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Der Israelit · 1894-02-01 · Heft 10 (1.2.1894) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 10 (1.2.1894)
Date
1894-02-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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166 wird ihm jetzt das Bewußtsein der sittlichen Nothwendigkeit lebendig, weil es das Gebotene als das Gute und das Verbotene als das Schlechte ahnt. Die Pflicht ist nicht mehr die hohe, resigntrte Gehorsam fordernde Gebieterin, sondern die liebende, fürsorgende Mutter, als deren Sohn — mxo 12 — sich das Kind von nun an begreift. So treu wacht keine Mutterliebe über ihre Lieblinge, wie die Mizwo schützend, schirmend die ihrigen auf dem Weg durchs Leben geleitet. Diesen Weg der Pflicht, den andere erst im Alter religiöser Mündigkeit betreten, ist den auf diese Weise Erzogenen schon lange vorher geläufig und heilig gewesen. Daß wir den Knaben diesen Lebensweg nicht erst a!s einen später einzuschlagenden, sondern als einen solchen ansehen lernen, auf dem er schon jetzt steht, den er schon jetzt zu gehen hat, das ist vielleicht auch der S.nn jenes vieldeutigen Satzes Salomonischer Erzichungsweisheit: m on 'v hy "iy^> "jun ruoD tid* tö rpr 'D. Wenn es für den Knaben und für den Greis nur einen und denselben gottgewiesenen Lebensweg gibt, so wird der Knabe, der ihn mit Ernst einmal gegangen, auch im Alter nicht verlassen. Unser ganzes Leben handelt gegen diese Art der in diesem Sinne geforderten Erziehung. Vielleicht ist dies ent Grund der vielen getäuschten Hoffnungen und fehlgeschlag nen Erwartungen gerade auf diesem Gebiete. Wir sind von der Wiege bis zum Grabe immer in Vorbereitung begriffen. Selbst wo wir uns niederlaffen, sind es Absteigequartiere, die wir nur in der Absicht bezuhen, sie wieder zu verlassen. Das Kindesalter ist die Vorbereitung für's Jünglings- und Jungfrauenalter. Als Jüngling und Jungfrau werden wir vorbereitet für den Beruf als Mann und Weib. Mann und Weib finden die Erfüllung ihres Lebensberufs erst als Vater und Mutter. Kaum haben wir den Zenith unseres Daseins erreicht, so ist er auch überschritten und neigt dem Ende zu, das die eigentliche letzte Bestimmung alles bisherigen Lebens und Strebend bildet. Wo liegt der Zweck, das Hochziel, der Gipfelpunkt des Lebens? Bei diesem stetigen kaleidoskopartigen Wechsel nirgends. Wenn das eigentliche Leben des Kindes erst im Jünglingsalter beginnt, das Jünglingsalter erst im Mannesaller seine Vollendung findet, wie soll man dann das Kind für die Lebenspflicht gewinnen, die erst später ersteht, die es nur vom Hörensagen kennen und nicht begreifen kann? Wer aber durch Chinuch, durch praktische Uebung und Gewöhnung das Kind auf denselben Lebensweg geführt hat, auf dem der Führer geht, ihn denselben, ganz wie es die Großen thun, gewissenhaft einhalten lehrt, der hat alles, was in seiner Macht steht, gethan, daß auch im Alter das Kind diesen Weg nicht verlasse. Das ist bei uns so gehalten worden, so lange es noch keinen Religions-Unterricht gab. Diese Art und Weise der Erziehung der Kinder ist es, die der Pädagoge Diester weg mit folgenden Worten feiert: „Von den Juden und ihrem Glauben kann „man mir Achtung nicht reden, ohne von den „Rechtgläubigen mit Achselzucken angesehen zu „werden. Trotzdem aber sage ich: daß sie ihren „Kindern niemals ein formulirtes Glaubensbe- „kenntniß vorlegen und dieses bis zum heutigen „Tag nicht thun (darin ist Diesterweg leider! „im Jrrthum), sondern sich darauf beschränken, „durch die historischen Schriften des A. T., ins- „besondcre durch den Pentateuch, sittlich religiös „auf die Jugend zu wirken; darin haben sie ein „sehr tiefes Verständniß der kindlichen Natur „bewährt. Ein so unterrichtetes und in seiner „Familie ausgewachsenes Kind wird (halb-) „herangewachsen ohne weiteres, d. h. ohne Be- „kenntnißzwang, ohne Versprechen 2c. in die Ge- „mcinde ausgenommen Das Verfahren der „christlichen Kirchen muß dagegen als ein zurück- „gekommenes bezeichnet werden. In jener Weise „spricht sich das Vertrauen zu dem Leben aus, „das Vertrauen, daß dieses unendlich wichtiger „sei, als alle Lehre, daß das Kind unter Personen jüdischen Glaubens aufgewachsen, in das „Wesen desselben lebendig hineingewachsen sei." Wie würde Diesterweg erst dieser sittlichen Einwirkung auf das Kind durch den Pentateuch das Wort reden, wenn er die Erklärung des Pentateuch durch Raschi aus eigener Anschauung gekannt und so den Antheil hätte ermessen können, den der Geist dieses Commentars gerade an dem Vertrauen zu dem Leben hat, das hier mit Recht so hoch angeschlagen wird. Dieses Vertrauen in das Pflichtlcben des heimischen jüdischen Kreises ist es, das keine Ueberschätzung der Gefahren und Kämpfe, der Schwierigkeiten und Hindernisse aufkommen läßt, mit welchen das Leben draußen die Verwirklichung der jüdischen Wahrheit zu erschweren sucht. Draußen wogt das Leben in seinen mächtigen Dimensionen und droht mit seinem gigantischen Schritt alles zu zermalmen, was ihm nicht willig Heeresfolge leistet. Im Hause lebt der Friede mit Gott, den die Welt verlacht, der Friede mit den Menschen, den der Kampf ums Dasein verleugnet. Beide, das Welt-Leben draußen und der heimische Gottes-Friede drinnen stehen uns in ihrer ehi furchtgebietenden Bedeutung da und st-.llcn uns und unsere Kinder täglich, ja stündlich

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