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Der Israelit · 1894-01-22 · Heft 7 (22.1.1894) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 7 (22.1.1894)
Date
1894-01-22
Page
– (sequence 11)
Language
German
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1« lynpi.' -J-1 '■i%.-!-W ». wp^; 115 Dieselbe ist im Jahre 1849 in Berlin geboren. Da das Verhältnis zwischen ihren Eltern ein außerordentlich unglückliches war, so übersiedelte ihre Mutter, deren leidender Zustand es erforderte, wenige Jahre nach Nahida's Geburt nach Italien. Hier war die Mutter oft genöthigt sich vou ihrem Kinde zu trennen und vertraute ihre Erziehung, als sie im 8. Lebensjahre stand, der englischen Gräfin St. Germain an Diese Dame war ebenso streng als fromm, die Sonderbarkeit und Leidenschaftlichkeit dieser alten Dame raubte dem Kinde alle Heiterkeit und Harmlosigkeit der glücklichen Kinderjahre. „Doch bin ich ihr großen Dank schuldig," sagt Nahida Remy, „denn sie sorgte für einen gründlichen Unterricht durch Hauslehrer (eine Schule habe ich nie besucht), besonders in Sprachen und Geschichte. Ich lernte französisch, englisch, iialienisch, neben deutsch, sprechen, das Lesen der alten römischen Geschichtswerke und andere Bücher (kulturhistorischen Inhaltes sogar) gehörte zu meinen ernstesten Freuden, denn heitere Freude habe ich nie kennen gelernt. Auch weiß ich mich zu besinnen, daß ich bereits Zeitungen (italienische, englische und französische) las und also als zehnjähriges Mädchen 1853 mit dem tiefsten Interesse den französisch-italienischen Krieg in allen seinen Phasen verfolgte und späterhin den Befreiungskampf Italiens mit wahrer leidenschaftlicher Antheilnahme mit erlebte. Lernte ich doch sogar Garibaldi persönlich kennen und sein Unglück bei Aspromonte zerstörte ein für allemal alle Illusion über „Hochgeborenhcit" und dergleichen und lehrte mich, daß Majestät und Adel allein im Werth der Handlung und Gesinnung des Menschen liegen." Drei Jahre später kam Nahida in ein hochangesehenes palermitanischcs Kloster - Institut, ihre Mutter war um diese Zeit Erzieherin beim Herzog della Verdura in Palermo. Der in dem Institut ertheilte Religions-Unterricht genügte d^m wett über sein Alter hinaus gereiften Kinde nicht und war durchaus nicht geeignet überzeugend auf dasselbe zu wirken. Im 12. Jahre, als ihre Mutter nach Neapel übersiedelte, empfing sie den Religions^Unterricht des anglikanischen Priesters Rev. Douglas. Durch eifrige Bibelftudicn hatte Nahida sich bereits selbständige Ansichten über Religion und Moral gebildet, die sich immer mehr in ihr befestigten. Infolge dessen brachte sie ihre Mutter zu dem Prediger der kleinen evangelischen Gemeide in Neapeler hics Remy. Er war ein gütiger Lehrer. Eines Tages fällt von seinen Lippen ein Wort, in dem Gesichte des Kmdcs leuchtet es vor Freude auf und cs denkt „das ist gut, das ist schön". Doch der Lehrer mitzver sicht dieses freudige Aufleuchten, er hält cs für Spott und giebt ihm eine Ohrfeige. Rach einigen Jahren empfand Nahida den lebhaften Wunsch, Malerin zu werden, da sie bereits nach der Natur gezeichnet hatte, ehe sie schreiben lernte! Peter v. Cornelius gab ihr allwöchentlich eine Unterrichtsstunde und Herr v. Olfers, der damalige Direktor der Museen, hatte ihr auf Grund ihrer Studien den Besuch derselben eine Stunde vor Eröffnung gestattet, um ungestört nach der Antike zeichnen zu können. Auch Otto Knille ertheilte ihr Unterricht und dennoch mußte sie diesen Lebensplan aufgeben, weil ihr die Mittel zur Ausbildung fehlten. Ihre Mutter glaubte an ein Talent für die Bühne und so kostete sie einige Jahre hindurch die Leiden und Freuden der Theaterlaufbahn. Zu den Freuden gehörte das Studium und die Darstellung von Rollen wie „Louise" (Kabale und Liebe), „Klärchen", „Lorle", „Käthchen von H'ilbronn", „Marianne in den Geschwistern" u. s. w., zu den Leiden der frivole Ton der Schauspieler untereinander, sodaß sie sich zurückzog. deßhalb für sehr stolz gehalten und viel angefeindet wurde. Aus diesen Gründen begrüßte sie es wie eine Erlösung im Jahre 1873, nachdem sie sich mit Dr. Remy, dem Neffen des einstigen schlagfertigen Religionslehrers, verlobt hatte, die Bühne verlassen zu dürfen. Ihre Thätigkeit theilte sich von da ab zwischen der anstrengenden Pflege ihres schwer leidenden Gatten und seiner Vertretung iwKunst-, Buch- und Theaterkritik. Im Mai 1881 würde er von seinen Leiden erlöst. In den darauf folgenden sorgen- und arbeitsreichen Jahren widmete sich Frau Dr. Remy immer eifriger dem Geschichtsstudium, besonders der Kirchen- und Kulturgeschichte. Ihre alte Liebe zur Bibel führte sie zum Erlernen der hebräischen Sprache, um die Bibel im Urtcxt lesen zu können. Der Antisemitismus, der ihrem innersten Gefühl widerstrebte, führte sie zur Lektüre von Zeit- und Streitfragen für und wider Israel und allmählich gerierh sie immer tiefer in das Studium des Judenthums. d. h. der bezüglichen Werke von Jost, Grötz, Dessauer, Zuntz u. a.; aber sie las auch eifrig die Werke christlicher Autoritäten wie S. Strack. Mommsen, E. Renan, Fr. Delitzsch u. A. 1889 starb ihre von ihr heißgeliebte Mutter in dem Lande, das ihnen eine zweite Heimath geworden war, in Italien, und nachdem sie den herben Schmerz allmählich überwunden, sand sie in immer ernsterem Studium den Trost für ihre zunehmende Einsamkeit. Die von allen Seiten an Frau Dr. Remy gerichtete Frage: „wie sie dazu komme, sich so für das Judenthum zu interessieren", beantwortet dieselbe in folgender Weise: „Nicht diese Thatsache, sondern die Frage sollte erstaunlich sein. Ich bin Christin. Wie sollte ich mich nicht für das Juden-

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