Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 7 (22.1.1894)
- Date
- 1894-01-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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111 Weßhalb sie gegangen war? Auch Südländer wollte stch entfernen, der Banquier hielt ihn mit jovial freundlicher Art zurück. Dieser war so ganz anders wie seine Frau und seine jüngste Tochter; dagegen Helene, die ältere, sah ihm offenbar ähnlich. „Sie kommen aus München, Herr Professor? Was macht mein alter Freund, Herr D.?" Er nannte den Namen eines bekannten Talmudgelehrten. Der Professor lächelte. „Noch vor wenigen Wochen habe ich ein sehr „gutes Wort" von ihm gehört." „Erzählen Sie es mir", rief der Banquier. „Ich bin etwas erkältet und kann heute nicht zur Börse fahren, es wäre mir sehr angenehm, wenn Sie ein Stündchen für mich übrig hätten." Der Profeffor, der neben seinen profanen Studien auch eifrig der Erforschung des Talmuds obgelegen hatte, begann sogleich die Erläuterung wiederzugeben, die er von dem Bekannten vernommen hatte. „Es ging damals am Sabbat zuvor Paraschath Parah. Die Vorschrift der narw me, deren Schwierigkeit und Merkwürdigkeit von jeher die Talmuderklärer angezogen hatte, war es auch, womit stch dieses „Wort" befaßte. „Ein merkwürdiger Begriff dieses Rein und Unrein, im Sinne der Thora," sagte der Profeffor, „es ist sozusagen eine ideale Eigenschaft, die dem menschlichen Auge weit entrückt ist, eine Definition des Begriffes läßt sich durchaus nicht geben. „Was mich hierbei immer besonders interessirte, ist, daß diese Unreinheit ansteckend ist, wie eine moderne Krankheit, nach deren Bazillen man suchen müßte. Wer etwas Unreines berührt, wird selber unrein", warf der Banquier ein. „Ja, aber die nrrmv erstreckt stch nicht nur auf lebendige Wesen, der Urbegriff der hndiö ist der Todte. Liegt nicht ein merkwürdig tiefer Sinn darin, daß derjenige, mit dem wir lebten, der uns überaus nahe stand, nun plötzlich mit dem Eintritt des Todes für uns «vv geworden ist. Gilt es nicht auch vom Leben im Allgemeinen? Es ist vielleicht unser nächster Verwandter, unser Kind plötzlich von einer geistigen Unreinheit befallen worden, ist es nicht nothwendig, wenn man selbst rein bleiben will, jeden Verkehr mit dem Unreinen zu vermeiden. Ja, die Thora gibt uns hier eine vortreffliche Lehre, nichts ist ansteckender als die Unreinheit der sogenannten modernen Ideen, die gar schnell die Seele verpestet." Der Profeffor hatte diese Worte ohne jede Absicht gesprochen. Der Banquier aber rückte unruhig auf seinem hohen, altdeutschen Sessel umher. War es der Gedanke an seine jüngste Tochter, die ihn beunruhigte, war es nicht unrecht gewesen ihr eine Gouvernante zu geben, die-" Berkheim kam nicht dazu den Gedanken auszudenken, denn der Professor fuhr fort zu reden: „Es ist ganz natürlich, daß jeder Zusammenhang mit dem der Verwesung Anheimgefallenen, daß sogar das Einathmen der Luft, die in einem begrenzten Raum von den Ausdünstungen des Todes erfüllt ist, auf uns, die wir ja von gleichem Stoffe sind, und daher am Meisten der Ansteckung unterworfen, verunreinigend einwirken muß. „Ein Mittel nur hat die Thora uns an Hand gegeben, wodurch wir den Zustand der Reinheit wieder erlangen können, nachdem wir uns verunreinigt haben. Vollständig fehlerlos muß das Thier sein, das die Reinigung bewirken kann. Die Kuh ist die erste unter den nnir.w moro. Eine ms und kein iS darf es sein, denn dieser konnte ein nyiv sein, er hat Eigenschaften, welche mit der Reinheit, die mit der Unschuld verglichen, sich nicht gut vereinigen lasten; nv'vn novw ganz roth muß sie sein, nur zwei etwas dunkel gefärbte Haare an ihr, machen sie unbrauchbar. „Die natürliche Farbe der Kühe ist roth, alle übrigen Farben an ihr. sind dem Einfluffe des Klimas, der Nahrung und andern Umständen zuzuschreiben, wie ja die Erfahrung lehrt, daß solche Veränderungen durch die angedeuteten Ursachen vorzukommen pflegen. Jede Abweichung aber von ihrer Ursprünglichkeit, von der Natur, kann nur nachtheilig sein, daher eine rothe, ganz rothe Kuh erforderlich ist. Die Seltenheit einer solchen zeigt eben, wie unter Millionen von Geschöpfen, die unverfälschte Natur sich so überaus schwer erhält, dib na p« iwn Kein körperliches Gebrechen durfte ihr anhaften. hy n^y n^y auch nicht einmal in Berührung mit irgend einem außer ihr liegenden Gegenstände darf sie gekommen sein, wodurch ihr natürliches Wesen auch nur im Geringsten beeinträchtigt worden wäre. Die Vorgesetzten der Priester mußten das Schlachten überwachen. Das Blut das Beseelende im Thiere, wurde gesprengt, alles übrige verbrannt, das geringste irdische Maab von ihr durfte übrig bleiben, ihre Asche, mit Quellwaffer vermischt, welches verglichen wird, zur heiligen Lehre, das war das Extract der reinen in ihrer vollsten Natürlichkeit gewesenen ms, welche allein fähig war, die verlorene Reinheit wieder herzustellen. „Aus diesem Abschnitt ersehen wir. wie schweres ist, rein und unverdorben und natürlich zu bleiben, wie schwer es ist, die ursprüngliche Reinheit und Natürlichkeit wieder herzustellen, wie selbst alle