Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 13 (12.2.1894)
- Date
- 1894-02-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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222 sucht und die unstillbare Gier nach fremdem Eigenthum. 5) „Aber der Jude ist ein Protze, vordringlich, arrogant und vorlaut", sagt man. Wir wollen es nicht in Abrede stellen, daß es auch unter den Juden wie überall solche Käuze gibt, aber man darf nicht durch Haß oder Vorurthetl geblendet diese verwerflichen Eigenschaften dem Juden als Stammesfehler gleich auflasten. Im Gegentheil, der jüdische Stamm war der erste, welcher die Anschauung vertrat, daß Demuth, Bescheidenheit und Zurückgezog enheit Vorzüge sind, welche den Menschen die wahre Vornehmheit, wirklichen Adel und den höchsten Werth verleihen. Während den arischen Völkern nur derjenige als achtcnswerth galt, der stolzen Sinn bekundete, der den Kopf hoch trug, dcr Retchthum, Macht und Stärke besaß, deren Heldengestalten und geschichtlichen Vorbilder mit diesen Atributen ausgestattet waren, in denen sie als nochahmenswerth gepriesen wurden, waren es die Juden, die zuerst Demuth und Bescheidenheit als die lobenswerthesten und edelsten Eigenschaften lehrten. Gleich der erste Held unserer Geschichte, Abraham, wie bescheiden und anspruchslos, wie still und geräuschlos erscheint er auf dem Schauplatz derWeltereignisse, er glänzt nicht durch Macht, durch Gewalt, ihn begleitet nicht Waffengeklirr auf seinen Zügen, vor ihm wandelt nicht die Furcht und der Schrecken einher; nein, Milde, Sanftmuth, Friedfertigkeit und Menschenliebe, diese sind seine Bundes- und Kampfesgenossen, mit denen er auszieht die Welt zu erobern, mit ihnen schreitet er durch das Dasein, nicht stolz und voll hochmüthigen Trotzes, sondern demüthig und bescheiden, indem er spricht: „Ich bin Staub und Asche" (I. B. M., 18, 28.) Und welche Vorzüge werden von unserem größten Lehrer, Moses, besonders gerühmt? Etwa sein Muth gegen Pharao, oder sein Feldherrnruhm als Besieger von Sichon und Og? Mit Nichten. „Und der Mann Moses war sehr demüthig, mehr als alle Menschen auf Erden" (Numeri 12, 3). Damit wird seine wahrhafte Größe gerühmt. Und Aron, unser erster Hoh Priester? Er sprach mit Moses: „Wer sind wir?" Welche hohe Würden diese Männer bekleideten, wie hoch und bedeutend ihre Persönlichkeit auch war, sie hielten wenig von sich. Stolz und Hochmuth können nach der Lehre des Talmud mit wahren Verdiensten gar nicht vereinigt werden und wer der Menschheit wirklich nützlich ist und einen wirklichen ethischen Werth besitzt, der kann nicht anders als bescheiden und demüthig sein. Die Fruchtbänme, so erzählt der Midrasch, wurden gefragt, warum sie so gar kein Geräusch machen, während die Waldbäume, die ohne Früchte sind, beim leisesten Windhauch gleich so lärmend rauschen? Die Antwort war, weil die Fruchtbäume es nicht nöthig haben durch Rauschen sich bemerkbar zu machen, da ihr Dasein schon ihre Früchte bekunden, die Waldbäume aber, wer würde was von ihnen wissen, wenn sie nicht lärmend rauschen würden, sie haben keine Früchte zu bieten, so bringen sie sich ourch ihr Lärmen in Erinnerung. (M Rabba Genesis.) Welches Geräusch manche „arische" Waldbäume mit ihrem Phrasengebrüll und ihrem Schlagwortengebrause von der jüdischen Arroganz in der Welt machen, davon weiß Jeder, aber sehet sie Euch an, diese Sittenrichter, diese antisemitischen Führer, wie demuthsvoll, ach wie rührend bescheiden sind sie! Der Jude hat doch wahrlich das Recht, auf seine staatsbürgerlichen Rechte hinzuweisen und Lärm zu schlagen gegen die Verleumdungen alle, die ihm aufgehalst werden, aber er beschränkt sich nur auf die nothwendige Verteidigung; bleibt still, ruhig, geduldig und bescheiden, da für die Juden in ihrer Gesammthett ihre Früchte, ih'.e Tugenden und ihre heilsamen Lehren, mit denen sie der Gesammtmenschheit nützlich sind, eine viel beredtere Sprache sprechen, als alles Geräusch der Waldbäume. Israel hat stets von seinen Vorzügen den anderen Völkern gegenüber geschwiegen, so lange man es in Ruhe ließ, eingedenk des talmudischen Grundsatzes: Wer die eigenen Tugenden nicht vor Anderen hervorhebt, der kann gewiß sein, daß auch feine Fehler nachsichtsvoll benrrheilt werden (Rosch- Haschanah 17), aber wer kann schweigen, wenn ihm die niederträchtigsten Lügen angedichtet werden?! Die Sprüche der Väter, die jedem Juden als die heiligsten Morallehren gelten, von deren Abschnitte er dcn ganzen Sommer hindurch je einen an jedem Sabbat zu lesen verpflichtet ist, um sich dieselben einzuschärfen und sein Thun danach einzurichten, in diesen Sprüchen wird jedem Israeliten mit besonderer Wärme an's Herz gelegt und mit besonderem Nachdruck empfohlen, ja nur bescheiden zu sein: „Sehr, gar sehr sei demüthig und bescheidenen Gemüthes. denn das Ende des Menschen ist Gewürm" (Sprüche d. V., 4, 4). Genügsamkeit und Anspruchslosigkeit sind der wahre Reichthum (das.). Sei demüthig vor jedem Menschen (das.). Dagegen sind Stolz und Hochmuth ein Gräuel dem Herrn (Sprüche Salomo, 16, 5), Wer stolz und hochmüthigen Herzens ist, den mag ich nicht, spricht Gott (Psalm 101, 5). (Fortsetzung folgt.)