Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 7 (22.1.1894)
- Date
- 1894-01-22
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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114 damit sie etwas vom Gesetze wisse; und noch heute wird man fragen: Wie viele Frauen und Töchter Jsr. gibt es wohl, die etwas vom Gesetze wissen? Ein Rabbi empfiehlt, erst sich einen Weinberg anzulegen, dann sich eine Frau zu nehmen, erst Existenz dann Familie. ES ist dies ein Grundsatz, der zu allen Zeiten zeitgemäß war. Der Mann sei immer bemüht, daß Brod im Hause sei, denn ein Sprichwort sagt: ..Wenn die Gerste im Hause all ist, beginnt der Zwist." Der Talmud empfiehlt Hingebung de- Mannes an seine Frau, Temperamentfehler, Launen sollen nur nach Verdienst bestraft werden. Wie ein launenhaftes Weib zu behandeln sei, zeigt Rabbi Ehia. Dieser hatte das zweifelhafte Glück eine maliziöse Gattin zu besitzen, trotzdem behandelte er sie mit der größten Aufmerksamkeit. So oft er kam, brachte er ihr Geschenke und pflegte dieselbe im Zipfel des Mantels zu verbergen. Eines TageS befragt über diese absonderliche Aufmerksamkeit antwortete er: „Wie immer auch die Frauen beschaffen seien, so sind sie besonderer Achtung und Aufmerksamkeit werth, weil sie eS find, welche unsere Kinder zur Tugend und Gottesfurcht erziehen und uns durch ihren Umgang von sündhaften Leidenschaften fernhalten. Ein Rabbi süßte zu seinem Sohne, als er sich verabschiedete: Gott behüte Dich vor dem, was schlimmer ist als der Tod! Dieser grübelt nach, was der Vater darunter gemeint habe und fand endlich, daß der Vater das böse Weib darunter verstanden hätte. Dann erinnerte er sich des salomonisches Spruches: Ich finde bitterer als den Tod ein böses We>b. ... Er hatte nämlich eine Frau, die sich darin gefiel, immer das Gegentheil zu thun, was ihr Mann gewünscht. Bat er, Linsen zu kochen, so kochte sie Erbsen und umgekehrt. AlS sein Sohn herangewachsen, merkte er das und bestellte immer daS Verkehrte. Da äußerte sich der Vater, die Mutter habe sich gebessert. Doch der Sohn befreite ihn bald von seinem Jrrthum, indem er ihm mittheilte, daß er absichtlich immer das Gegentheil von dem Verlangten bestellte. Der Vater dachte wohl bei sich: Auf diesen Einfall hätte er selbst kommen können, sagte aber, der Sohn solle nicht ferner so thun. Mehrere Trakt, z. B. l’D’J ]'t£mp rvü'irD ic. behandeln die verschiedenen Vorschriften in Bezug auf Vermählung und Ehescheidung, Es wäre unmöglich auf diese Fülle auch nur in knapper Kürze einzugehen Nur erwähnen möchte ich die eigenartige Liebenswürdigkeit der Alten als Friedensstifter. Wenn Zorn, oder sonstige Charakterfehler Gatten entfremdet, findet talmudische Nachsicht Worte de- Friedens, Reue erfährt weife Berücksichtigung; Schwachheit, Selbstvergessenheit wird mit Nachsicht behandelt. Wer eine Frau ohne Liebe h-irathet, vielleicht nur des Geldes wegen, bekommt ungerathene Kinder oder gar keine, dagegen wer die Frau liebt wie sich selbst, sie ehrt mehr als sich, der wird mit der Thora reichstem Segen überhäuft. Stets sei der Mann auf die ehrenvolle Behandlung seines Weibes bedacht, denn nur ihr verdankt das Haus den Segen. Ja es heißt: Der Mensch esse und trinke unter seinem Vermögen, kleide sich nach seinem Vermögen, ehre seine Frau über sein Vermögen. Im Talmud sind die wichtigsten Bestimmungen zur Sicherung des weiblichen Geschlechtes enthalten, welche zum Theil heute noch Gesetzeskraft haben, besonders werden Waisen und Unmündige berücksichtigt. Diese darf am Tage ihrer Mündigkeit den aufgedrungenen Bräutigam zurückweisen, oder war sie bereits vermahlt und verlor den Mann durch den Tod, so besitzt sie als Wittwe Freiheit, ins Elternhaus zurückzukehren. Sie durfte aber auch als Wittwe wohnen bleiben im Hause des verstorbenen Mannes und hatte sogar den Anspruch, bekleidet, ernährt, bedient zu werden. Die Erben durften das Haus nicht verkaufen, solange sie darin wohnt. Damit ein Weib keine HJUJ?, Verlassene sei, sind besondere Gesetze zu ihren Gunsten. Um den Tod des Mannes zu bezeugen, genügte ein Zeuge, während es sonst 2 waren; ja ein Heide wurde zugelassen, der sonst vom Zengniß ausgeschlossen war. Ueberall erkennt man die bevorzugte Stellung, welche die Frau einnahm, auch in der nachtalmudischen Zeit war man bemüht, das Recht der Frau stets zu erweitern. Im Jahre 1020 wurde von Rabbi Gerson rDlJH ")1ND der Leuchte des Exils, bestimmt, dem Manne stünde nicht das Recht der Ehescheidung zu, ohne ausdrückliche Einwilligung der Frau. In Bezug auf die Verletzung der Frauenehre waren Strafen, die für unsere heutigen zahmen Begriffe überaus hart scheinen. Durchdrungen von der Wichtigkeit der Frau als Hüterin der Sitte und Trägerin der Zukunft waren die Israeliten darauf bedacht, die Familie rein zu erhalten. Die Reinheit bildete Hauptgesetz zur Erhaltung Israels. Sie war die Grundmauer, auf der sich der Bau erhob. Wer aber trug hier größere Verantwortung als die Frau? Die Frau wurde nicht als Werkzeug betrachtet, sondern als Gehilfin; ja oft bedeutet Haus geradezu Weib. Der vorurtheilslosen Behandlung des WeibeS verdankt das Judenthum große Regsamkeit und zielbewußte Thatkraft der Frau. Mehr als die aus Furcht dressirten Frauen anderer Nationen, standen sie dem Galten in weltlichen Angelegenheiten zur Seite. Der Talmud berichtet von den Frauen, daß sie durch Fleiß und Opferfreudigkeit das Studium der Männer förderten. Eine solche Frau war die des Rabbi Akiba, die die ganze häusliche Last trug. .Hier folgt die bekannte Erzählung von dem Schicksale Akiba's und der selbstlosen Hingebung seines Weibes.) Frauen im Talmud lösen Räthsel, heben Schwierigkeiten, erhellen die Dunkelheit oft blitzähnlich. Von all den weiblichen Charakteren des Talmud ist nur eine, die an geistiger Klarheit und Gesinnungsgröße der Frau des Akiba ebenbürtig ist. sie an Wissen und Gelehrtheit noch überragt. Es ist Beruria, die Frau des Rabbi Me'ir. Von ihr wird viel Merkwürdiges erzäblt. Sie soll bereits als ganz junges Mädchan an wissenschaftlichen Erörterungen theilgenommen haben. Sie wurde oft um Rath und Urtheil angegangen, und manche treffende Antwort berichtet die Ueberlieferung von ihr, so z. B. die in Bezug auf die Nachbaren, denen der Mann den Tod wünschte u. s. w. Bekannt ist auch die Erzählung des Talmud, wie Beruria an einem Freitag Abend ihrem Gatten den Tod der beiden Söhne auf die schonendste Weise mittheilt. Diese Erzählungen zeigen uns nicht nur die Denkfähigkeit des Weibes, sondern auch ihre Eigenschaft, in schweren Schicksalsschlägen, Trost und Stütze zu sein. Inmitten der Zuchtlosigkeit des römischen Reiches und der Völkerwanderung hat Israel sich erhalten, während andere Völker zu Grunde gingen, nicht durch Krieg, sondern durch Züchtigkeit des Privatlebens hat es sich seinen Bestand gesichert. Nicht der Krieg hat ganze Völkerschaften, von denen nur noch der Name übrig ist, aufgezehrt. Härter und grausamer als alle Völker waren die Juden vom Krieg betroffen. — Aber der innerste Kern der Sittlichkeit, Strenge der Zucht und Innigkeit des Familienlebens blieb alle Zeiten. Und diesen Kern zu hegen und zu pflegen, liegt in der Hand der Frauen. Dem Familiensinn des jüdischen Weibes, ist die räthselvolle Erhaltung Israels zu verdanken; das ist sein Ruhm nicht nur in der Geschichte des eigenen Volkes, sondern in der Weltgeschichte. Wir geben in Nachfolgendem nach der Jsr. H.-Fr.-Z. noch einige Daten über Nahida Remy.