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Der Israelit · 1894-02-01 · Heft 10 (1.2.1894) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 10 (1.2.1894)
Date
1894-02-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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163 „Meine Ahnung!" jammerte diese gedämpft. „Meine Ahnung!" Doch behielt sie soviel Geistesgegenwart, schnell die Dinge in ihren Kleidern zu verbergen. Sie vermochte es auch, die Eltern abzuhalten. „Zu eng gekleidet, zuviel getanzt, Feodora sei unwohl geworden." Schnell wurde sie in ihr Zimmer gebracht. Doch die Eltern blieben lange am Bette ihres Kleinodes sitzen; erst gegen Morgen blieb Feodora mit der Gouvernante allein. Und während dieser Zeit stürmte Südländer wie von Furien gejagt durch die stillen Straßen der Stadt. Was würde sie jetzt beginnen? Wie würde sie rasen und toben vor Schmerz! Und er mußte ihr dieses Leid zufügen. Er, der sie liebte mit aller Gluth seiner Seele. Niemals würde sie ihm vergeben können. Aber morgen! Morgen wollte er den letzten Willen des Freundes miltheilen. Ob sie geneigt war ihn zu erhören?! Längst war es Tag, als Südländer seine Wohnung betrat und sich völlig erschöpft in seinen Gesellschaftskleidern auf das Bett warf. Wie lange er so gelegen, er wußte es nicht; er konnte nicht schlafen. Wie träumend starrte er in's Weite; er war müde, todtmüde. Es hatte an die Thüre geklopft; er antwortete nicht. Jetzt betrat die Wtrthin, eine sehr brave Frau, das Zimmer. Erschreckt fuhr sie zurück; sie hatte vermuthet, es sei Niemand da. Dann kam sie doch wieder näher, als sie ihren Miether so hilflos und sonderbar da liegen sah. „Fehlt Ihnen etwas, Herr Professor?!" „Ich bin unwohl!" entgegnete er matt. „Dann trinken Sie Kamillenthee! O Kamillenthee, es gibt nichts Besseres, wenn man unwohl ist. Das hat mein Mann selig auch immer getrunken, wenn er unwohl war. Gleich will ich ihn machen." Er hielt sie zurück; sie aber wollte seine Einwände nicht gelten lassen. „Ein ganz großer Arzt hat das meinem Mann selig gerathen. Ich sage Ihnen, mein Mann selig, das war ein gescheidter Mann! Er war zwanzig Jahr bei Gebrüder Bär u. Compagnie im Geschäft. Und wenn mein Mann selig-" Der Professor fuhr auf. „Liebe Frau Kroneberg —!" Da klopfte es wieder; Fräulein Pinne stand draußen. Frau Kroneberg führte sie in den Salon, der zu des Professors Wohnung gehörte, nachdem Südländer befohlen, sie herein zu lassen. Frau Kroneberg aber eilte in die Küche, um den Kamillenthee zu kochen. Den müsse er trinken, ob er wolle oder nicht. Und wenn auch der Professor ein berühmter Mann war, solche Dinge verstand Frau Kroneberg doch besser, denn ihr seliger Mann-In Ermanglung anderer Zuhörer hielt sie sich selbst eine lange Rede, während sie den Thee kochte, wovon sie immer Äorrath hatte, und das Fleisch salzte, weil es gerade an der Zeit war. Fräulein Pinne und der Professor waren im Salon. Die Gouvernante war über den Willen ihres Pfleglings genau instruirt; sie wußte, was sie zu reden hatte. Er konnte kaum erwarten, bis sie zu sprechen begann, und doch wagte er es nicht sie zu fragen. Eine Pause war entstanden, Fräulein Pinne wußte ja noch nicht, was geschehen war und sie hätte gewünscht, daß der Profcssor zuerst erzählte, dieser aber schaute sie nur an, als er sie so schweigsam vor sich sah; aus seinen Augen blickte es wie Furcht, die nicht wagt, nach dem zu fragen, was man gerne erfahren möchte; endlich unterbrach Fräulein Pinne die peinliche Stille. „Wann bat er den Brief erhalten?" fragte sie, den Professor; dieser verstand sie nicht. „Welchen Brief?" entgegnete er. Jetzt war die Reihe des Erstaunens an Fräulein Pinne. „Den jüngsten Brief meines Fräuleins, den sie an Herrn Jove schrieb, und der sich nicht unter den zurückgegebenen Gegenständen befindet!" „Das kann ich nicht sagen; ich habe es nicht gewagt die Briefe zu lesen." „Und er starb? Auf welche Weise? Wie konnte das zugehen?" „Aber Sie hörten doch von dem Unglück bei dem Festzuge, man sprach in Ihrem Hause von einem jüdischen Jünglinge, der dabei das Leben verlor, — es war Max. Fräulein Pinne schrie auf — doch war es mehr der Aufsruf eines fröhlichen, als eines schmerzlichen Erstaunens. Sie erhob sich. „An welchem Datum war es doch, daß Feodora den Brief geschrieben?" besann sie sich. „Sie waren ein intimer Freund des Verstorbenen" sagte sie nun laut und mit affectirt kläglicher Stimme. „Sie können mir gewiß sagen, ob Herr Jove in seinen letzten Tagen — besonders heiter und glücklich war?" „Heiter und froh gesinnt wie immer, doch konnte ich keine besondere Veränderung an ihm bemerken." „Keine besondere Veränderung!" erwiederte Fräulein Pinne mit Erregung.

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