Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 7 (22.1.1894)
- Date
- 1894-01-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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im J Ijl.lliwin WMWVMMWWWWW Pfl 108 Berlin. Die „Antisemitische Vereinigung für Norddeutschland" braucht Geld zur Deckung von „Ehrenschulden". Ein Aufruf, der an das weiche Herz und das gespickte Portemonnaie der Gesinnungsgenoffen appelirt, besagt in herrlicher Begeisterung u. A.: „Im Eifer des Wahlkampfes haben Einzelne sich für die Sache geopfert, sind Verpflichtungen für die Gefammlheit eingegangen. Diese Ehrenschulden müssen endlich getilgt werden, auch die Freudigkeit bei der Arbeit für unsere Sache darf nicht getrübt werden. Gesinnungsgenossen! . . . Wie unsere Vorfahren in den Befreiungskriegen opferten, so opfert jetzt Euer Scherflein. Gebe Jeder nach seinen Kräften. Auch die kleinste Gabe ist willkommen." Mannheim, 15. Januar. Im Verein für jüdische Geschichte und Literatur hielt am Samstag Abend Herr Dr. P. Kohn einen äußerst fesselnden Vortrag über „Aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges." Aus jener Zeit, so etwa führte Redner aus, trete uns eine wunderbare Erscheinung entgegen, nämlich die. daß auf deutschem Boden das jüdische Volk dasjenige war, das bei jenen wüsten Kriegeswirren am günstigsten wegkam, trotzdem die Lage der Juden eine sehr traurige und trübe war; eine wesentliche Schuld hieran sei allerdings den Zünften beizumessen. Der Vortragende beweist dies an mehreren Beispielen aus der Geschichte jener Zeit, aus den Judenverfolgungen, wie sie sich in Frankfurt, Worms und anderen Orten abspMen, wo die Juden von Haus und Hof vertrieben wurden. Kurfürst Friedrich von der Pfalz nahm sich jedoch der bedrängten Juden an und Kaiser Matthias war es, der selbst unter Aufbietung von militärischer Macht die Juden später wieder in ihr Eigenthum einsetzen ließ. Zum Andenken an diese That feierten die Juden, namentlich in Frankfurt, noch bis in die letzten Jahre einen Festtag. Eine weitere merkwürdige Erscheinung jener Zeit, welche vielen Familien zu großem Wohlstand verholfen habe, sei die Erscheinung der Hofjuden; sie genossen volle Handelsfreiheit, durften zu jeder Zeit mit dem Fürsten konferiren und waren hauptsächlich dafür da, um die Geldverlegenheiten verschiedener Höfe zu regeln; unter Kaiser Ferdinand war es namentlich der von diesem in den Adelstand erhobene Hofjude Jacob von Treuenburg, welchem die Glaubensgenossen seiner Zeit viel zu danken hatten, denn ihm. der stets für das Recht derselben eingetreten, ist es wesentlich zu verdanken gewesen, daß die Juden in dem katholis ren Wien sich größerer Freiheiten erfreuten, als in dem reformatorischen Hamburg. Ein würdiges Seitenstück zu diesem Manne bildete der damalige Rabbiner der israelitischen Gemeinde in Wien, Lippmann Heller. Redner schildert als Schluß seines Vortrags die Schicksale dieses für die jüdische Geschichte hochbedeutsamen Mannes, welcher später als Rabbiner an die größte jüdische Gemeinde. Prag, berufen wurde und hier, durch niedrige Denunziation verdrängt, sein Leben in Krakau beschloß. Reicher Beifall lohnte den Redner für seine trefflichen geschichtlichen Ausführungen, welche uns einen Blick gewährten in ein Bild deutscher Vergangenheit, das leider nicht in den Ruhmeskranz unserer vaterländischen Geschichte gehört. Aus Baden, im Januar. Wie der in Heidelberg erscheinende antisemitische Bad. Volksbote mittheilt, ist gegen seinen Redakteur, Herrn R e u t h e r von der Staatsanwaltschaft Untersuchung eingeleitet auf Grund des § 130 „Aufreizung zum Klassen haß". Es werde sich Herr Reuther jedenfalls dieserhalb vor dem Mannheimer Schwurgericht zu verantworten haben. Die Anklage stütze sich auf verschiedene Artikel des Bad. Bolksboten, sowie auf das Gedicht „der Schwarzwald". Stoßseufzer einer christlichen Seele in St. Blasien. Bei der in Hilzingen stattgehabten Versammlung zur Besprechung eines wichtigen Bahn-Projektes, Gailingen-Hilzingen, führte Herr Adolf Guggenheim in Gailingen (Jsraelite) den Vorsitz. Unter den Mitgliedern des leitenden Comite's befand sich auch Herr E. D. Moos aus Gailingen. L. Düren, 17. Jan. In der hiesigen „Volkszeitung", amtliches Kreisblatt, lesen wir: Im III. Buche Moses 19.18 heißt es: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Der berühmte Rabbi Hillel sagt: „Was du nicht willst, das man dir thue, das thue auch deinem Nächsten nicht — das ist das ganze Gesetz, alles Ucbrige ist Erklärung." Diese Cardinal- und Fundamentalsätze, nicht nur der jüdischen, sondern aller Religionen müssen dem Herrn Pfarrer Sauvage wohl besonders vorgeschwebt haben, als er am letzten Sonntagmorgen in seiner Pfarrkirche in Kelz die Kanzel bestieg und in ernsten und eindringlichen, seine andächtige Gemeinde tiefbewegenden Worten eine Warnung erließ vor dem Besuche der für den Nachmittag desselben Tages angesetzten antisemitischen Versammlung. Der hochwürdige Herr setzte in fast einstündiger Rede auseinander, wie Gott alle Menschen nach seinem Ebenbllde erschaffen habe, wie der Stifter der chr. Religion die Liebe gepredigt habe und wie es unchristlich sei, seinen Nebenmenscheu zu verachten und zu hassen. — Er wies darauf hin, wie zwischen den jüdischen und christlichen Bewohnern seiner Pfarre stets Friede und Eintracht geherrscht habe und daß es eine verbrecherische That sei, dieses Verhältniß stören zu wollen. Ich hoffe nicht, so ungefähr sagte der