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Der Israelit · 1894-02-15 · Heft 14 (15.2.1894) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 14 (15.2.1894)
Date
1894-02-15
Page
– (sequence 10)
Language
German
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238 ein. Nun denn! Wer nöthigte ihn denn eigentlich dazu, daß cr sich vom öffentlichen Leben zurückzog und cr seine Thätigkeit nur auf den cngen Kreis seiner Glaubensbrüder und auf feine Häuslichkeit beschränkte? Wer anders als die Antisemiten durch eine judenfeindliche Gesetzgebung, die ihm alle Aem- 1er, alle höhere Lehranstalten, jedes ehrbare Gewerbe verschloß? Nehmen die Juden auch in England, in^Frankreich, in Italien, in Amerika eine aparte Stellung im Staate ein? Haben sie sich in diesen Ländern nicht mit der übrigen Bevölkerung ganz amalgamirt und verschmolzen? Sind sie dort nicht Eins mit ihren nichtjüdischen Mitbürgern? Und warum das? Weil sie dort als wirkliche voll- und gleichberechtigte Staatsbürger gelten, und ihre Confession kein Hinderniß ist, um zu den höchsten Aemtern und Staatswürden zu gelangen. Wäre es aber gerecht, einem an allen Gliedern Gefesselten einen Vorwurf daraus zu machen, daß er sich nicht frei und ungezwungen bewegt? „Der Jude bildet einen Staat im Staate"! Nimmt er nicht redlichen Antheil an dem wirthschaftltchen Aufschwung seines Landes? Fördert er nicht überall das Wohl seiner Heimath durch Hebung der Industrie und des Gewerbes? Liefert er nicht aus seinen Reihen hervorragende und verdienstvolle Staatsmännner, Koryphäen der Wissenschaft, Künstler und Gelehrte? Stiftet er nicht die großartigsten Wohlthätigkeitsinftitute in ausgiebigstem Maße, welche der Gesammtbevölkerung seines Vaterlandes ohne Unterschied der Confession zum Heil gereichen? Zahlt er nicht seine Steuern wie jeder andere Staatsbürger? Legt er nicht seine Blutsteuer mit derselben Hingebung und Anhänglichkeit auf den heiligen Altar seines heißgeliebten Vaterlandes wie der Beste der Patrioten? All das ist nur zu gut bekannt, auch die Herrn „Antisemiten" wissen dies ganz gut, aber ihr Haß leugnet die Thalsachen, die Wahrheit und sie glauben, daß ihre Lügen in die Herzen der Massen schon Eingang finden werden. „Der Jude gravitirt nach Palästina, das er für sein eigentliches Vaterland hält." Unsere bisherige Ausführung hat deutlich gezeigt, wohin der Jude in Wahrheit gravitirt. Jeder Einsichtsvolle ersieht daraus deutlich, daß es Wahnsinn ist eine solche Behauptung aufzustellen. Was würden die Katholiken dazu sagen, wenn man ihnen alle Vaterlandsliebe absprechen würde, weil ihr geistiges und religiöses Oberhaupt von Rom aus alle ihre religiöseu und sehr oft auch ihre weltlichen Thaten und Unternehmungen leitet? Sie würden den einfach auslachen oder eine solche Insinuation mit Entrüstung zurückweisen. Jeder Jude und selbst der strenggläubigste wird nicht das Mindeste unternehmen, was die Wiedererlangung Zions herbeiführen könnte, weil es religionsgesetzlich verboten ist, solches zu thun. „Gott hat die Israeliten beschworen", heißt es, „daß sie nie gegen die bestehende Ordnung etwas unternehmen, um die Messiaszeit zu beschleunigen (Midrasch Rabbah zu Schir Haschinm.) Dieses Ziel bleibt der göttlichen Vorsehung überlasten, es ist ein Ideal, das mit dem thatsächlichen Streben und Wirken des Juden gar nichts zu thun hat. Außerdem besitzt das Jndenthum keine Hierarchie, kein sichtbares, religiöses Oberhaupt, kein Priesterthum im wirklichen Sinne. Jeder Laie ist berechtigt im Beisein von 10 jüdischen Personen die Leitung des Gottesdienstes zu übernehmen. Bet der Geburt eines Kindes, bei der rituellen Beschneidung eines Knaben, beim Ablcben und Beerdigen eines Juden, bei einer Eheschließung, kurz bet keiner religiösen Handlung ist es religtonsgesetzlich nöthig, daß ein Rabbiner interveniren muß. Das kann und darf der erste beste kundige Laie besorgen. Nichts Reales existirt, das außer den Religions- Übungen zwischen Gott und den Israeliten besteht und so ist auch Zion, Jerusalem und Palästina für uns nicht etwas sichtbares, materielles, was wir herbeisehnen, sondern eine Idee, die wie die messianische Idee mit der Vaterlandsliebe und mit der Hingebung für die Heimath vollkommen vereinbarlich ist. In der Unterthanentreue, im Patriotismus, in der Liebe zum Vaterland stand nie das Judenthum gegen die Bekenner anderer Confessionen zurück. Sein Verhalten der Staatsobrigkeit gegenüber ist ihm von der Religion vorgeschrieben, seine Unterordnung unter die Staatsgesetze, selbst derjenigen seiner Bezwinger und Unterdrücker wird ihm zur heiligen, religiösen Pflicht gemacht. Des Propheten Jeremtjas Mahnruf an Israel in der babylonischen Gefangenschaft, ist allenthalben bekannt, wo er im Namen Gottes spricht: „Fördert das Glück des Landes, in welchem ihr verbannt seid, betet für es zu dem Herrn, denn in seinem Wohle ist auch Euer Wohl (das. 29. 5. 17). Dienet dem König von Babel, damit ihr lebet (das. 27. 17.) (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Bingen, 13. Febr. Der vergangene 's rav n»nn war ein Festtag von erhabenster Bedeutung für die hiesige Religionsgesellschaft. Nachdem Herr Dr. Sänger einem ehrenvollen Rufe derMergent-

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