Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 11 (5.2.1894)
- Date
- 1894-02-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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186 Daß Amerika selbst mit der Gründung jüdischer Ackerbauschulen und Colon.en Vorgehen muß. habe ich schon seit einer Reihe von Jahren sowohl in Europa wie auch in Amerika durch Wort und Schrift nach besten Kräften zu fördern gesucht und bei einer Reihe von Glaubensgenossen auch die Geneigtheit gefunden, auf meine Vorschläge in dieser Hinsicht einzugchen. Es wäre aber ein großes Unrecht, wollte man die nach dieser Richtung gehenden Bestrebungen unserer amerikanischen Glaubensgenossen noch dadurch in der Ausführung erschweren, daß man ihnen fortwährend zur Bodenbearbeitung ungeeignete; oder nicht vorgebrldete Personen üdcrsenvet. Die dortigen Comites, deren Mitglieder meistens mit Berufsgeschäften in noch wett höherem Grade in Anspruch genommen sind, als die hiesigen Glaubensgenossen, haben seit dem Beginn der russischen Verfolgungen im Jahre 1881 die schwierige Aufgabe zu lösen gehabt, die vielen Lausend Russen in den Vereinigten Staaten unterzubringen. Leider ist dabei ein zu großer Procentsatz in New-Z)ork und anderen großen Städten hängen geblieben, die durch ihre Handlungs- und Lebensweise theils mit, theils ohne Verschulden hauptsächlich dazu betgetragen haben, den früher in Amerika unbekannten Antisemitismus auch dort einzubürgern. Würde man den dortigen Comitös eine Anzahl junger, tüchtiger, für die Bodencultur bereits ausgebildeter Personen senden, so würde ihnen die Aufgabe, jüdische Colonicn in Amerika zu gründen, bedeutend erleichtert werden. Die Befürchtung des Verfassers, daß Nordamerika mit der Jnswerksetzung von Colonien alsbald Vorgehen müsse, ehe auch dort das „Zuspät" uns emgegenschallt, theile auch ich; doch muß ich sie dahin deuten: „falls nicht der Zufluß von hausirenden und ähnlichen, für die ökonomische Entwickelung minderwerthigen Elementen aufhört, so ist die Gefahr nicht ausgeschlossen, daß die Amerikanische Regierung ein Einwanderungsverbot erläßt." Mag man diese für uns Juden so hochwichtige Angelegenheit von irgend einem Gesichtspunkte aus betrachten, so wird ein jeder Unparteiische zugestehen, daß zur Bodencultur ausgebildete Juden eine größere Aussicht haben, sich eine achtbare und gesicherte Zukunft zu verschaffen, als Hausirer, kleine Kaufleme und andere Gewerbetreibende, ja sogar Gelehrte, über deren übergroße Zunahme so oft geklagt wird. Ich gehöre nicht zu denjenigen Leuten, welche nur theoretische Rathschläge ertheilen, die sich in der Wirklichkeit nicht ausführen lassen. Durchdrungen von dem Gedanken, hier in Deutschland einen practischen Anfang zu machen, habe ich seit einer Reihe von Jahren diese Frage mit verschiedenen Glaubensgenossen ventilirt. Der schwierigen Aufgabe wohl bewußt, wollte ich anfänglich nur im Anschluß an ein bestehendes Institut oder in enger Vereinigung mit einer Anzahl Gleichgesinnter das Werk beginnen. Nur auf Zureden einiger hervorragender Glaubensgenossen und auf das Versprechen, man wolle die Anstalt kräftig unterstützen, sobald sie erst einmal in's Leben getreten sei, ließ ich mich bewegen, allein in Ahlem bei Hannover eine Garten- und Ackerbauschule zu gründen, in welcher sowohl Kinder von 6—14 Jahren neben dem Elementarunterricht spielend Unterweisung in practischer Ausführung erhalten, wie auch Lehrlinge über 14 Jahren regelrecht ausgebildet werden. Aber ein Einzelner kann solch ein großes Werk nicht zum nützlichen Gedeihen für die Allgemeinheit schaffen, sondern es bedarf oer Unterstützung von allen Seiten. Während ich hier dankend anerkenne, daß einige Freunde, wie namentlich Herr Alphons Jacobsohn in Leipzig, voll und ganz ihr Versprechen gehalten und mir treulich geholfen haben, wurde ich arg enttäuscht, indem ein hervorragender und sonst sehr braver, einflußreicher Freund, auf den ich besonders gerechnet hatte, mich im Stich gelasfen hat. Wenn Gemeinden, denen reiche Mittel zur Verfügung stehen, solche Bestrebungen, wie sie in dem neuen Institut gepflegt werden, nicht unterstützen, so muß man sich fragen: Ist es Gleichgültigkeit oder Mangel an Verständniß für die im Interesse des Judenthums so wichtige Förderung der Bodencultur? Daß die Anstalt in Ahlem durchaus keinen lokalen Charakter hat und kein Unterschied bet der Aufnahme gemacht wird, ob Zöglinge aus Frankfurt, Berlin, Hamburg, Hannover oder irgend einer anderen Gegend Deutschlands sind, ist genügend durch die Prospecte, sowie durch die Zeitungen erörtert worden. Auch ist es ein Leichtes, durch einen Besuch in Ahlem sich Aufschluß darüber zu verschaffen, wie das Geld dort angewandt wird. Zu meiner großen Freude Haben eine Anzahl unserer hervorragendsten deutschen Glaubensgenossen bei einem Besuche des Justitus im vorigen Monate ihre volle Befriedigung über dasselbe nach einem halbjährigen Bestände ausgedrückt. Mir zur Seite steht ein provisorisches Comite, welches sich nach Annahme der Statuten, die jetzt in Berathung sind, zu einem definitiven constituiren wird. Ich beabsichtige das neue Unternehmen zu einem großen Musterinstitute zu gestalten, wonach hoffentlich ähnliche in Deutschland und anderen Ländern gegründet werden. Zur Ausführung dieses Planes