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Der Israelit · 1894-01-22 · Heft 7 (22.1.1894) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 7 (22.1.1894)
Date
1894-01-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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■■ > L,,^ u..■■■pju^ijM. -fei , J, u & ü P-<li^i|i^pgipWlP)B^j^|gi|gP 106 Herzen gewaltsam herausgerissen werden, als sollte jedes Ideal zu gemeinem Koth, zu Unflath verwandelt werden. So sehen die wissenschaftlichen Ankläger der jüdischen Rare aus. gehet hin und lernet von ihnen. Ihr Antisemiten! Abgesehen davon, daß Abraham als ein lichtumfloffenes Bild, als ein Heros der Tugend und der Menschenliebe, als nachahmenswerthes Beispiel dem gesammten Chrtstenthum ebenso wie dem Judenthum gilt, ist gerade dieser angebliche Schacher Abrahams mit der Gottheit nur zu sehr geeignet, die Selbstlosigkeit unseres Stammvaters aufs klarste zu documentiren, für ihn zur Verehrung hinzuretßen und das Menschenherz aufs Tiefste zu ergreifen. Abraham besitzt keinen Kaufladen in Sodom, hat dort keine Fabrik, keine Industrie, keinen Handel, keinen Bodenbesitz, gar nichts, was ihn an dem weiteren Bestand dieser verderbten Stadt interesstren könnte; im Gegentheil, wäre er hkngekommen und hätte es gewagt, nur dort zu übernachten, er wäre gewiß als Fremdling mißhandelt und aus der Stadt hinauscomplimentirt worden, wie die Einwohner es mit den Gästen Lot's thun wollten und wie es Dühring und seine Gesinnungsgenossen auch mit den „Judensemiten" so gerne machen würden. Was lag also näher, als daß sich Abraham um das Geschick Sodems gar nicht kümmern sollte? Der Jude denkt aber in Bezug aus Menschenliebe eben nicht „arisch", er wünscht nicht den Untergang des Bösen und des Frevlers, sondern er fühlt Mitleid mit ihm wegen seiner Verirrung, er betet sogar für seinen Bestand, für sein Wohlergehen. Wie ergreifend wirkt dieses Bild! Man stelle sich vor, ein einfacher, schlichter Nomade, der mit seinen Heerden von Ort zu Ort, von Land zu Land zieht, steht da unter Gottes freiem Himmel, mit ausgebreiteten Händen den Ewigen Einig- Einzigen anbetend, als Anwalt eines sittlich verkommenen Volkes, das ihm eher schaden als nützen kann, an dessen Geschick ihn nicht das geringste Interesse bindet, die Gerechtigkeit des Weltenrichters anrufend. Was nöthigt ihn dazu, es zu wagen vor dem Allmächtigen, vor der allgewaltigen Gottheit hinzutreten, er, der nur ein Stäubchen, ein Atom in des Schöpfers großen Natur ist und zu sprechen: „Ferne sei es von Dir, solches zu thun, zu tödten den Gerechten, wie den Bösewicht, ferne sei von Dir, der Weltenrtchter sollte nicht Recht üben?!" Was veranlaßte ihn anders dazu, so kühn und heldenhaft für die Sodomiten einzutreten, als seine grenzenlose Liebe zur Gerechtigkeit, als die unbeschränkte Menschenliebe, die sich selbst auf die unwürdigsten und abscheulichsten Sünder erstreckt? Abraham ist sich vollkommen bewußt, wer er ist und vor wem er steht, auch f ü r wen er spricht, doch wagt er es vor dem Weltenherrn eine so muthige Sprache zu führen, die fast wie ein Vorwurf klingt, selbst auf die Gefahr hin, sich dafür einen strengen Verweis oder vielleicht gar eine Strafe zuzuziehen, er läßt sich aber in seinem Rechtsgefühl von solchen Bedenken nicht anfechten und schritt mit Wärme ein für die Verworfenen, weil bet ihm das Recht höher steht als seine Person, weil ihm die Menschenfreundlichkeit mehr ist als die Eigenliebe, und das nennt man schachern, feilschen! Man erschrickt ordentlich vor dem Gedanken, daß gebildete Menschen zu einer solchen Bosheit, zu einer solchen Gemeinheit fähig sind, das was zur Bewunderung, zur Verehrung das Menschengemüth hinreißt und das Herz in heiligem Schauer erbeben läßt, in den ekelhaftesten Schmutz hinabzuzerren. Der Vernünftige kann daraus die Lehre ziehen, zu welchen Mitteln die Gegner des Judenthums greifen, um es anzuklagen, und wie sie die feststehende unzweifelhafte Wahrheit verdrehen, um daraus gegen die „Semiten" Kapital zu schlagen. Es erscheint uns fast sündhaft als Verthetdiger eines Abraham in die Schranken zu treten, als wollte ein Zwerg die Angriffe, die gegen einen Giganten geführt werden, abwehren, aber traurig und elend genug sieht es in der Welt aus, daß es so wett kommen mußte, daß der Haß nicht zurückscheut das Erhabendste und Heiligste zu besudeln. Wie dieser Angriff auf den Schachergetst Abrahams, so wenig gerechtfertigt ist auch der Angriff auf den Schachersinn des jüdischen Stammes. Wer Israels Geschichte kennt, weiß sehr wohl, welcher Beschäftigung dieses Volk von Natur aus mehr geneigt ist, ob der commerziellen oder der industriellen und Feldarbeit. Die Juden haben wahrlich nicht aus Hang zum Schacher sich dem Handel gewidmet, sondern weil sie zu keinem andern Erwerbszweig zugelassen und gezwungen wurden, ihren Lebensunterhalt nur im Handel zu suchen. Weder Bodenbesitz, noch die Erlernung einer Profession waren ihnen bis vor wenigen Dezennien noch zu erlangen möglich. (Fortsetzung folgt.) Literarische Berichte. Die Geschichte der jüdische« Litteratur vom babilontschen Exil bis auf die Gegenwart. Uebersichtlich dargestellt von Dr. S. Bäck, Rabb. 2. verb. Aufl., Pr. brosch. M. 4. Frankfurt a. M. 1894. I. Kauffmann. 8. Es ist kein neuer Gast, den wir hier begrüßen, und in gewisser Beziehung doch ein neuer, da er uns in verjüngtem Gewände entgegentritt.

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