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Der Israelit · 1894-01-25 · Heft 8 (25.1.1894) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 8 (25.1.1894)
Date
1894-01-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
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122 eifersüchtiger Rivalität vordrängen um auf Kosten der anderen beim Jugendunterricht berücksichtigt zu werden? Ist die jüdische Religion in hervorragender Weise geeignet das Fortkommen ihrer jungen Alumnen praktisch zu fördern? Kann man Carritzre damit machen? Ist Ehre, Ansehen oder sonst ein materieller oder auch nur imaginärer Vortheil mit ihr zu erlangen f Nichts von alledem; wohl aber das vollendete Gegentheil. Wenn die jüdische Religion den Kindern wirklich wahr und unverfälscht wie sie ist, beigebracht wird, dann ist sie doch wie nichts anderes in hohem Grade geeignet den Besitz alles dessen zu erschweren, was die Schule mit ihren sämmtlichen anderen Disciplinen anstrebt. Man braucht auf die einzelnen Bestimmungen des dem Kinde beizubringenden jüdischen Lebensgesetzes noch gar nicht einzugehen, auch nur ganz allgemein betrachtet, ist die Aneignung der jüdischen Religion, ist die Bekundung und Verwirklichung des Judenthums seinen Bekennern heutzutage zu ihrem materiellen Fortkommen nicht behilflich. Das unterscheidet jedoch unsere Zeit nicht von der vor 70 Jahren. Das Vorurtheil und der Wahn, der sich an das Judenthum und seine Bekenner vor 70 Jahren knüpfte, waren unverkennbar größer als sie es heutzutage sind. Diese unleugbaren Fortschritte unserer Zeit sollen uns keine berechtigten oder unberechtigten Klagen über rückläufige Bewegungen streitig machen. Auch die Verschiedenheit der Ziele, welche der gewöhnliche Schulunterricht einerseits und der jüdische Religionsunterricht andererseits anstreben, ist nicht neu. Wenn die Schule durch den Lehrstoff, den sie ihren Schülern beibringt, dieselben befähigen will, mit Erfolg den Kampf ums Dasein aufzunehmen und sich eine unabhängige Selbstständigkeit zu erringen, so werden sich die Satzungen des jüdischen Pflichtenlebens , mit ihrer Enschränkung der Zeit und Mittel des Erwerbs, des Besitzes und Genießens nur schwer in diesen Schulplan einfügen lassen. Nimmt man sie aber dennoch unbesehen auf, weil Religion zum guten Ton gehört, und Kinder doch jedenfalls auch Religion haben müssen, so mutz sie froh sein den letzten Platz zu bekommen; und den erhält sie auch gewöhnlich. — Mit Tefillomtt Chumesch Uebersetzung kann man im Leben nicht viel anfangen. Mit Schreiben, Lesen und Rechnen dageaen sehr viel. Sollten die Güter, die auf diesem Wege zu erreichen sind, je einmal mit den Wahrheiten in Colllssion kommen, welche in der Tefillo und im Chumesch gelten, dann kann die Entscheidung nicht zweifelhaft sein. Unsere Kinder sind ja in der Anschauung erzogen und unterrichtet worden, daß in aller erster Reihe die Welt, die Zeit, die öffentliche Meinung ihre Rechte geltend zu machen hat und erst in zweiter, dritter, letzter Reihe kommen dann die Forderungen der Religion. So wurde es in der Schule gehalten, wie könnte es im Leben anders sein? Auf Grund dieser Anschauung hat auch die Frage ihre volle Berechtigung, wie kann man heutzutage, wo alles um die Minute geizt, um sie für den Erwerb auszubeuten, wie kann man heute freiwillig allwöchentlich einen ganzen Tag den geschäftlichen Verkehr gänzlich etnstellen, sich auf der Reise mit reducirter Kost begnügen, dabei noch 10 pCt. seines Reingewinns für wohlthätige Zwecke abschetden? u. s. w. Wenn dem Leben und seinen berechtigten und unberechtigten Ansprüchen alle anderen Anforderungen zu weichen haben, dann müssen die Anforderungen, die das Judenthum stellt, weit, weit zurücktreten, dann haben diejenigen in der That Recht, welche alles als Gewinn ansehen, was von den Satzungen heute noch erfüllt wird. Aber so liegt ja die Sache nicht; und daß sie nicht so liegt, darin liegt der eigentliche Unterschied zwischen der Anschauung, wie sie in der Jugendzeit des Großvaters und der des Enkels sich geltend macht. — Wie gelehrt oder ungelehrt, gebildet oder ungebildet das zählige Häuflein jüdischer Männer^und Frauen in dem entlegenen Hochwalddörfchen sein mochten, in dem unser Großvater seinen jüdischen Unterricht erhielt, eines war allen so über Zweifel und Diskussion erheben, daß darüber kein Wort verloren zu werden brauchte. Das eine war die Göttlichkeit, Ewigkeit und Verbindlichkeit des von den Vätern überkommenen Judenthums und die Ueberzeugung, daß es ihre Lebenspflicht sei, dieses ihr höchstes Lebensgut ungeschmälert ihren Kindern zu hinterlaffen, damit es auch ihnen das einzige Absolute, Feststehende in den Stürmen des Lebens werde, die ihrer warten. In diesem Sinne dachten die Lehrer, welchen sie die Einführung der Kinder in die jüdische Wissenschaft anvertrauten, und welche ihre Schüler dann auch mit dem gewöhnlichen, weltlichen Wissen bekannt machten. Von diesem Sinne erfüllt, von diesem Geiste getragen, waren alle äußeren Veranstaltungen nur von untergeordneter Bedeutung, wie die besten Lehrer, die vollendetste Pädagogik ohne diese Gesinnung Stümperwerk bleiben. Hat man schon einmal gehört, daß die Pädagogik in einer ihrer vielfachen Verzweigungen die Frage behandelt hat, wie man Kindern den Anfangsunterricht im Gehen ertheilt? Oder hat man je einmal gehört, daß ein Vater oder eine Mutter, die ihrem Liebling gern die Kunst des Marschirens beibrächten, darüber dickleibige Compendien studtren und die Professoren befragen? Gewiß nicht. Wie 1

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