Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 12 (8.2.1894)
- Date
- 1894-02-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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196 muffe bet „Station Jerusalem" Alles aussteigen; die Juden haben auch der Regierung gegenüber große Herrschaft. Schneider äußerte: „Die Minister müffen machen, was die Juden wollen. In der sranzössischen Kammer fiel einmal die Bemerkung, daß der Wiener Saatenmarkt eine Versammlung von Räubern und Gaunern sei. Man solle es unmöglich machen, daß die christlichen Geschäftsleute von Juden aus aller Herren Ländern betrogen und bestohlen werden." Sollte man derartige Aeußerungen überhaupt für möglich halten! Brünn, 27. Januar. Der gestern verstorbene Gemeinde- und Kammerrath Heinrich Gomperz hat seine Gemäldesammlung im Werthe von einer Viertelmillton Gulden der Stadt Brünn, seine Bibliothek im Werthe von 20,000 fl. dem Deutschen Hause, den Betrag von 40.000 fl. zu humanitären Zwecke und sein Wohnhaus im Werthe von 30,000 fl. der israelitischen Cultusgemeiude zu Stistungszwecken vermacht. Ans Mährisch-Weißkirchen wird geschrieben: „In der hiesigen Bevölkerung wird sehr beifällig über einen Vorfall gesprochen, der Zeugniß ablegt für die edle Denkungsart des Erzherzogs Heinrich v. Toskana, welcher sich in der hiesigen militärischen Ober-Realschule befindet. Bor kurzer Zeit wurde der hiesige Rabbiner Dr. Leimdörfer und der Vorsteher der Israel. Kultusgemetnde, Herr Ehrlich, vom Erzherzog in besonderer Audienz empfangen und von demselben sehr ausführlich über die Verhältnisse der hiesigen Kultusgemeinde befragt. Bald darauf folgte der Erzherzog einer bei dieser Gelegenheit vorgebrachten Einladung und besuchte die Synagoge der Kultusgemeinde. Als der Rabbiner vor dem Erzherzog die Thora entrollte, ergab sich der Zufall, daß gerade die Stelle aufgeschlagen wurde, welche heißt: „Liebe deinen Nächsten wie Dich selbst." Der Rabbiner wies nun darauf hin, daß dieses auf alle Menschen ohne Unterschied der Geburt und des Bekenntnisses sich beziehende Wort einen der Grundpfeiler des jüdischen Glaubens brlde. Eine große Auszeichnung widerfuhr denbeidenFunktionären der Kultusgemeinde dadurch, daß sie zum Diner beim Erzherzog geladen wurden. Was aber dem feinen Takt des Erzherzogs ein besonders günstiges Zeugniß ausstellt, ist der Umstand, daß er in zarter Rücksichtnahme auf die rituellen Gebräuche seiner Gäste das Geflügel für das Diner beim Schächter der israel. Gemeinde schlachten und die Speisen in ganz neuen, vorher noch nicht gebrauchten Geschirren rituell bereiten ließ. Italien. Rom, 1. Februar. Unsere Gemeinde wurde heute von einem schweren Unglücke betroffen. Gegen 2l/2 Uhr Nachmittags kehrte nämlich unser verehrter Cultusvorsteher, CavaliereSettimio Esdra, aus seinem Geschäftsbureau — er war auch Gouverneur (reggente) der Italienischen Reichsbank — nach seiner Behausung zurück. Auf der Piazze de Venezia angelangt, brach er plötz'ich zusammen und war auf der Stelle eine Leiche. Ein Schlaganfall hatte seinem Leben ein rasches Ende bereitet. Man schaffte ihn nun in sein Palais Via di Genorsa Nr. 23 und holte auch rasch seinen Hausarzt Dr. Lontana herbei; dieser erklärte jedoch sogleich, daß seine Gegenwart hier überflüssig sei. Der Verstorbene hatte das 75. Lebensjahr erreicht. .n":mn Wie ich vernehme, fand das Begräbntß erst am Sonntag statt. Nach gerichtsärztlicher Constatirung ist Earvaliere Esdra an Aneurismus gestorben. Rußland. Rußland. In Nr. 50 des „Woschod" vom 28. Dezember v. I. finden sich einige recht interssante Einzelheiten über die Ereignisse der letztjährigen Einberufen der Wehrpflichtigen in Warschau. Einberufung zur Erfüllung der Militärpflicht wurden im Ganzen 2900 Personen — 1546 Christen und 1363 Juden. Von diesen wurden aber nur 703 Personen zum Dienst tauglich befunden, und zwar 343 Christen und 364 Juden. Unter den Angenommenen fanden sich 23 Personen im Besitz des „Privilegiums erster Elaste" (was etwa dem Institut der Einjährigen Freiwilligen in Deutschland entspricht) diese waren alle Juden. 64 von den Angenommenen erwiesen sich bereits verheirathet, von denen 19 Christen und 45 Juden waren. 155 Einberufene hatten sich nicht gestellt, und zwar 42 Christen und 113 Juden. Dafür waren aber 574 Personen, die gar keine Matrikel hatten und die deshalb von der Militärbehörde lediglich nach Maßgabe des Wuchses, des Körperbaues und des äußeren Aussehens taxirt werden mußten. Davon nur 2 Christen und 572 Juden! Diese Thatsache beweist deutlich, daß die verhältnitzmäßtg große Zahl der Fehlenden (113) von den Juden einzig und allein dem herrschenden Wirrwarr in der Führung der Geburtsregister zuzuschreiben ist. Außerdem sehen wir die auch in anderen Städten in Rußland bereits mehrfach constatirte Erscheinung wtederkehren, nämlich: von der einberufcnen Minderzahl der Juden — im vorliegenden Falle waren 182 Christen mehr einberufen — werden schließlich mehr junge Leute zum Dienst angenommen, als von der einberufenen Mehrzahl der Christen! Im vorliegenden Falle hatten die Juden der richtigen Proportion nach mir 300 Rekruten zu stellen, es wurden aber deren