Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 14 (15.2.1894)
- Date
- 1894-02-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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tüiSiBifi 283 verlassen, um sein neues Amt als Oberrabbiner von Modena anzutreten. Aber auch unsere Gemeinde hat schon einen Ersatz für das ihr genommene religiöse Oberhaupt gefunden, denn es wurde G iuseppe Sonino zu unserem Oberrabtner erkoren, und hat derselbe auch schon von seinem Amte hier Besitz ergriffen. Derselbe wird zugleich auch als Baal Tefilah (Vorbeter) und Mohel hier fungiren, und hatte er gleich nach seiner Ankunft hier Gelegenheit zu zeigen, daß er nicht nur auf der Kanzel, sondern auch am Borbeterpult was Tüchtiges leisten kann; auch vermag er die n^’D mxo zur vollständigen Beruhigung seiner Heerde zu vollziehen. Unsere Gemeinde darfj sich daher zu dieser Acquisttion gratuliren. — Die Antrittsrede unseres neuen Oberrabbiners wurde auf Kosten unserer Gemeinde in Druck gelegt. M a r o c c o. Mogador, 20. Januar. Die günstigen Folgen der Audienz der jüdischen Gesandtschaft beim Sultan und deffen gnädige Antwort machen sich in der Stadt Marokko immer mehr bemerkbar. Die Bastonade gehört jetzt einer vergangenen Zeit an und die Juden können unbelästigt bet den Mauren ihren Geschäften nachgehen. Ein Versöhnungsakt zwischen dem jüdischen Vorsteher und Kaid Widah hat sogar stattgefunden. In vergangener Woche lud derselbe die Vorsteher zu sich in den Garten, wo sie einen sehr vergnügten Nachmittag verlebten, deffen Annehmlichkeit durch den Hauch des Friedens, der die Luft durchwehte, noch erhöht wurde. Der glückliche Wechsel der Verhältniffe ist jedoch nicht ohne ein Opfer eingetreten. Ein Mitglied der Deputation zum Sultan, Herr Mesod Schikri wurde auf dem letzten Theil der Reise vom Fieber befallen, dem er wenige Tage nach der Rückkehr erlag. Herr Schikri war in Mogador geboren und wohnte seit einigen Jahren in der Stadt Marokko. Da er unter dem Schutze der auswärtigen Mächte gestanden und sich in günstigen Vermögensverhältntffen befand, so hatte er persönlich die Grausamkeiten Kaid Widah's wenig zu fürchten. In edler Selbstverleugnung entschloß er sich trotzdem aus reinster Menschlichkeit die Deputation auf ihrer beschwerlichen und gefahrvollen Reise zu begleiten. Diese Reise brachte ihm den Tod, in der Blüthe des Lebens, im Alter von 48 Jahren. Der Gemeinde der Stadt Marrokko blieb all dieses nicht unbekannt und sie erwies dem Dahingeschiedenen die Ehre, die ihm gebührte. Sie gab dem Leichenbegängnisse einen Glanz und eine Feierlichkeit, wie man es seit vielen Jahren in dieser Stadt nicht erlebt hat. Der ganze Melah war buchstäblich in Trauer gehüllt und es wird einige Tage dauern bis die Trauerstimmung verschwunden sein wird. Es geziemt sich, daß wir hier im Namen der Juden von Marokko Sr. Majestät dem Sultan Mulay Hassan herzlichen Dank aussprechen für einen Akt der Gnade, den er bet dieser schmerzlichen Gelegenheit gezeigt hat. Während der schweren Krankheit des Herrn Schikri schien es sehr erwünscht, einen geschickten Arzt zu Rath zu ziehen und baten 11 der vornehmsten Männer der Gemeinde in einer Audienz den Sultan um die Erlaubntß, daß man seinen Arzt zu dem Kranken hole. Mit bewundernswerther Großherzigkeit stellte der Sultan sofort seinen Arzt zur Verfügung. Der Arzt besuchte Herrn Schikri zweimal, aber sein Schicksal war besiegelt. Er starb zum Schmerze eines Jeden. Hier ist reichlicher Regen gefallen und hofft man ziemlich sicher auf eine gute Ernte. Die Gemeinden von Mogador und der Stadt Marokko haben kaiserliche Befehle erhalten den jährlichen Tribut, den sie seit 18 Jahren schuldeten, jetzt zu bezahlen. Die Summe, welche die Juden von Mogador so schulden, beträgt ungefähr 19000 Mark. -£» vermischtes. Magdeburg, 2. Februar. Die „Neuesten Nachrichten" berichten: Herr Dr. Schmöcker hielt jüngst hier einen Vortrag, der von vier Saaldienern und einem Polize kommiffär besucht war und sehr interessante Themen behandelte. Der Vortragende versicherte auf Eid, er könne beweisen, daß die große Kälte im Dezember ausschließlich auf die Schuld der Juden zurückzuführen sei. (Ein Saaldiener: „Hört, hört!") In Berlin sei eS gang und gäbe, daß in den koscheren Restaurants „Christenkinder ä la brochette", „Gojim-Braien mit Kapernsauce" und ähnliche kannibalische Leckerbissen auf der Speisekarte stünden, ja er habe sogar einmal einen „rohen Pastorenschinken" auf einer solchen Magenzeitung gelesen. (Ruf de8 PolizeikommistärS: „Heinrich, mir graust vor Dir!" Ihm wird übel.) Redner referirt ferner von jüdischen Zahnärzten, welche christliche Patienten in der grauenhaftesten Weise folterten, von Rabbinern, welche Christenkiuder durch Zuckerstangerln an sich lockten, um sie heimlich nach jüdischem Ritus zu taufen, von einer jüdischen Studentenverbindung, die eS sich zur Aufgabe gemacht habe, christliche Studenten, namentlich Wingolfiten, anzurempeln und im Säbelduell zu verstümmeln! (Ruf des zweiten SaaldienerS: „Schaudervoll, höchst schaudervoll!" Er verläßt daS Lokal, um zur Stärkung einen zu „pfeifen".) Mit einem frommen Gebet zu seinem Schutzheiligen St. Peter ArbueS schloß Dr. Schmöcker den denkwürdigen Vortrag. (Diese Notiz erschien in den Karnevalstagen. Red. d. JSr.) Cöthen, 6. Februar. Seit etwa 4 Wochen hat der frühere Prediger Herr Dr. Landsberger aus Berlin seinen Wohnort nach hier verlegt, um, nach einer ca. 50jährigen Thätigkeit sein Lebensende zu erwarten. Allein es sollte ihm nicht vergönnt sein diese wohlverdiente Ruhe längere Zeit zu genießen, denn schon am Freitag d. 2. d.M. abends gegen 10 Uhr schied er aus diesem Leben. — Unter zahlreicher Betheiligung der hiesigen Gemeindemitglieder, wurde der verdiente Mann zur letzten Ruhestätte geleitet, an welcher der hiesige Rabbiner Herr Dr. Salikowitz die Grabrede hielt. Derselbe schilderte die guten Thaten des Verblichenen, wie treu derselbe zum Judenthum gestanden, und wie er es verstanden habe die Herzen Vieler für die Religion