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Der Israelit · 1894-02-15 · Heft 14 (15.2.1894) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 14 (15.2.1894)
Date
1894-02-15
Page
– (sequence 7)
Language
German
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235 Jedenfalls hat Ihre Tochter Anspruch auf ihren Pflicbttheil und wenn Sie auch so ein hartherziger Vater sein sollten, daß Ste Ihrem Kinde entziehen, was ihm gehört, so werde ich mich anders zu benehmen wissen, wie Sie! Ich bin aus altaristokratischem Geschlecht und Diejenigen von Plauen haben niemals materiellen Dingen einen Einfluß auf ihre Handlungsweise gestattet." Der Bankier lächelte und erwiederte Nichts, der Graf aber rief mit erhobener Stimme: „Thun Sie, was Ste wollen und mögen. Ich liebe Ihr Kind und werde mich mit dem Pfltchtthetl begnügen, das Ihrer Fräulein Tochter unbedingt angehören mutz." Herr Graf, Ste sprechen da von Verhältnissen, die Sie nicht kennen. Ich habe Ihnen schon vorher gesagt, daß ich Ihnen die Gründe nicht miltheilen kann, die mich zu meiner Handlungsweise drängen, so viel aber kann ich Ste versichern, daß zu meinen Lebzeiten meine jüngste Tochter nichts von mir erhalten wird, und daß ich meine gesammte Habe zu meinen Lebzeiten an meine Frau, beziehungsweise an meine älteste Tochter, verschenken werde. Sie sehen, Herr Graf, ich habe alle Vorkehrungen getroffen und mir alles wohl überlegt. Sie sind Nichtjude und meine Tochter Jüdin —" Der Graf fiel dem Banquier in die Rede. „Also dieses ist der Grund, weßhalb Ste Ihr Kind enterben wollen; nun, Herr Berkheim, das soll kein Hinderungsgrund bilden. Die Religion spielt heutzutage keine Rolle mehr. Ich kann Ste versichern, Herr Berkheim, daß ich überhaupt keinen Glauben besitze." Er blickte triumphirend auf den Banquier; er meinte mit diesem Geständntß sich dessen Gunst erworben zu haben. Es ist eine eigenthümliche Thatsache, daß sehr viele Nichtjuden die Begriffe: „Judenthum" und „Religionslosigkeit" identifiziren. Vielleicht, daß Lessings Nathan diese merkwürdige Begriffsverwirrung verschuldet hat, vielleicht auch, daß sie aus mittelalterlichen Ansichten herrührt. Als der Banquier noch immer schwieg, ergriff Grüf Plauen wieder das Wort: „Herr Berkheim", sagte er in feierlichem Tone, „ich bin bereit aus Liebe zu Ihrer Tochter zum Judenthum überzutreten, ich, ein Graf von Plauen!" Der Banquier lächelte fein, jetzt erst kannte er seinen Mann vollständig. „Ich will dies Opfer nicht von Ihnen verlangen, Herr Graf", sagte er, während der Ton einer leisen Ironie aus seinem Worte erklang, „gewiß werden Ihre hocharistokratischen Verwandten das nicht dulden wollen; Sie würden sich ja mit Ihrer ganzen Familie Überwerfen, wenn Sie einen solchen Schritt unternehmen würden." „Ich habe keine Familie.'" rief der Graf schnell. „Wie? Erzählten Sie nicht öfter von Ihrem alten Gefchlechte und von Ihren hohen Verwandten, die sich in den Regierungskabineten vieler Länder befänden?" Der Graf erröthete ein wenig, er sah ein, daß er sich selbst widersprochen hatte, doch der Banqieur kam ihm zu Hilfe. „Es ist mir ja ganz gleichgiltig. mein lieber Herr Graf, es handelt sich ja hier nicht um Ihre Verwandtschaft, sondern um mein Kind; Sie haben mich um die Hand derselben gebeten, ich habe sie Ihnen bewilligt und damit wäre unser Geschäft beendet. Ich hoffe, Herr Graf, Sie nie in meinem Leben wiederzusehen." Er stand zum Scheine auf und that, als ob nun die Unterredung beendet wäre. Auch der Graf sprang auf. Er war in großer Erregung. Alle seine so wohl ausgedachten Pläne schienen an diesem starrsinnigen Sonderlinge zu scheitern. „Ihre Handlungsweise ist mir vollständig unklar," schrie er, „Sie sind ein unnatürlicher und grausamer Vater!" Der Banquier bewahrte seine Ruhe vollständig. „So bin ich nun einmal", sagte er. „Unsere Angelegenheiten sind erledigt. Ste haben nur zu bestimmen, wann die Hochzeit stattfinden soll. Ich will Ihnen sogar so weit entgegenkommen, daß wir Alle an derselben theilnehmen werden." „Herr Berkheim," rief der Graf erregt, „das alles, was Sie mir hier gesagt haben, kann Ihr Ernst nicht sein; Sie scherzen! Nicht wahr, Sie haben nur im Scherz gesprochen?" „Ich wüßte nicht, daß ich Ihnen Veranlassung gegeben hätte, dies von mir zu denken." „Nun denn, Herr Berkheim, so vermag ich nicht mehr Ihnen zu verbergen, wie meine Verhältnisse liegen. Ich bin eine offene und ehrliche Natur; ich sage Alles frei heraus. Besser, Sie erfahren es jetzt, als erst nach der Hochzeit, denn dann ist es vielleicht schon zu spät. Ich bin nicht reich; im Gegentheil, ich wäre kaum im Stande, eine Frau zu ernähren nnd Ihr Kind würde an meiner Seite mit der bittersten Noth zu kämpfen haben." Der Banquier lachte auf. Plauen griff sich mit der Hand nach dem Kopfe; ihm begann zu schwindeln. Was war das für ein sonderbarer Mensch, der ihm da gegenüber stand und der cs vermochte, bei Eröffnungen solch ernster Art in einen Heiterkeitsausbruch zu gerathen. Der Banquier aber hatte schon wieder eine ernste Miene angenommen.

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