Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 14 (15.2.1894)
- Date
- 1894-02-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448412-2448425--37980-2486069- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
239 Helmer Gemeinde gefolgt, war es von besonderer Wichtigkeit für den erledigten Rabbinerposten einen Mann zu finden, der, ein echter voll Begeisterung für die Ideale unserer nrnpn min und zugleich auf der Höhe der Zeit und der Wissenschaft stehend, ein Vorkämpfer für das orthodoxe Judenthum, im Sinne seines Vorgängers fortwirken werde. Einen solchen Mann zu gewinnen, waren wir unter Gottes sichtbarem Beistände - so glücklich, in der Wahl des Dr. Salomon Bamberger, einem Enkel des berühmten Rabbi Baer Bamberger y'xr und Schüler des Rabb. Dr. Hildesheimer '"j. Schon mit seiner Bewerbungsrede hatte er sich die Herzen Aller im Sturme erobert. Am letzten w"y erfolgte die Einführung in sein Amt. Mittags wurde Herr Dr. Bamberger vom Vorstande am Bahnhofe abgeholt und in seine blumenbekränzte Wohnung geführt. Hier wurde er von den Mitgliedern und Schülern herzlich begrüßt, während ein Mädchen ihn mit einer Ansprache in Versen willkommen hieß und ihm ein Bouquet überreichte. Die Synagoge war festlich beflaggt und mit Kränzen geschmückt. Am Abend wurde der Rabbiner beim Eintritt durch ein dreistimmig gesungenes *an qna begrüßt. Nach dem nmv Gebete und vor »m naV wurden Ps. ill und 150 gesungen. Den Glanzpunkt des Festes bildete am Tage die Antrittspredtgt. Die hinreißende Beredtsamkeit und die fesselnde Art seines Vortrages übte einen mächtigen Eindruck auf alle Anwesenden. Wir können uns nicht versagen einen Theil seiner Rede in kurzen Zügen hier folgen zu lassen. wrow *jna! Ein Dank war es, womit er seine Rede begann, ein Dank aus innigstem Herzen dem, der ihn hat erreichen lassen das Ziel des Strebens, das seine Jugend erfüllte. Aber wie unsere Weisen in der richtigen Erkenntniß, daß nur in dem die Gesammtheit Beglückenden das wahre Glück der Menschheit sei, einen besonderen Segensspruch für solche die Gesammtheit betreffenden Freuden bestimmt, und als Ausdruck dieser Freude den Einzelnen amni ai»n sprechen läßt, ib aivn O'inr^ a'vvni — so danke er heute Gott, der ihm Gutes erwiesen; möge er einst am Ende seines Wirkens, auf diesen Tag zurückblickend, Ihm ebenso innig danken können als cnn*6 2'vvn. — Dann zum Wochenabschnitte übergehend, entwickelte er, anknüpfend daran, daß die göttliche Befehlserthetlung an Moscheh nur von der Bundeslade ausgehen sollte (Exod XXV, 22), sein Programm, aus dem wir wegen Mangel an Raum leider nur den Grundgedanken wiedergeben können. Gemeinsames, einträchtiges Streben im Dienste der Religion, Erkenntniß der Erhabenheit und menschhettumfassenden Größe des Gotteswortes, seiner Ewigkeit und Unveränderlichkeit, — diese Ziele wolle er nicht aus dene Auge verlieren. Als seine bedeutendste Aufgabe betrachte er die Jugenderziehung, anknüpfend an das Wort unserer Weisen mpirn Hötoa i^x onnn ’phsd und an das Bild der v'aina, die nach dem Talmud die Jugend dar. stellen sollen. Zur thätigen, friedlich-einmüthigen Mithülfe an diesem Streben fordere er alle Gemeindemitglieder auf, zur Unterstützung namentlich des Schulunterrichtes, durch das religiöse anregende Beispiel im Kreise der Familie. Mit einem Gebete für die Gemeinde, Stadt und Staat, sowie für den Landesvater schloß er diese herrliche, zündende Rede, die, wie von Herzen kommend, so auch zum innersten Herzen dringend, Alle voll edler Begeisterung erfüllte. Möge es unserm Herrn Rabbiner vergönnt sein, zur Verwirklichung der Ideale, die zu erstreben er heute an heiligster Stelle feierlich gelobt, zum Segen unserer Gemeinde wie des gesammten Judenthums recht viele Jahre zu wirken! p« Rußland. Petersburg, 20. Januar. Wir haben schon oftmals darauf hingewiesen, daß die Judenverfol. gungen in Rußland einen religiösen Hintergrund haben. Man will hierzulande Alles und Alle mit den Segnungen der orthodoxen Kirche beglücken, und man wendet alle Mittel an, um dieses Glück jedem Nichtorthodoxen aufzunöthigen. Die russischen Machthaber haben zwar bis jetzt die Thatsache von der religiösen Intoleranz der russischen Regierung hartnäckig geleugnet und die Gewiffensfreiheit als etwas auch für das Czarenreich Selbstverständliches hingestellt. Doch man wußte genau, welcher Werth der confessionnellen Freiheit in Rußland betzumeffen sei, da täglich von Gewaltthaten gegen Katholiken, Protestanten, Juden und Muhamedaner zu hören ist. Am härtesten jedoch traf die Intoleranz der russischen Regierung die einheimischen Juden, deren Bekehrung zur orthodoxen Kirche mit den unlautersten Mitteln betrieben wird. So lange die Proselytenmacherei der Behörden unter den Juden nicht offiziell bestätigt worden war, konnte die Regierung diese Thatsache als „böswillige Erfindung" bezeichnen; nunmehr aber ist vom heiligen russischen Synod eine Institution ins Leben gerufen worden, welche die Absicht der Regierung, die russischen Juden der orthodoxen Kirche einzuverleiben, offiziell bestätigt. Diese Institution, welche den Namen „Antijüdische Missionär-Gesellschaft" führt, ist an der Geistlichen Akademie zu Kiew errichtet worden, und hat ihre Thätigkeit bereits eröffnet. Als Schöpfer der „Missionär-Gesellschaft" trat der Profeffor an der Universität zu Kiew, A. Green, auf,