Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 14 (15.2.1894)
- Date
- 1894-02-15
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448412-2448425--37981-2486070- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
240 der an den Oberprocuror des heiligen Synod, Gehetmrath Pobedonoszew, ein Memorandum gerichtet hat, das für die in Rußland herrschende religiöse Unduldsamkeit den besten Beweis liefert. Dieses interessante Schriftstück, welches das Organ der russischen Geistlichkeit „Zerkownyi Wjestnik" publicirt, hat folgenden Wort: „Ungeachtet der völligen Gleichheit vieler Dogmen des Judaismus mit dem Christenthum und der Anerkennung der heiligen Schrift durch beide Confessionen treten die Juden zur Orthodoxie sehr selten über. Als Ursache dieser traurigen Erscheinung wird die Feindseligkeit der Juden gegen das Christenthum bezeichnet; doch gibt es noch einen Grund, wodurch der seltene Uebertritt von Juden zur Orthodoxie sich erklären läßt. Dieser Grund liegt in der Unkenntniß der Dogmen des Judaismus und seiner Geschichte, durch welche die orthodoxen Missionäre verhindert werden, die Bekehrung der Juden zur rechtgläubigen Orthodoxie mit Erfolg zu betreiben. Als Professor der Geschichte des Orients und der semitischen Philologie, als Kenner der hebräisch-arabisch-chaldätschen Sprachen und der rabbintschen Literatur, als orthodoxer Christ beehre ich mich, meine Dienste Sr. Excellenz anzubieten, um tüchtige Prediger heranzubilden, welche die Orthodoxie unter der jüdischen Bevölkerung in den Westgebieten mit Erfolg verbreiten könnten. Wenn Se. Excellenz mich mit Ihrer Zustimmung beglücken wollen, so beehre ich mich, Ihnen mitzutheilen, daß ich meine Thätigkeit auf diesem Gebiete unverzüglich eröffnen kann." Diesen Vorschlag hat der Führer der russischen Kreuzzügler gegen das Judenthum, Oberprocurator Pobedonoszew, mit Freude accepirt und an den Metropoliten von Kiew, Joanniktj, eine diesbezügliche ^Verordnung ergehen lassen. Die vom Metropoliten Joanniktj eingesetzte Commission zur Ausarbeitung des Projectes einer „Anttjüdischen Missionär-Gesellschaft", die aus den Professoren der Geistlichen Akademie: Malyschewskt, Soljikij, Olesnitzktj und Pokrowskij bestand, hat auch nicht gezögert, das Project des Proffessors Green vollinhaltlich zu accepttren und dessen schleunige Verwirklichung zu befürworten. In Folge dieses Gutachtens hat der Metropolit von Kiew in Einvernehmen mit dem heiligen Synod in Petersburg die sofortige Cretrung der „Antijüdischen Missionär- Gesellschaft" angeordnet, welche mit der Ausgabe betraut worden ist, die Orthodoxie unter den Juden im Niederlaffungsgebiete zu verbreiten." Diese Thatsachen, schreibt das „Fr.-Bl.", welche wir aus osficteller Quelle geschöpft haben, machen die Versicherungen der russichen Regierung, sie taste die confessionelle Freiheit ihrer Unterthanen nicht an, einfach lächerlich. Wie viel fehlt noch, daß die russische Regierung ihre jüdischen Unterthanen durch pozeiliche Gewalt in die Kirchen jage, um sie dort taufen zu lassen? Nach dem russischen Gesetze können Kinder jüdischer Eltern erst nach Erreichung eines Alters von sechzehn Jahren der Taufe unterzogen werden. Wie handhaben jedoch die russischen Popen und die Polizeibeamten dieses Gesetz? Sie taufen jüdische Kinder, die nicht einmal ein Alter von zwöls Jahren erreicht haben. Unlängst langte eine Beschwerde eines jüdischen Ehepaares an das „Departement der fremden Confessionen" ein, worin die ergreifende Geschichte einer gewaltsamen Bekehrung eines zehnjährigen Judenmädchens zur Orthodoxie erzählt und um Abhilfe gebeten wird. In welchem Sinne diese Beschwerde erledigt werden wird, weiß nur Gott; allein die Thatsache an und für sich genügt vollkommen, um die in Rußland herrschende religiöse Unduldsamkeit grell genug zu illustriren. In dieser Hinsicht sind in Rußland die Zeiten Nkcolaus' I. mit allen ihren Schrecken zurückgekehrt. Die Schonungslosigkeit, mit welcher die Bekehrung der Juden zum orthodoxen Glauben unter seinem Regime betrieben worden war, ist aller Welt bekannt. Die kleinen Judenkinder, welche unter die Soldaten gesteckt worden waren, die unter dem Namen „Cantonisten" bekannt sind, wurden alle gewaltsam und unter Anwendung geradezu haarsträubender Mittel getauft. Man lese nur das Buch: „Die Vielgeprüften" von Nikttin, worin das Foltern der Judenknaben haarklein geschildert wird, uud man wird begreifen, mit welcher christlichen „Liebe" diese gewaltsame Bekehrung betrieben worden war. Man hat zwöfjährige Judenknaben auf glühende Elsenplatten gestellt, man hat ihnen tagelang keine Speise gegeben, man hat sie der körperlichn Züchtigung unterworfen, um ihnen „Liebe zur Orthodoxie" einzuflößen. Diese grausamen Zeiten sollen, wie es scheint, neubelebt werden, um die Lehre dessen, der Liebe und Brüderlichkeit gepredigt, unter den Juden in Rußland zu verbreiten. Wir zweifeln jedoch an einem Erfolg der russischen Regierung auf diesem Gebiete. Die Geschichte der Judenverfolgung beweist, daß auch Schwert und Feuer niemals vermocht hatten, den Glauben der Juden auszurotten. > Vermischtes. *4- Der Stadtverordnete, Herr Kommissionsrath Julius Elkan in Deffau, Inhaber der goldenen Verdienstmedaille, wurde mit den Ritier-Jnsignen II. Klaffe des Herzoglichen Hausordens Albrecht des Bärens decorirt. Die neue Auszeichnung dieses wackern Mannes ward von der hiesigen Gesammtbürgerfchaft freudig begrüßt, insbesondere aber erweckte sie in jüdischen Kreisen ein freudiges Gefühl, denen dieser Vorfall aufs Neue bewies, daß sie unter dem Schutz