Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 15 (19.2.1894)
- Date
- 1894-02-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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256 Volke zu predigen und keine Autorität zu schonen, das sind die Charactervorzüge dieser „Arier", darin manisestirt sich ihr Pairiotismus, ihre Achtung vor dem Gesetze, ihr Respect vor der Obrigkeit, vor dem Thron. 7) „Aber der Jude ist maßlos in seinem Egoismus; er hat überall nur seinen materiellen Vortheil im Auge; seine politische Gesinnung, sein öffentliches Streben und Wirken, sein ganzes Thun und Lassen ist nicht idealer Natur, sondern auf niedrigen Gewinn, auf Erwerb und Reichthum gerichtet. DaS allein ist das Ziel, der Endzweck seiner Existenz, wodurch er den Volksgeist vergiftet." Wohl gesprochen! Wohlan denn, wir wollen untersuchen, wie weit dieser Vorwurf begründet ist. Wer hat die höchsten Ideale der Menschheit zuerst gelehrt? Wer hat den idealen Gottesbegriff in die Welt gebracht? Wer hat den Menschen zum Ebenbtlde Gottes erhoben? Wer die Nächstenliebe, die Schonung des Fremdlings, die allgemeine Menschenliebe zuerst gepredigt? Wem verdankt die Welt die Lehre der Barmherzigkeit, der Demuth und Bescheidenheit? Wem die Ethik und Sittenlehre, auf der die heutige Gesellschaftsordnung beruht? Wem anders als den Juden?! Wer hat viele Jahrhunderte hindurch seine Ruhe, seinen Besitz, seine Menschenwürde, seine Menschenrechte, sein Blut und sein Leben für die Erhaltung dieser Ideale freudiger und hingebungsvoller geopfert als der Jude? War es aus Egoismus, wenn Judas Söhne für ihren Glauben den Scheiterhaufen bestiegen? War es aus Gewinnsucht, wenn tausende und abertausende Israeliten für ihre religiöse Ueberzeugung den Märtyrertod erduldeten? Geschah es aus Gesinnungslosigkeit oder aus unwiderstehlichem Hang zu materiellem Besitz, wenn der Jude seiner Glaubensfestigkeit wegen Besitz, Vermögen, Reichlhum, Haus und Hof seinen Feinden lieber überließ, als von seinen Idealen zu lassen? Wozu brauchte er sich von Land zu Land, von Reich zu Reich, von Welttheil zu Welttheil Hetzen zu lassen; Schmach, Verachtung, Haß, Gewalithat und Unrecht von sei nen niedrigen verächtlichen Bedrängern zu erdulden? er brauchte nur seine Gesinnung zu wechseln, seine göttlich-erhabenen Güter preiszugeben, und er hätte Ruhe und könnte unangefochten Schätze auf Schätze häufen, Reichthümer ansammeln, hohe Slaatsämler und Würden erlangen und zur herrschenden Macht kommen. Aber er thut dies nicht um alles in der Welt und duldet und leidet lieber und hält fest an setnen.idealen Gütern. Das alles wissen die antisemitischen'Häupter und Führer ebensogut als wir, aber sie gleichen den vler Richtern Sodoms, welche nach dem Talmud die schöben Ehrennamen „Lügner, Fälscher, Betrüger und Rechtsverdreher" hatten. Aus Judenhaß lügen sie die Welt an, fälschen sie den Talmud, betrügen sie das Volk und verdrehen das Recht. Keiner als diese „antisemitischen" Moralhelden darf es mehr scheuen von Ueberzeugungstreue, von Gesinnungslüchttgkeit, von idealem Streben u. dgl. zu sprechen. Da lesen wir z. B. in der „Neuen freien Presse" (Abendblatt vom 3. Februar) in einem Telegramm aus Paris: „Ueber den verhafteten Gründer der antisemitischen „Lbre Parole", I. B. Gör in liegen folgende Details vor: Dre Leser seines Finanzblattes warnte er vor den Kniffen und Schlichen jüdischer Bankiers. Einem Clienten der ihm daraufhin 250,000 Francs zum Ankäufe guter Pap'ere vertrauensvoll schickte, lieferte er nur für 50 000 gangbare Werthe, den Rest in exotischen Papieren ohne Courswerth und dergleichen mehr. Interessant ist das Vorleben dieses antisemitischen Börsianers und Journalisten. Seit zwanzig Jahren treibt sich der fünfzigjährige Mann an der Börse herum. Er lebte in rasch wechselnden Verhältnissen, bald oben, bald unten, bald tollen Aufwand treibend, morgen ruinirt. Die Zeitungen kaufte, miethete und gründete er zu rein geschäftlichen Zwecken, so die „86maine Financidre“, das älteste Pariser Finanzblatt. Später übernahm er den täglich erscheinenden „National", der unter seiner Leitung in buntem Wechsel boulangisttsch, regierungsfreundlich, antisemitisch und feuriger Vertheidtger der Juden war. Eine Verurtheilung wegen Verleumdung eines Credit- Jnstitutes zwang ihn von der Ctp fredactton zurückzutreten. Zwischen seiner Thätigkeit im „National" und der „Libre Parole" verstrichen kaum zwei Jahre. Im „National" zeichnete er die von seinen Mitarbeitern geschriebenen Artikel mit seinem Namen. Am 20. April 1890 erließ er ein Circular an die Juden, welches an der Spitze die Aufschrift trug: „Gsrin, Herausgeber, des „National." Die Anrede des Circulärs lautete: „Liebe Religionsgenossen!" Versprochen wurde da die Vertbeidigung aller jüdischen Interessen. Der „Natwnal" veröff ntltchte Porträts jüdischer „Glaubensgenossen" mit Biographien von der schmeichelhaftesten Art. Dre Pereires, Rothschilds rc. wurden hoch gcpriesen. Die Rothschilds flößten ihm eine ungeheuere^Begeisterung.ein. Zugleich fiel er