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Der Israelit · 1894-02-05 · Heft 11 (5.2.1894) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 11 (5.2.1894)
Date
1894-02-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXV. Jahrgang. Beilage nt M H ües „Israelit". Leitender Artikel. Die Juden als Ackerbauer. In einer der jüngsten Nummern eines jüdischen Blattes befindet sich ein Artikel, überschrieben „Eine wichtige Frage", worin die Nothwendigkeit hervorgehoben ist, einen größeren Bruchtheil unserer Glaubensgenossen baldmöglichst zur Beschäftigung unserer Väter, der Bodencultur, zurückzuführen. Soweit die Nothwendigkeit dieser Bestrebungen hervorgehoben und erläutert wird, stimme ich mit dem Verfasser überein, dagegen halte ich die Aussichtslosigkeit und die Schwierigkeiten, diesen Plan hier in Deutschland zur Ausführung zu bringen, für nicht so groß, wie sie geschildert werden. Wenn einTheil unserer Kinder und Jünglinge in möglichst frühem Alter in richtiger Weise zur Bodencul ur erzogen und herangebildet wird, was in kleineren Städten und auf dem Lande ein Leichtes ist, so findet sich auch wohl noch in Deutschland, abgesehen von andern europäischen Staaten, Land, auf welchem sie sich durch rationelle Bewirthschaftung ein gesicherteres Auskommen und eine geachteterc Stellung verschaffen können, als ihnen dies beim Klein- und Hausirhandel möglich ist, namentlich da, wie der Verfasser ja auch zugiebt, die Gesetzgebung bestrebt ist, diese Gewerbe, die wenig bemittelte Juden hauptsächlich treiben oder seit Jahrhunderten zu treiben gezwungen waren, allerhand Beschränkungen und Schmälerungen zu unterwerfen. Voll und ganz unterschreibe ich den Satz des Verfassers: „Die Rückkehr zur Agricultur ist das Einzige, was Tausenden und Zehntausenden von Juden ein erträgliches Dasein verschaffen würde. Wir glauben, unsere Hausirer wären unaussprechlich glücklich, wenn sie mit den selbstständigen Bauern tauschen könnten, die im bescheidenen Genüsse eines kleinen, aber sicheren Besitzes ein ruhiges, zufriedenes und von Nervenabspannungen freies Leben führen." Es sind noch heute in Deutschland viele Tausende von Morgen kulturfähiges Land theils gar nicht, theils ungenügend bebaut. Selbst in der Nähe von großen Städten, wie z. B. Hannover, trifft man noch Land, welches durch geeignete Cultur mittels Spaten und Pflug, durch Drainage rc. für Getreide-, Gemüse-, Obstbau, Beerenzucht rc. nutzbar gemacht werden kann. Diejenigen Jünglinge, welche, obschon in rationeller Weise bereits in frühen Jahren zur Bodencultur angehalten, doch noch nicht die Körperkräste haben, wie die einem jahrhundertlang den Boden bebauenden Banerngeschlecht entstammenden christlichen Landleute, können später, nicht zu weit von größeren Plätzen Gemüse-, Obstbau und andere Zweige des Gartenbaues betreiben. — Es könnten sich alsdann Kolonisations-Gesellschaften bilden, welche in kleinerem Maßstabe ähnlich der jüdischen Colonisationsgesellschaft des Herrn von Hirsch, den gemeinnützigen Baugesellschaften oder in Form von Rentengütern, unterstützt von wohlhabenden Glaubensgenossen, Landcomplexe unter sich vertheilen, um dieselben selbst zu bebauen. Ich glaube bestimmt, derartige Bestrebungen, wenn sie sachgemäß geleitet werden, würden die wohlwollende Unterstützung der Regierung finden. Aus eigner Erfahrung will ich hier mit Dank constatiren, daß bei der von mir errichteten Erziehungsanstalt für Bodencultur in Ahlem bei Hannover-Linden sämmtliche Behörden, von dem Herrn Oberpräsident und Herrn Landrath bis zum Gemeindevorsteher, mit größter Zuvorkommenheit dazu beigetragen haben, das Werk zu fördern. Am Wenigsten kann ich darin mit dem Verfasser übereinstimmen, wenn er den Juden räth, aus Furcht vor dem Antisemitismus in Deutschland keine Bodencultur zu betreiben. Leider läßt sich ja die Ausbreitung des Antisemitismus nicht leugnen. Indessen würben Juden, welche Bodencultur betreiben, voraussichtlich nicht einmal in dem Maße durch antisemitische Verhetzungen geschädigt werden, wie Kaufleute und Hausirer, ja selbst Handwerker. Während die unter dem Banne des Antisemitismus stehenden Nichtjuden jüdische Kaufleute und Handwerker meiden und ihnen ihre Kundschaft entziehen, wird man beim Ankauf von Bodenprodukten und Früchten nur die Güte und den Preis berücksichtigen und nicht fragen, ob Christen, Juden oder Heiden dieselben productrt haben. Sollte aber der Antisemitismus den Juden den Aufenthalt in irgend einer Gegend des deutschen Vaterlandes unmöglich machen, so würde ein mit der Bodencultur vertrauter kräftiger jüdischer Landwirth oder Gärtner mit offenen Armen in den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika und anderen überseeischen Ländern ausgenommen werden, während man die Einwanderung solcher Juden, welche drüben als Hausirer, als Schneider, oder in ähnlicher Weise ihr Fortkommen suchen, nur ungern steht.

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