auf den Landmarschall, auf die Behörden und selbst bereits auf den k. k. Statthalter schimpfen hört, dann muß einem guten Staatsbürger grauen vor der Zukunft der nächsten Landtagssessionen und vor den hohen Schimpfobjekten, zu denen die Antisemiten greifen werden, sobald sie auch die Autorität von Bürgermeister und Statthalter völlig verschtmpfirt haben werden. Die Antisemiten sind heute die einzige Partei in Oesterreich, die wirklich ein benetdenswerthes Maß von Redefreiheit genießt. Wo sonst Jemand sich ein freies Wort erlaubt, da wird ihm sofort mit Ausnahmszustand. Vertagung, Sistirung, Sperrung der Mund geschlossen. Nur der Antisemit ist frei geschaffen, ist frei. Wer sich einmal ordentlich ausschimpfen will — und welcher Wiener wollte das nicht! —, der thut am Besten, sich der antisemitischen Partei anzujchlteßen. Dort darf er reden. Das ist auch vielleicht ein Erklärungsgrund für das kolossale Wachsthum dieser Partei. St. Pötten, 11. Febr. Die hiesige israelitische Cultusgemeinde hat heute dem neuernannten Bischof Herrn Dr. Rößler ihre Glückwünsche überbracht, wobei der BezirkSrabbtner Herr Dr. L. Weinberg, k. k. Feldrabbiner des Ruhestandes, eine Ansprache hielt. Der Sprecher sagte unter Anderm: „Eurer bischöflichen Gnaden bisheriges Wirken ruft im Herzen der ganzen Gemeinde die freudige Hoffnung wach, daß eine neue Aera für die ganze Diöcese hereinbrechen werde, daß der leider so oft gestörte Friede zwischen den einzelnen Confessionen wiederhergestellt, daß nicht mehr wie bisher Priester im Namen der Religion der Liebe Glaubens, und Racenhaß predigen und sonst vorurtheilslose Gemüther gegen uns aufwtegeln werden." Der Herr Bischof erwiederte unter Anderm: „Er verkenne nicht die Schwierigkeit seiner Mission, in dieser turbulenten Zeit die Prineipien des Evangeliums überall zur Geltung zu bringen, aber er hoffe, mit dem Beistände Gottes die frühere Harmonie zwischen allen Bewohnern der St. Pöltener Diöcese wiederherzustellen." Nachdem er sich noch mit der Deputation über Einzelheiten seiner Wahl unterhalten und dem Rabbiner Herrn Dr. Weinberg in Bälde einen Besuch in Aussicht gestellt hatte, verabschiedete sich die Deputation. Rußland. Petersburg, 11. Febr. In dem noch von dem früheren Justizmintster Manaffein ausgearbetteten Reformprojekt der Advokatur, das der neue Justtzmtnister Murawjew zu einer nochmaligen Prüfung aus dem Reichsrath zurückgezogen hat, ist die Bestimmung enthalten, daß die Zahl der nichtchristlichen Advokaten 10 Prozent nicht übersteigen dürfe. Der „Swjet" spricht sich nun gegen diese Beschränkung, die besonders gegen die Juden gerichtet sei, entschieden aus. Wie in der^Medtzin, der Architektur, der Literatur und anderenlfreten Künsten, meint das Blatt, weder Religion noch Nationalität eine Rolle spielten, so wäre es auch verfehlt, solche Beschränkungen der Advokatur aufzuerlegen; durch derartige kleine Mittel werde man den Advokatenstand nicht heben. Amerika. New-Iork, 22. Jan. Die Gesellschaftler „Schwestern" der Gemeinde „Tempel Israel" hielt dieser Tage ihre Jahresversammlung,Z bei welcher die Berichte der verschiedenen Beamte^ und KommtteS zur Verlesung kamen. Die Präsidentin, Frau D. P. Hays, wies darauf hin, daß in diesen Zeiten der „schweren Noth" die Anstrengungen der „barmherzigen" Mitglieder verdoppelt werden müffen, um Hülfe und Linderung zu bringen, und ^'gerade^jetzt zeige es sich, welches wohlthätige Wirken persönliches Eingreifen im Gefolge habe. Im vergangenen Jahre wurde 250 Familien unter die Arme ge-