Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 10 (1.2.1894)
- Date
- 1894-02-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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„Aber weßhalb fragen Sie darnach?" „Er muß einen Brief meines Fräuleins nicht erhalten haben", sagte sie während ein lauernder Blick ihn traf. „Und was enthielt dieses Schreiben?" „O, es wäre eine Freudenbotschaft für ihn gewesen", heuchelte Fräulein Pinne. „Mein Fräulein hat ihm geschrieben, er möge hierherkommen. Es werde ihr endlich gelingen, alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen, und sie hoffe, daß sie schon in kürzester Zeit ein glückliches Paar sein würden. Und nun, Herr Professor, dieses Unglück, mitten hinein in all diese schönen Hoffnungen. Ach, ich bin ganz außer mir, doch ich muß eiligst fort, mein Fräulein vergeht vor Sehnsucht nach weiteren Berichten. Sie haben wohl die Güte selbst hinzukommen? Etwa in einer Stunde?!" Sie lief davon, ohne sich zu verabschieden; die interessante Neuigkeit brannte ihr auf der Zunge. Sie nahm einen Wagen und spornte den Kutscher zur größten Eile an. In der That hatte Feodora ihre Ungeduld kaum zu bezwingen vermocht. Als nun Fräulein Pinne in das Zimmer stürzte, verschloß sie zuerst mit wichtig thuender Miene die Thüre. „Kindchen!" schrie sie dann, „er hat sich ja gar nicht umgebracht!" „So lebt er, und ist es zufrieden, daß ich mit ihm gebrochen habe?" „Wo denkst Du hin, Kindchen, er ist tobt!" „Todt!" Das Wort fiel Feodora schwer auf die Seele. Mit fliegender Hast erzählte nun Fräulein Pinne, was sie von dem Professor gehört hatte. Feodora beruhigte sich dabei immer mehr. Sie hatte also eigentlich ganz vergebens Gewissensbisse gehabt und eine schreckliche Nacht verbracht, sie hatte sich die Schuld an seinem Tode betgemessen, und nun war dies nicht einmal der Fall. Sie war unschuldig, er hatte nicht einmal ihren Absagebrieferhalten. Sie ärgerte sich. Warum hatte man ihr dies nicht gleich gesagt, warum hatte man sie vergebens beunruhigt. Aber der Professor sollte es büßen, daß er sich diese Täuschung mit ihr erlaubt. Sie wollte nicht eher rasten, als bis sie ihn zu ihren Füßen sah und dann wollte sie ihn verlachen und die Gemahlin des Grafen werden. Von Elephanten zertreten, oder von der Volksmasse zerdrückt, war es nicht eine geradezu lächerliche Todesart? „Er war von jeher ein sehr gewöhnlicher Mensch" — bemerkte sie mit verletzend häßlichem Spotte. „Ein armer, russischer Judenjunge! Die ganze Sache war doch zu kindisch und lächerlich. Die romanhafte Schrulle eines Backfisches, man muß den thörichten Streich möglichst schnell vergessen und nie mehr daran zurückdenken! „Wie sollte sie nun den Professor empfangen? „Er war ein vertrauter Freund des Todten, sie mußte also ganz gebrochen und aufgelöst vor Schmerz erscheinen. Dann wird er sie zu trösten versuchen, und dabei wird sich schon allerlei arrangiren lassen, wirksame zündende Künste der Koketterie. „Ihr ganzes Bestreben bet der Scene, die sich nun abspielen würde, mußte es sein, ihn zu gewinnen." Wie eine Schauspielerin ihre Rolle, so hatte sie sich nun ihr ganzes Benehmen zurecht gelegt. Und der Professor kam. (Fortsetzung folgt.) Der „Israelit^ erscheint wöchentlich zweimal, MontagS und Donnerstags, jedesmal in mindestens zwei Bogen. Preis des Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für's Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen an. — Durch den Buchhandel j» bestehen bei E. $. Steinacker, jleipstg, Doßplah 18. — nferate 25 Pfennig die viergespaltene Petitzeile oder deren Raum. — Oesterreichische Banknoten laut Cours. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland und Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für's Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzusenden. Eine Rücksendung von an die Redactiou eiugesaudteu Manuscripteu findet nicht statt, man bittet deshalb sich von allen Einsendungen eine Copie znrückznbehaltcn. Inhalt (Htmptblatt): Leitender Artikel: Unsere Fehler. (Zur Paraschat-Mischpatim.) — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen : Deutschland: Frankfurt. Berlin. Leipzig. Speyer. Aurich. Rheinbischofsheim. Aus dem Elsaß. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien. Krakau. — England: London. — Vermischtes. — Feuilleton: Im Wahne deS Glücks (Fortsetzung). Inhalt der ersten Beilage: Leitender Artikel: Wie gewinnen wir unsere Kinder für das Judenthum? Von Bezirks- Rabbiner Dr. Ehrmann in Baden, Schweiz (Schluß). — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Wiesbaden. Berlin. — Rußland: Petersburg. Kiew. Inhalt der zweiten Beilage: Zeitungsnachrichten und Correpondenzen: Deutschland: Halle a. d. Saale. Schildberg. — Rußland: Petersburg. — Marocco: Tanger. Verantwortliche Redaction: OScar Lehmann in Mainz. — Expedition deS „JSraelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu zwei Beilagen.