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Der Israelit · 1894-01-25 · Heft 8 (25.1.1894) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 8 (25.1.1894)
Date
1894-01-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XXXV. Jahrgang. M 8. Der Israelit. Ei« Kenlrak-Hrgan für das orthodore Iudenthum. Begründet von Dr. Lehrrrarrn m MsinK. Dounerftag, den 25. Januar 5654 (18S4). Leitender Artikel. Wie gewinnen wir unsere Kinder für das Iudenlhum? Bon Bezirks-Rabbiner Dr. Ehrmauu in Baden (Schweiz.) (Fortsetzung statt Schluß.) Werfen wir noch einmal einen Blick auf den Eingangs vorgeführten Großvater und seinen Enkel, sowie auf die 70 Jahre, die zwischen der Zeit liegen, in welcher der eine und der andere für das Judenthum gewonnen werden sollte und machen wir uns einmal an diesem concreten Beispiel klar, worin eigentlich der tiefgehende Unterschied zwischen heute und damals besteht. Wenn das Lessing'sche Wort, nach welchem man von denjenigen Tugenden am meisten spricht, die man am wenigsten hat, auch auf die Religion Anwendung hat, so ist dieses ganze Staat- und Parademachen mit Religion, wie es heute zum guten Ton gehört, kein gutes Zeichen für die Religiösität unserer Zeit. Die Generation Enosch's, welche nach der Ueberlieferung eine tief im Götzendienste versunkene war, wird in der Thora mit den Worten charaktertsirt: „Daß man damals mit Verkündigen im Namen Gottes angefangen habe!" (I. B. M., C. IV, V. 26.) Bis dahin hatte man nicht davon gesprochen, weil es bei allen geläufig und selbstverständlich war. Gott beherrschte das ganze Denken und Leben und brauchte daher nicht erst verkündigt zu werden. Genau so ist es mit der Religion unseres in Rede stehenden Großvaters. Weil er wirklich tief religiös war, ist er der festen Ueberzeugung, er könne alles mögliche sein, aber als religiös zu gelten, das hält er nicht für denkbar, sowie sich der Bescheidene nicht für bescheiden hält und wirklich aufhört es zu sein, sobald er glaubt, er sei der Bescheidene. Die mosaische, israelitische, systematische Religion unserer Zeit kann man dagegen wie Geld einstreichen. Sie kann gelernt, gelehrt, geprüft werden, man kann gute Noten in ihr bekommen und auch durchfallen, nicht bei den Prüfungen des Lebens, an die denkt Niemand, weder die Religionslehrer noch die Reltgionsscküler, aber bei den Prüfungen in der Schule. Sie ist also eine Disc plin wie alle anderen, wird behandelt wie alle andern und glücklich, wenn sie noch so behandelt wird. Thatsächlich ist sie aber das Aschenbrödel unter allen Schuldisciplinen. Wie sollte es auch anders sein? Die Schule ist zur Vorbereitung der Kinder für das Lcben da. Sie will den Kindern dasjenige beibrmgen, was sie später einmal im Leben gebrauchen. Je nothwendiger und unentbehrlicher ein Gegenstand für das Leben draußen sein wird, um so mehr läßt sie sich's angelegen sein, daß die ihr anvertrauten Kinder es darin zu einer möglichst großen Fertigkeit bringen. Auf Lesen, Schreiben, Rechnen legen daher alle Schulen ihre besondere Aufmerksamkeit, weil man ohne diese Kenntnisse heute nicht vorwärts kommen kann. Es folgen dann in zweiter Reihe Sprachen, die eigene und fremde Sprachen, und dann noch eine Reihe sonstiger Künste und Wissenschaften, je nach ihrer praktischen Verwendbarkeit im späteren eigentlichen Leben. Eine Schule, die Dinge lehrte, mit welchen ihre Schüler draußen im Leben nichts anfangen, nichts verdienen, nicht reale Zwecke fördern könnten, würde ihrer Bestimmung schlecht entsprechen. Eine solche, die aber gar Dinge lehrte, welche dem Erwerben und Verdienen, also dem eigentlichen Fortkommen geradezu zuwiderlaufen, hätte die erste fundamentale Bedingung außer Acht gelassen, auf welcher sich eine jede ralione! geleitete Schule erhebt. Wenn nun Religion eine Schuldisciplin wie alle anderen ist, welchen Rang muß dann der israelittsche Religionsunterricht unter allen seinen Ranggenossen etnnehmen, die sich alle in

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