Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 7 (22.1.1894)
- Date
- 1894-01-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXV. Jahrgang. Beilage ju M 7 Des „Israelit". Leitender Artikel. Pas Weiv im Hakmud. Auszug aus einem Vortrage, gehalten v. Frau Nahida Remy. (Xotirt von Stuäiosus J. F. in Frankfurt a. M.) Traditionelles Vorurtheil und Engherzigkeit der Weltanschauung haben daS Weib Jahrhunderte, ja Jahrtausende hindurch auf geistig unfruchtbare Passivität innerhalb des Hauses beschränkt. Seitdem aber Verkehr und Wissenschaft das Gesammtvölkerleben erhöht, wurde auch der Gesichtskreis des Weibes größer und weiter. Es trat aus der Enge heraus, aber nicht um der Gefallsucht zu fröhnen! Verlangte man früher vom Weibe, daß es sich um nichts kümmere, als um Kind und Küche, so fordert man heute, daß es auch mitarbeite und mitkämpfe und außer den häuslichen Pflichten auch für das Interesse seiner Mitmenschen etwas übrig habe. Es ist dies eine Errungenschaft der Neuzeit. Für die Juden ist eine vielseitige und vielfache Werkthätigkeit der Frau eine durch alte Erbschaft geheiligte Tradition; der Talmud zeigt die Frau meist geschäftig, selbstbewußt und selbstthätig. So erscheint sie übrigens auch in der Bibel. Daß die Schätzung des weiblichen Geschlechtes den jeweiligen Kulturzustand kennzeichnen soll, ist sehr charakteristisch: der Stammesherr des jüdischen Volkes, Israel, dient 7 und abermals 7 Jahre, um ein geliebtes Weib heimführen zu können; für Griechen und Römer schiene dies lächerlich, für die Juden ist es bedeutungsvoll. So häufig von der Frau im Talmud die Rede ist, so selten vom Mädchen. Zwar sagt Ben Sirach: Eine Tochter ist dem Vater ein Schatz, den er stets zu hüten sich bemühen muß. Aus Furcht, daß sie etwaige Fehltritte im jugendlichen Leichtsinn begehen könne, kann er nicht schlafen, sonst ist aber vom Mädchen nicht die Rede. Die Rabbinen haben gelehrt: Der Mensch verkaufe alles, was er besitze und heirathe die Tochter eines gelehrten Mannes, dann kann er versichert sein, daß auch seine Kinder Bildung besitzen werden. Nicht aber heirathe er die Tochter eines ungebildeten Mannes, denn sonst sei Gefahr, daß seine Kinder ungebildet werden. Fort und fort wird diese Mahnung, die Tochter eines bedeutenden Mannes, z. B. eines Schuloberhauptes, Schullehrers zu heirathen, wiederholt. Eine auffällig zarte, fast zärtliche Aufmerksamkeit wurde den Frauen gewidmet. Ihr Verlobter war des Militärdienstes enthoben, weil er in der Schlacht fallen könnte und sie ihn beweinen müßte; waren sie schon vermählt, dann sollte der Gatte der ehelichen Liebe leben können, im 1. Jahre keinen Friedhof besuchen, keine Trauerpflichten erfüllen, keinen zu schweren und ernsten Aufgaben sich unterziehen. Das Amt des Brautführers war so wichtig, daß er während der ganzen Woche von allen Ceremonialgesetzen befreit war. Keiner, auch der Höchste nicht, durfte sich diesem Amte entziehen. Es regte sich ein herzlicher Eifer, um das junge Weib in fröhliche Stimmung zu versetzen. Zahlreiche Aussprüche beziehen sich auf das sanfte Benehmen eines Gatten in der Ehe seiner Frau gegenüber. Er soll sie rücksichtsvoll behandeln, denn leicht kommen Thränen. Ein Kind und ein Weib nähere man mit der Rechten, wenn man sie mit der Linken verstoßen hat. Züge ähnlicher Liebe werden zur Nacheiferung empfohlen. Nach dem Bibelwort erschien Kindersegen als Lohn für die Erfüllung religiöser Pflichten; daher sollten Eheleute, die länger als 10 Jahre ohne Nachkommen blieben, geschieden werden. Eine Frau, die IO Jahre kinderlos blieb, wurde nach dem Gesetze entlassen; da ihr Mann ihr aber von Herzen zugethan war, sagte er, sie möge sich mitnehmen, was ihr im Hause das Liebste wäre. Da ließ sie alles im Hause zurück und wählte als einziges Geschenk ihren Mann, und ihre Ehe wurde später mit Kindern gesegnet. So gerne nun auch eheliche Zusammengehörigkeit geschildert wird, so eifrig wurden Vorsichtsmaßregeln getroffen, um Zucht zu wahren. Das Gesetz verbietet der Frau, daß sie öffentliche Kinderlehrerin sei, weil sie so zu häufig mit den Vätern der Zöglinge in Verkehr käme. Daß Braut und Bräutigam nicht zusammen speisen, leuchtete ein, aber auch mit dem Fremden zusammen zu sein, war verboten. Der so ernste Rabbi Jehoschuah ben Chananjah sagte, man solle der Frau keine Grüße übermitteln, selbst nicht durch den eignen Mann. Man solle ferner vermeiden, dem Gesänge der Frau zu lauschen, weil er verführerisch sei. Aber nicht allein bei der Stimme, sondern auch beim Vielwissen erscheint die Frau gefährlich und es wird aus Züchtigkeitsrücksichten verboten. Im Allgemeinen nicht mit Unrecht. Bei allen möglichen Fällen, bei Begegnung auf der Straße, auf der Reise, bei Begleitung zu Begräbnissen findet es sich, daß die feinsinnigsten Anordnungen getroffen sind, um die Sitte zu bewahren. Keusche Frauen werden hochgepriesen; so errang eine Frau namens Kimchith weitverbreiteten Ruhm, weil sie innerhalb der vier Wände ihres Hauses ihr Haar sorgfältig verbarg. Es ward ihr das seltene Glück zu Theil, ihre sämmtlichen Söhne im goldnen Schmucke der Hohepriester würdig prangen zu sehen. Anderseits ist der Talmud freisinnig genug, das natürliche Recht der Frau, sich zu gefallen, nicht einzuschränken, sondern ungezwungen walten zu lassen. Die alten Rabbinen zeigten sich, wie so oft, alS ächte, rechte Menschenkenner; ihr Freisinn war im Grunde genommen Frömmigkeit. Sie hatten nichts dagegen, daß die Frau sich schmückte. Im Gegentheil sorgten sie, daß die Hausfrauen ihren natürlichen Reiz durch Putz und Pracht erhöhten. Fremden Händlern war das Hausieren mit Maaren in der Stadt strenge verboten, nur mit weiblichem Schmuck wurde eine Ausnahme gemacht, damit es den Töchtern Israels leicht sei, sich die Gunst zu erwerben. Sie haben auch bis heute diese moralische Pflicht fleißig geübt. Ja man kann bei dieser Gelegenheit finden, daß man in der Pflichterfüllung leicht zu weit gehen könne. Die alten Rabbiner mochten kleine Fehler, Eitelkeit, Prunksucht in den Kauf nehmen, wenn nur große Vorzüge, Sittlichkeit, Zucht, gewahrt blieben. Nach dem Gesagten ergibt sich das Hauptmerkmal des Talmud in Bezug auf die Stellung zur Frau von selbst. Er ist ein eifriger Fürsprecher der Ehe. Der Talmud sagt, Mann und Frau vereint verdienen erst den Namen Menschen. Wer nicht heirathet, lebt ohne Freuden. Die Ehe galt den Juden so heilig, daß der Priester vermählt sein mußte. ES wird dem Hohepriester ausdrücklich verboten am 2"' seine Funktionen zu versehen, wenn er unverheirathet war. Ja es klingt sonderbar, aber entspricht durchaus der strengen Auffassung der Ehe als heilige Institution, wenn gefordert wird, daß für den Hohepriester vor D"’ eine zweite Gemahlin gesucht würde, im Falle die erste stürbe. Ich führe dies nur deßhalb an, um zu zeigen, daß der Ehelosigkeit ein Makel anhafte. Ben Asai, welcher selbst nicht geheirathet hatte, lehrte, daß der Mensch nur zu Zweien seine Vollendung erreiche. Auf den berechtigten Einwand, daß er schön spreche, aber nicht schön handle, indem er seiner eignen Lehre nicht folge, sagte er: WaS soll ich thun, meine Seele hängt an der Wissenschaft. Derselbe Ben Asai sagte: Ein jeder Vater sei verflichtet, seine Tochter Thor« zu lehren,