Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 8 (25.1.1894)
- Date
- 1894-01-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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124 Namen „Agada" führt. Daher find beide Seiten unzertrennlich. Die Halacha, welche die Herzen mit der Kenntniß der Lebenspflichten füllt und die Hagada, welche sie dafür geneigt und empfänglich macht. Es ist nun klar, daß die Halacha, ihrem eigentlichen Inhalt nach, wie wir sie unsere Kinder lehren, dieselbe ist, wie sie Israel an den Lippen seines ersten Lehrers hangend, hinnahm. Wenn aber die Agada den Zweck hat, das im Dienste der Thora und ihrer treuen Erfüllung stehende Wunderwalten Gottes uns stets präsent zu halten, so begreift es sich, mit welcher Hingebung gerade diese Seite gepflegt werden müßte in einer Zeit, in welcher dieses göttliche Wunderwalten für die äußere Wahrnehmung zurückgetreten und daher vielen als gar nicht existirend erscheint. Und diese Seite geht bei unserem Religionsunterricht ganz leer aus! Und wo man ihr nicht aus dem Wege gehen kann, glaubt man Wunder wie weise zu handeln, wenn man alles Wunderbare „natürlich" erklärt und hat keine Ahnung, wie Zweck und Sinn des Ganzen damit ertödtet ist, wenn selbst eine solche Erklärung möglich wäre. Unsere Meister der Thora dachten darüber anders. Wie kann man auch Geister und Gemüther mit dem Inhalt der Thora erfüllen^ ohne jene dafür zu besitzen, ohne erst die Herzen dafür geneigt gemacht und gewonnen zu haben? Wenn es die Worte der Agada sind, cm piov, welchen diese Herzen gewinnende Kraft innewohnt, dann müssen sie dem tnpö hw ibwb, dem einfachen Wortsinn vorangehen, wenn er mit Liebe ausgenommen, seftgehalten und später verwirklicht werden soll. Halacha und Agada in ihrer schönsten Vereinigung hatte aber unser Großvater vom Lande, wenn er vor 70 Jahren die Thora mit Raschi und Chaje Odom auf der Schulbank lernte. Was er damit vor unserem ganzen Reltgionsunterrichtswesen und -Unwesen voraus hatte, ist gewiß nicht das letzte unter den Momenten, mit welchen wir unsere Kinder für das Judenthum gewinnen. (Schluß folgt.) Zeituugsuachrichten uud Correspoudenzen. Deutschland. 0 Aus Heidelberg, 21. Jan., schreibt man uns unter der Aufschrift: Antisemiten in Konflikt mit den Strafgesetzen: Sie sind alle ehrenwerthe Männer, auch der Mann vom Badischen Blättle („Badischer Volksbote"). Der Edle heißt bekanntlich Th. Reuther und hatte sich dieser Tage vor dem Schöffengerichte wegen Beleidigung durch die Presse in 4 Fällen zu verantworten. Ein Fall wurde vertagt. Die drei verbleibenden Fälle trugen dem Vollblut-Antisemiten folgende Belohnungen ein: 1. Fall: Vierzig Mark Geldstrafe und sämmtliche Kosten. 2. Fall- Fünfzig Mark Geldstrafe und sämmtliche Kosten. 3. Fall: Sieben Tage Haft und sämmtliche Kosten. Die Beleidigten — naturgemäß Juden — sollten all' denen, welche in der bekannten frechen Weise von der antisemitischen Bubokratie angegriffen werden, als Beispiel gelten. Nur durch unablässige Verfolgung einer jeden antisemitischen Büberei kann den deutschen Antisemiten zu Leibe gegangen werden und es ist daher unverzeihlich, Leute von dem Schlage Reuthers ungestraft laufen zu lassen. Uebrigens hat sich auch bereits die Großherzogliche Staatsanwaltschaft mit Reuthrr beschäftigt und Anklage wegen Aufreizung zum Klassenhaß in verschiedenen Fällen erhoben. Da der „Badische Volksbote" letztere Mittheilung selbst macht, so wird sie wohl wahr sein. Oder sollte das Blatt sich selbst belügen? Angesichts der antisemitischen Wahrheitsliebe würde selbst das kaum überraschen. Labischin, 21. Januar. In Ihrem gesch. Blatte finde ich Notizen über Verletzungen von christlichen Fleischern und Metzgergesellen bei der Betäubung von Schlachtth irren; das erste Mal mit dem Hinweise, daß wir im Interesse unserer nv'ne' solche Verletzungen zur weiteren Kenntniß bringen müssen, das veranlaßt mich, Sie von folgender wahren Begebenheit zu benachrichtigen: Wenn es schon oft, recht oft vorkommt, daß ein des Geschäftes gewiß sehr kundiger Schlächtergesellc einen verhängnißvollcn Fehlschlag beim Betäuben eines Thteres thut, so ist diese Möglichkeit um so größer, wenn auch andere Personen, wie cs häufig passiert, das Geschäft übernehmen. Einen solchen Fall habe ich aus Nakel bei Bromberg zu berichten, der sich vor einiger Zeit dort zugetragen hat. — Ein Landlehrer besuchte einen städtischen Amtsbruder während der Sommerserien und erfährt zufällig im Gespräche von diesem, daß letzterer willens sei, Schweineschlachten zu halten. Sogleich erbietet sich der Landlehrer, das Geschäft des Betäubens zu übernehmen. Wahrscheinlich hat er dasselbe wohl bei sich zu Hause auch schon gethan. Das Unglück will es nun, daß der Lehrer vorbeischtägt und sich ins Bein trifft. Es dauerte nicht lange, so wäre er dem Blutverluste erlegen. Ich bürge für die Wahrheit des Obigen und könnte nöthigenfalls die Namen nennen. H. Wolff. Egypten. Kairo, 8. Januar. Die arabische Gemeinde zu Alexandrien, die durch ein Gesuch an das Mi-