Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 10 (1.2.1894)
- Date
- 1894-02-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXV. Jahrgang. Erste Beilage )u M 10 des „Israelis. Leitender Artikel. Wie gewinnen wir unsere Kinder für das Iudenlstum? Von Bezirks-Rabbiner Dr. Ghrrnarm in Baden (Schweiz.) (Schluß.) Alle Lehrbücher der mosaischen Religion zusammengenommen, enthalten nicht so viel Anregung zu wirklicher, tiefer Religiosität und zur Aneignung wahrer, jüdischer Welt- und Lebensanschauung als der Thora-Commentar vonRaschi allein. Diese Lehrbücher! Wie reich an innerer Lebenskraft erscheint doch das alte Judenthum, das von dieser Literatur nichts wußte und wie arm an innerem, religiösen Fonds nimmt sich unsere Religion en gros betreibende Zeit dagegen aus, trotz der mehr als 500 Katechismen und Religionsbücher, welche eine neuliche Enquete des preußischen Kultusministers konstatirte! Das alte, historische Judenthum wußte von diesen Behelfen nichts. Es brauchte nicht die erdrückende Büchermasse ohne die man heute auch in anderen Disciplinen nichts anzufangen und nichts fertig zu bringen weiß. Der Lehrer und der Schüler, der Großvater und der Enkel, der Gelehrte und der Ungelehrte, hatten eine Quelle, aus der sie ihre Bildung und Weisheit schöpften; das war die Thora. Sie enthielt die Norm des Lebens für den Greis wie für das Kind, Jung und Alt löschten aus demselben Born ihren Wissensdurst und standen auf demselben Boden der Gottgebotenen Pflicht. Gtebt es eine ergreifendere Manifestirung der Göttlichkeit unserer Thora, als die Thatsache, daß sie für Enkel und Großvater die strahlende Leuchte, der stützende Stab, der treue Begleiter durch alle Versuchungen und Kämpfe des Lebens ist? Das Lehrbuch des sechsjährigen Aleph-Beth- Schützen ist sonst für den zehnjährigen Knaben ein längst überwundener Standpunkt. Der fünfzehnjährige wendet sich blastrt von der Lectüre, welche das höchste Ergötzen des zehnjährigen war. Der zwanzigjährige belächelt den kindischen Geschmack, der bei ihm vor fünf Jahren noch en voque war. Der gereifte Mann kehrt den Lieblingsbüchern des Jünglings den Rücken und findet seine Befriedigung in denjenigen Schriften, welche dem Ernst des Lebens Rechnung tragen, während der Greis mit seinem bereits auf die Ewigkeit gerichteten Blick den Ernst, mit dem sich alles krampfhaft an's Leben klammert, schaal und kleinlich findet. Das einzige Buch, aus welchem das zum Leben erblühende Kind und der aus dem Leben bald scheidende Greis mit gleichem Nutzen ihre Belehrung schöpfen, das ist das Buch der Bücher, die Thora, der schon durch diesen Umstand das Gepräge ihrer über menschlicher Autorschaft himmelhoch erhabenen Göttlichkeit ausgeprägt ist. Der Großvater, der mit dem Enkel über dieselbe Thora sich lehrend beugt, ist ein Garant ihrer himmlischen Abstammung, i^to zriron nbvü mm im p n« ‘id^dh .'2D "HD Bei unseren Religionsbüchern fällt dieses fort. Das Buch ist nur für die Jugend berechnet und innerhalb der Jugend nur für die Schule, für die Religionsstunden. Außerhalb derselben und gar nach absolvirter Schulzeit hat das Buch keinen praktischen Werth mehr. Wer sähe es auch je später wieder an? Man hat das Kind gelehrt, daß jetzt die Epoche seiner Ausbildung und Vorbereitung für die Zeit sei, in die es später nach seiner religiösen Mündigsprechung treten werde. So lange es Religion lernt, hält es sich zur Ausübung des Gelernten noch nicht verpflichtet und sobald es sich in Pflicht genommen weiß, lernt es keine Religion mehr. Das nicht nach den Eingebungen dieser Katechismusweisheit, sondern min ’m bv, auf den Knieen der Thora erzogene Kind weiß sich mit dem ersten Erwachen des Bewußtseins auf dem Boden der Pflicht. Wenn cs reden kann, lehrt cs der Vater die Worte sprechen: nvü i^> rrs min apy» n^np, wenn es Verständniß für die einzelnen Mtzwoth hat, wird es zur Uebung derselben herangezogen. Daß es die volle Verantwortlichkeit für sein Thun und Lassen erst später zu tragen hat, das wissen wir. Aber das Kind hält dies nicht ab, alle Pflichten so genau und gewiffenhaft zu erfüllen, wie es seine kleine Welt gestattet, in der es lebt. Die Pflicht mit ihrem ganzen Ernst tritt ihm entgegen bei jeder Beracha, die es spricht, bevor es sich einen Genuß gestattet, bei jeder Freude, die es meidet, sobald sie ihm das Gesetz seines Gottes als unzulässig bezeichnet, also tont eomme chez nous; ganz so, wie wir Großen. Es steht mit dieser Pflicht so fest verwachsen da, daß es auch, wenn es religiös mündig wird, darin nicht befestigt, d. h. confirmirt werden kann. Wenn die Stunde eintritt. die das jüdische Kind religiös großjährig spricht, so ist cs der Augenblick, in welchem nach der sinnigen Lehre der Weisen der nsr wvn, der Sinn für das Gute in ihm lebendig wird. Für dasjenige, was es bis jetzt aus äußerem Zwang und Gewöhnung geübt und gemieden hat,