Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 12 (8.2.1894)
- Date
- 1894-02-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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194 erkennt außer den von und für Juden geschriebenen Blättern — die er mit dem geschmackvollen Namen „Judenpresse" bezeichnet — noch eine — wenn auch nur sogenannte — jüdische Presse an; Behauptungen, die bisher Specialität der Antisemiten waren. Er empfiehlt die Vertuschung und Bemäntelung dunkler Punkte aus dem Privatleben der Antisemitenführer und das laute Verkündigen von Ausschreitungen einzelner Juden. So machen's ja bereits die Antisemiten. Dieselben werden sich gewiß glücklich schätzen, einen so trefflichen deutsch-israelitischen Gesinnungsgenossen gefunden zu haben. Sie verzeihen ihm gewiß auch die prächtige Stilblüte, welche von einem Aufbauschen von Punkten und gar von dunklen spricht. Ueber den Talmud, von dem Herr Lehmann, genau wie College Rohling, nicht einmal die Bändezahl richtig angebeu kann, wird in folgender Weise abgeurtheilt: „Alle Achtung vor dem Talmud, diesem 24bändigen Sammelwerk (er hat nur 12!) aus sieben Jahrhunderten, das ein Jahrtausend hindurch den Scharfsinn stählte, den Verfolgten 2c. von allen deutschen Bildungsstätten Ausgeschlossenen Gymnasium und Akademie ersetzte. Aber was geht der Talmud heutzutage uns an, was! wissen wir von ihm? Wir studiren ihn nicht, in unfern Religionsschulen wird er nicht gelehrt. Was in unfern Gebetbüchern, selbst in dem tausendjährigen Siddur der Strenggläubigen aus ihm herübergenommen, beschränkt sich, von Gebeten abgesehen, auf vier Dinge, auf zwei Abhandlungen über Opfer und Sabbatbeleuchtung (eso mekowon und bame madlikin) die kein Mensch liest, auf die herrlichen, uralte Sittenlehre trefflichster Art enthaltenden Sprüche der Väter uud auf das im Frühgebet stehende Programm der Wohlthätigkeit: Eie dewarim." Gebetbücher enthalten gewöhnlich Gebete. Wenn man von den Gebeten bet einem Gebetbuch absieht, wie es hier Herr Lehmann geistreicher Weise thut, so bleibt nicht nur aus dem Talmud, sondern auch sonst nichts übrig. Aber wie wandte ganze Pflicht zu beten, die Art und Weise des Gebets, seine Zeit und hundert andere Momente aus der Bibel ableiten kann ohne die Hinweise, die uns der Talmud dazu an die Hand gibt, das wären wir doch recht begierig zu erfahren. Mit der Behauptung, daß uns der Talmud heutzutage nichts angehe, und daß wir nichts von ihm wissen, ist es ebenso weither, wenn Herr Lehmann nicht etwa im Pluralis majestatis geredet hätte. Die jüdische Gemeinde, ihre Synagogen, Thorarollen, die Beschneidung, Trauung, Beerdigung und zahllose andere Aeußcrungen des Gemeinde- und Einzellebens vollziehen sich nro rrn nach dem Gesetz Moses und Israels wie es im Talmud codificirt ist. „Der Talmud ist als die Quellenschrift fürdie Aufsassung desbiblischen Wortsund für die Kenntniß, die G eschichte und die Begründung des überliefert enReligionsgesetzeszubetrachten" haben erst vor ungefähr Jahresfrist 214 deutsche Rabbiner öffentlich erklärt. Ein großer Theil derjenigen Rabbinen, welche sich dieser Erklärung nicht angeschloffen haben, unterließen es deßhalb, weil sie die Bedeutung des Talmud in dieser Form nicht als genügend ausgedrückt fanden, und Herr Lehmann glaubt wirklich er ginge uns nichts an und wir wüßten nichts davon' Freilich, wenn man fich's so bequem macht, wie Herr Lehmann, dann geht uns nicht nur der Talmud, sondern auch die ganze Thora nichts an. — u» min TiD^m wird hier übersetzt: Doch die allerhöchste Pflicht Ist Sorge für den Unterricht. Unterricht, worin? Doch jedenfalls in der Thora, das wird uns aber hier klüglicherweise verschwiegen. — Dagegen wird uns ein altes Psalmwort vorgeführt, welches den deutsch jüdischen Veilletäten, die hier zum Besten gegeben werden, zur Folie dienen soll. Mit ihm klingt das ganze aus: „Ich wünsche Ihnen Glück zu diesem Verbände, zu dieser Bereinigung Deutscher jüdischen Bekenntnisses, die das alte Psalmwort wahr macht: Wir sterben nicht, wir leben, Um Edles anzustreben. Wir fordern nur Gerechtigkeit — Treu deutsch und jüdisch allezeit." Freilich, wenn die alten Psalmen schon dem Deutschthum jüdischen Bekenntnisses das Wort geredet haben, so wird man sich nicht gut dagegen sträuben können. — Aber in den alten Psalmworten wird man diesen Erguß vergeblich suchen, erscheint von dem PsalmiitenLehm ann herzurühren. Wer wollte auch die David, Asaf Heman und wie die alten Psalmiften alle heißen, heutzutage noch citiren; sie waren ja keine Deutschen jüdischen Bekenntnisses! Was die Schwärmerei um Palästina betrifft, die sich noch in einigen altgläubigen Seelen regen soll, und die verlogenen Denunciationen, die daran geknüpft werden, so ist diese Verdächtigung schon so oft und so entschieden zurückgewtesen worden, daß es sich wahrlich nicht lohnt noch einmal darauf zurückzukommen. Herr Lehmann ist so gründedtcht in sein Gewebe von Hirngespinnsten eingesponnen, daß er nicht einmal zu wissen scheint, daß heutzutage es gerade neugläubige Seelen, die sogenannten Zionisten sind, welche diese alte Sehnsucht als neuesten Sport schwärmerisch betreiben. Von ihnen brauchen wir hier nicht zu reden, da wir schon