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Der Israelit · 1894-02-01 · Heft 10 (1.2.1894) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 10 (1.2.1894)
Date
1894-02-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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158 beanstandet wird, läßt Herr Prof. Weber dahingestellt sein. Er stellt es mit dem Gebrauch der Inder ihre Wittwen zu verbrennen auf eine Stufe und meint, so gewiß in einem gesitteten Staat die Verbrennung von Wittwen unstatthaft sei, so gewiß fei es auch unzulässig ein Thier nach den Vorschriften des jüdischen Ritus zu schlachten. Nun hat aber die große Majorität aller befragten Autoritäten der Physiologie und Veterinärkunde das Schächten als eine der besten zweckentsprechendsten Tödtungsarten erklärt, bei welcher mit keinem Schein von Recht von einer Thierguälerei die Rede sein könne. Ob das lebendige Verbrennen einer Frau, die kein anderes Verbrechen begangen hat, als ihren Mann zu verlieren, auch etwas so harmloses ist, darüber wären noch die Gutachten von Physiologen einzuholen. Da jedoch dcr Herr Prof. Weber es dahin gestellt sein läßt, ob das Schächten mit Recht oder Unrecht beanstandet wird, so wollen auch wir eS dahin gestellt sein lasten. Die erdrückende Mehrzal derjenigen, die über das Schächten reden und schreiben, kennt es nur aus Zeitungen. Vielleicht hat Herr Prof. Weber so wenig je einen Ochsen schächten, wie eine indische Wittwe verbrennen sehen; wir finden es daher begreiflich. wenn ihm beides auf einer und derselben Stufe steht. — Aber nehmen wir einmal die Sache ernst. Wenn heute sich alle Juden entschließen wollten, entschließen könnten, das Schächten aufzugeben, sie theilten diesen Entschluß ihren Feinden offiziell mit: es wird vom so und so vieltem ab nicht mehr geschächtet, kann dann ein irgendwie vernünftiger Mensch glauben, von diesem Tage an hörte der Judenhaß auf? Würden unsere Vollblut- Arier, die sich an der Gluth unserer Augen, an der Form unserer Nasen stoßen, nicht noch verlangen, daß diese erst abgeschächtet werden müssen, bevor sie uns die Bruderhand reichen? Man wendet vielleicht ein, es sei ja nicht das Schächten an und für sich, sondern die Consequenzen destelben, die Speisegesetze und die daraus resultirende soziale AbsLließung, welche unsere Feinde — und neuerdings unsere Freunde — empörend finden. Haßt man etwa auch die Vegetarianer, weil sie sich an besondere Vorschriften über Speise und Trank binden und dadurch zu einer gewissen Abschließung genöthigt sind? Eine solche Abschließung ist nicht nur nirgends uns zur Pflicht gemacht, sondern das Gegentheil ist uns ausdrücklich geboten. Wohl gibt es eine Anzahl von Speisen und Getränken, die uns zum Theil verboten, theils uns nur unter gewissen Bedingungen gestattet sind. Wo die Beil Vergl.: Ehrmann, Thierschutz undMenschentrutz Seite 13. dingungen eingehalten sind, können wir alles in Gemeinschaft mit Nichtjnden genießen, und wo sie nicht eingehalten werden, ist uns der Genuß auch in Gesellschaft von Juden nicht gestattet. Wenn unsere Feinde uns zum Vorwurf machen, daß wir nicht mit ihnen essen und trinken, so können wir ruhig die Gegenfrage stellen, ob s ie denn mit uns essen und trinken wollen. Siebeklagen ja darüber, daß wir mit ihnen essen und trinken, daß sie im Handel und Wandel, im Erwerben und Genießen allenthalben den Juden begegnen; unser Abfchließen machen nicht sie, sondern unsere Freunde uns zum Vorwurf. Unseren wirklichen Freunden gegenüber, zu welchen wir Herrn Prof. Weber und seine Gesinnungsgenossen in der That zählen, hält uns ungemein schwer, das auszusprechen, was wir in Wirklichkeit von diesem Vorwurf halten. Wir glauben nämlich, daß er für denjenigen, von dem er ausgeht, viel belastender ist, als für denjenigen, gegen den er sich richtet. Man nehme doch einmal die Dinge wie sie in Wahrheit liegen. Wir Juden haben mit den Nichtjuden einen und denselben Gott, ein und derselbe Boden trägt die Lebenden, birgt die Tobten, einem und demselben Vaterlande opfern seine jüdischen wie seine nichtjüdischen Kinder Gut und Blut, beide fördern in gleicher Weise als Bürger das Wohl des Staates, wetteifern gemeinsam in allen Bestrebungen der Kultur, der Industrie und der Kunst, der Wissenschaft, der Fürsorge für die Armen und Gedrückten und in hundert anderen, das ganze öffentliche Leben gestaltenden Beziehungen, und wenn wir Juden nicht alles essen und trinken, was der Nichtjude ißt und trinkt, dann wäre damit der Abschluß von der Gesammtheit vollzogen, dann blieben nicht noch tausende von Fäden und Banden, von Interessen und Rücksichten, die uns mit unserer Umgebung aufs innigste verbinden? Geht denn die ganze Gemeinschaft, die Menschen mit Menschen zusammenführt und verbrüdert, wirklich im Essen und Trinken auf? Wie gering muß man doch von allen diesen Momenten denken, wie hoch muß man Essen und Trinken anschlagen, wenn einem Sein und Essen — wie im lateinischen Ausdruck esse—identisch sind und man nur nicht dasselbe zu essen braucht, um sich einer empörenden, fremden Sitte schuldig zu machen! Freilich wendet man wiederum ein, es handelt sich nicht um das Essen und Trinken an und für sich, wie es sich nicht um das Schächten an und für sich handelt, sondern um die Gesinnung, aus der diese Gewohnheiten und Gebräuche fließen, weil die Anmaßung „das auserwählte Volk Gottes zu sein", darin zu Tage tritt.

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