Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 10 (1.2.1894)
- Date
- 1894-02-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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159 Wir haben darauf zu bemerken: Wenn wir das auserwählte Volk Gottes sind, so haben wir uns nicht selber ausgewählt, so ist diese Erwählung von Gort ausgesprochen, in einer Urkunde, die sich durch Vermittelung der Juden in aller Welt Händen befindet. Sie ist uns in unseren Gotteshäusern erst am vergangenen Sabbat wieder verlesen worden in den Worten: orvvn Tina nx omöw jtdp dn nnyi .pxn bi b 'v 2'vp.i bin rto b> „Und nun, wenn ihr auf meine Stimme hören und meinen Bund hüten wollet, so sollt ihr mir ein Kleinod sein von allen Völkern, wenn mir auch die ganze Erde gehört." (II. B. M.. C. 19, V. 5.) Diese Urkunde, das Buch der Bücher, die Bibel, ist der Christen und Juden in gleicher Weise gemeinsam heilige Boden, aus dem sich unsere Erwählung herleitet. Daß diese letztere nichts enthält und nichts bedeutet, was uns Juden mit einem hochmüthigen Bonzenthum zu erfüllen geeignet ist, kann einem Freunde der Juden, dem ihre Geschichte und Literatur bekannt ist, nicht zweifelhaft sein. Die Würde, welche mit der Erwählung verbunden ist, wird durch die Bürde, welche sie in der That für uns bedeutet, reichlich aufgewogen. Sie bedeutet eine größere Zahl von schweren Pflichten, deren Erfüllung uns obliegt, und ein Martyrium sondergleichen, mit welchem sich die Erwählten die Möglichkeit jede einzelne dieser Pflichten zu erfüllen sich errungen haben. Wenn Goit Israel sein erstgebornes Kind nennt (II. B. M., C. IV., V. 22), so ist damit die Gotteskindschaft aller Menschen anerkannt und stillschweigend vorausgesetzt. Daß alle Menschen einen Vater haben, der sie zu Brüdern macht, das weiß die Menschheit aus der ihr von den Juden überbrachten Bibel. DaS Judenthum ist daher bis auf den heutigen Tag die einzige religiöse Institution. welche nicht spricht: außer mir ist kein Heil zu finden; welche die zeitliche und ewige Glückseligkeit nickt auf ihre Bekenner beschränkt, sondern sie den Braven und Wackern aller Völker zuerkennt; wo in aller Welt liegt da das Empörende, Hassenswerthed Im Grunde genommen ist es aber überhaupt unerfindlich, was das Schächten und die anderen „anstößigen" Gebräuche mit der Auserwähltheit der Juden zu thun haben. Ob wir dadurch, daß wir diese Gesetze erfüllen, etwas vor den anderen Völkern voraus haben oder nicht, das ist ja nicht das Kriterium für ihre Verbindlichkeit. Wir find durch die Göttlichkeit und Ewigkeit dieser Satzungen zu ihrer Efüllung verpflichtet, ob sie uns Ehre oder Schande, Liebe oder Haß bei den Menschen eintragen. Hier liegt die Lösung des Räthsels, wie selbst aufrichtige Freunde der Juden sich zu solchen Rathschlägen verirren können. Ihnen hat das Gesetz aufgehört für sich und für die Juden verbindlich zu sein. Sie glauben, weil ihr christlicher Standpunkt das biblische Gesetz als etwas Ueberwundenes, Abgethanes ansieht, daS müsse auch die Herzensmeinung der Juden sein. Sie begreifen daher nicht, warum man dies alles äußerlich formell noch betbehält und sich dadurch in Gegensatz zu seiner Umgebung setzt. Sie werden leider in dieser Anschauung durch den Umstan' bestärkt, daß Juden, mit welchen sie verkehren und die sie wegen der Vorzüge ihres Geistes und Herzens schätzen und lieben, mit dem jüdischen Ritualgesetz vollständig gebrochen haben. Sie glauben daher, man könne ihren christlichen Standpunkt von der Abrogirung des jüdischen Ritualgesetzes auch als Jude theilen und dennoch ein ganz vollgiltiger Jude sein. Hätten sie die Ueberzeugung, daß die erdrückende Mehrzahl der 7—8 Millionen Juden, wie man ihre Zahl gewöhnlich annimmt, auf dem Boden des überlieferten, historischen Judenthums steht, das man zur Unterscheidung gewöhnlich das orthodoxe nennt, daß diese Mehrheit heute wie seit Jahrtausenden bereit ist, lieber Gut und Blut hinzugeben, als ihre welthistorische Mission durch Pretsgebung ihres Gesetzes zu verleugnen, so würden solche Rathschläge von Freunden der Juden nicht denkbar sein können. Unsere wirklichen Freunde würden dann so gut wie wir die Entwürdigung empfinden, die in der bloßen Zumuthung liegt, unser Erstgeburtsrecht gegen ein Linsengericht socialer und politischer Vortheile zu verschachern. Liegt ein Fehler jüdischersetts wirklich vor, so ist er auf Setten derjenigen zu suchen, die durch ihre laxe Erfüllung oder offene Geringschätzung unseres Gesetzes unsere christlichen Freunde zu diesem verhängnlßvollen Jrrthum verleiten, ohne welchen solche Rathschläge unmöglich wären. Unseren Feinden werden wir es nicht recht machen können. Aber wenn selbst unsere Freunde die treue Beobachtung unseres Religionsgesetzes empörend finden, so ist es unsere Pflicht, durch unsere verdoppelte und verdreifachte Gewissenhaftigkeit und Anhänglichkeit dieselben zu überzeugen, wie theuer und unersetzlich uns daffelbe ist. Dann wird die Freundschaft unserer Freunde nicht mehr von uns ein Opfer verlangen, für das unsere Ahnen unzähligemale das Leben und seine Güter ohne Bedenken hingegeben haben. Aber wie dem auch sei. Wenn man wirklich uns Juden nur unter der Bedingung keinen Haß mehr entgegenbringen will, daß wir durch Entäußerung alles specifisch Jüdischen aufgehört haben Juden zu sein und als solche zu erscheinen — —