Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 14 (15.2.1894)
- Date
- 1894-02-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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280 Haß aufkommen laffe. Ich wurde von der Gemeinde Jochsberg, woselbst ich gleichfalls die Lehrer-Stelle versehe, als deren Deligierter zu dieser Versammlung geschickt. Meine Absicht war die edelste von der Welt. Ich wollte von Mund zu Mund auf die Gefahren einer gegenseitigen Bekämpfung wegen interner Angelegenheiten aufmerksam machen, ich wollte meine Anschauung über den Begriff „orthodox" klar legen — meine mit Herrn Rabbiner Dr. Marx in Darmstadt darüber gepflogene Korrespondenz, die ich vor Beginn der Versammlung offen legte, beweist das — — aber — aber, hier kommt wieder ein Angriff von höchst moralischer Bedenklichkeit — ich wurde vom Vorstande der isr.Kultusgemeind e AnSbach unterAndrohung der„JoHannsdtenste" aus dem Saal gewiesen, noch ehe überhaupt die Versammlung begonnen hatte. Meine schriftiche Vollmacht, die Erläuterungen meiner Wahlfähigkeit — alles half nichts — „der Jude wird verbrannt" heißt es. Von diesem Augenblicke an sah ich ein, daß es unmöglich ist mit solchen Leuten einen ehrlichen Kampf durchfechten zu können. Von diesem Augenblicke an bin ich aber über nichts mehr erstaunt, es ist ja klar: „Sie wissen nicht, was sie thun;" ich bin sogar nicht mehr erstaunt, wenn die Ansbacher Herren einen orthodoxen Kandidaten in Vorschlag bringen würden! doch bin ich nicht so optimistisch, dies zu glauben. Die Ansbacher Verwaltungsräthe sind auf das Wort «orthodox" bitter bös zu sprechen. Woher das wohl kommen mag? Ist doch ein sehr einflußreiches Mitglied des Verwaltungsrathes ein Schüler eines sehr orthodoxen Mannes, des seligen Rabbiners S. B. Bamberger in Würzburg! Das Resultat der von der Anwesenheit meiner Person befreiten Versammlung ist in einer Erklärung in Nr. 12 ds. Bl. den Lesern bekannt. Es haben da eine Anzahl Männer mich als Friedenstörer hingestellt. Ich finde es fast für überflüsfig, zu betonen, daß nur die Absicht, den Rabbtnats-Bezirk Ansbach dem unverfälschten Judenthume zu erhalten, mich zur Thätigkeit angespornt hat. Wer das nicht glauben will, der kann es bleiben lassen. Freilich Leute, welche es als einen Ruhm betrachten, in religiösen Dingen auf der äußersten Linken zu stehen l), haben keine Ahnung davon, daß man religiöse Fragen aus edlem Antriebe behandelt. Zum Schluffe möchte ich den Haupteoup der Ansbacher Herren ins rechte Licht setzen: Sollte trotz aller Mittel und Mittelchen die Kultusverwaltung in Ansbach unterliegen — so, wird der gewählte Candidat mit einer Strafe von 1000 M. 1) L»«r Brrfiande in AnSbach untrr Zeugen gesprochen. belegt!! Anders ist doch der Zusatz zur Erklärung, wonach dem nicht gewünschten Rabbiner ein Gehaltsabzug von M. 1000. — in Aussicht gestellt wird, nicht zu verstehen? Formell ist die Kultusverwaltung in Ansbach im Recht, da diese 1000 M. ein großmüthiges Zugabeopfer der Gemeinde Ansbach sind; aber moralisch? Liegt hier nicht die Rohherrschaft des Geldbeutels auf platter Hand? Erinnert das nicht an jenes Gefchschtsblatt in Israel, das immer und ewig mit Trauerrand versehen, berichtet, daß die hohe Prtesterwürde dem Meistbietenden übergeben wurde? War jene Zeit nicht die Ursache des traurigsten Ereignisses, das Israel je betroffen? Noch ist es Zeit, etnzulenken; ich habe die fadenscheinige Hoffnung, daß die Kultusverwaltung in Ansbach der Orthodoxie im Distrikte durch den Vorschlag geeigneter Persönlichkeiten entgegenkommt. Mag es aber kommen, wie es will, so sollte es doch nicht vergessen sein, daß ein alter jüdischer Brauch es ist, daß die Mehrheit entscheidet. Mag sie für mich oder gegen mich ausfallen, ich gebe mich zufrieden und werde niemandem einen Groll nachtragen. Leutershausen, 12. Februar 1894. Lehrer Oppenh etmer. Literarischer Bericht. Bebel. Sozialdemokratie und Antisemitismus. Verlag des „Vorwärts". Preis 20 Pf. Die Broschüre enthält die vom Reichstags- Abgeordneten August Bebel auf dem Kölner Parteitag gehaltene Rede über die schon auf dem Berliner Parteitag zur Verhandlung gestellte, aber wegen Zeitmangel nicht zur Diskussion gelangte Frage der Stellung der Sozialdemokratie zum Antisemitismus. Bebel setzt in der Kritik des antisemitischen Programms dm kleinbürgerlich-reaktionären Charakter des Antisemitismus klar auseinander, erklärt aus den in der bürgerlichen Gesellschaft wirkenden ökonomischen Gesetzen Erscheinen und Agitation dieser Bewegung und weist nach, wie der Antisemitismus — der „Sozialismus des dummen Kerls" — wenn auch unbewußt und gegen den Willen seiner Führer und Gönner, schließlich doch mit innerer Nothwendigkeit revolutionär wirkt und als Vorarbeiter der Sozialdemokratie die kleinbürgerlichen und kleinbäuerlichen Gesellschaftsschichten zum Nachdenken über die Ursachen ihres sozialen Niedergangs bringt und sie zum Kampfe gegen die politische und wirthschaftltche Ausbeutung — „wider Juden und Junker" — organisiert. In einem Nachtrag beschäftigt sich Bebel eingehend mit den Konservativen und weift