Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 10 (1.2.1894)
- Date
- 1894-02-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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162 lauS werde in einem gerichtlichen Urtheil als frech raffinirt und gefährlich bezeichnet, und die Strafe der Schuldiggesprochenen werde nicht aus ihrer Thathandlung heraus, sondern wegen ihrer Zugehörigkeit zum jüdischen Bekenntniß höher bemessen, als dies sonst der Fall wäre. Das Urtheil des Bezirksgerichtes Stantslau bedeute eine Anerkennung des ärgsten und verderblichsten Antisemitismus. Er richtet deshalb an den Justizminister die Anfrage, ob die in dem Erkenntnis angeführten Gründe billig seien und ob er gesonnen sei, solche Erkenntnisse zu dulden. Wien, 30. Jan. Eine außerordentliche Vollversammlung des Vorstandes des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" beschloß, angesichts des Wandels in den innerpolittschen Verhältnissen, wegen der bis zur Siedehitze gestiegenen antisemitischen Umtriebe, an die Regierung heranzutreten, um dieselbe um Unterstützung seiner Ziele und Strebungen zu ersuchen. Heute überreichte eine Abordnung, bestehend aus den Herren v. Suttner, Leitenberger, Graf Hoyos, Professor Nothnagel und General Mtngazzi dem Ministerpräsidenten Fürsten Windischgrätz, sowie den Ministern des Innern, der Justiz und des Unterrichts die beschlossene Resolution, welche ausführt, daß die Juden begründeten Anspruch auf staatlichen Schutz gegen die ihnen feindlichen Bestrebungen haben. Ministerpräsident Fürst Windischgrätz erklärte, die Regierung halte sich klar vor Augen, daß jeder gesetzlich anerkannten Kirche ohne Unterschied das volle Ausmaß der staatsgrundgeschlich gewährleisteten Rechte gebührt, daß somit alle staatlichen Organe die Pflicht haben, auch der mosaischen Religtonsgesellschaft erforderlichenfalls gesetzlichen Schutz angedeihen zu lassen. BaronHirschhat seine Krakauer Stiftung, nach welcher monatlich 5000 Gulden zur Vertheilung gelangen, wieder in Thätigkeit gesetzt. Statt Professor Rosenblatt sitzt Dr. Cohn in der Verwaltung, die sich jetzt hoffentlich genau auch den Wünschen des Barons, dessen Namen die Armen mit Segen nennen, richten wird. England. London, Freitag Nachmittag. Die Dukes’ Place Synagogue befindet sich im Belagerungs- Zustande; eine Abthetlung der City Gendamerie besetzt die Ein- und Ausgänge —, da am verflossenen Dienstag während des Morgen-Gottesdienstes eine Menge der jüdischen arbeitslosen Handwerker Ruhestörungen verursachten. Dieselben begaben sich in das Gotteshaus und schrieen laut: Arbeit oder Brod. Leider ist die Noth dieser polnischen Arbeitslosen sehr groß, aber die Mittel, zu denen sie greifen, sind höchst bedenklicher Natur. London, 23. Januar. Wie bereits Freitag berichtet, ward die Duke’s Place-Hauptsynagoge von der City-Polizei umringt und in vollständigen Belagerungszustand versetzt. Trotzdem begaben sich viele Arbeitslose in die Synagoge —. jedoch wurden weitere Ruhestörungen durch eine Ansprache des Vorstandes Mr. Rosenfeld verhindert. Mr. Rosenfeld versicherte die arbeitslosen jüdischen Handwerker, ihre traurige Lage dem Board of Guardians vorzustellen und in der Comiiö-Sitzung zu vertreten, womit sich dieselben vorerst beruhigt erklärten. Dennoch wurde die Synagoge verschlossen und der nmo und Gottesdienst fand nicht statt Die Anzahl der jüd. Arbeitslosen beläuft sich auf circa 3000. > Vermischtes. < Aus dem Ausbacher Rabbmatsdistrikte, 30. Jan. Die „gemäßigt neologen Männer" der Kreishruptftadt setzen alle Hebel in Bewegung, um der Kandidatur des Dr. Einstein, eines Württembergers, Schüler des Breslauer Seminars, z. Z. in Laupheim, zum Siege für das hiesige Rabbinat zu verhelfen. Darum Ihr wirklich Gesetzestreuen des Distrikts seid auf der Wache, lasset Euch durch hohle, leere Phrasen nicht bethören! D’p^N ’nt ninn mm Feuilleton. Im Wahne des Glücks. (10. Fortsetzung.) Die letzten Gäste waren gegangen. Mit ihnen eilte Professor Südländer hinaus. Er vermochte nicht zu bleiben, er gewann es nicht über sich, ihren Jammer mitanzusehen. Sie stürmte in den Saal zurück; — zum Boskett. Sie suchte ihn und fand ihn nicht mehr. Da riß sie die Umhüllung des Päckchens auseinander. Eilig glitt der Inhalt durch ihre Finger. Ihre Briefe, ihre Locke, ihr Ring. Wollte er mit ihr brechen, in Folge ihres Briefes? Das war nicht möglich, sie wußte es, wie sehr er sie liebte! Da — da war noch ein fremdes Blatt — noch eine fremde Handschrift — offenbar hatte der Professor es geschrieben. Da stand es: „Die letzten Grüße eines treuen Freundes!" Sie schrie furchtbar auf. Laut und gällend hallte es durch die leeren Säle. Die Eltern, Helene und Fräulein Pinne eilten zu ihr; diese zuerst. Schnell drückte ihr Feodora das Päckchen in die Hand.