Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 6 (18.1.1894)
- Date
- 1894-01-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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-y' f 1 'i «MWMWWWWWWWW 88 ziehungSweiSheit. Hätten sie die ihrer Ausbildung anvertraute Jugend erst in die Hallen der Wissenschaft eingeführt, sie hätte in dem Kampf mit den Anschauungen, die dort herrschen, leicht anderen Sinnes werden und ihren jüdischen Lebensberuf so vollständig einbüßen können, wie dies bei der großen Mehrheit der zeitgenössischen Jugend in so erschreckendem Grade der Fall ist. (Schluß folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen Deutschland. Berlin. Ueber einen Fall von Antisemitismus in der Schule berichtet die »Preuß. Lehrerztg." Folgendes: Von der königl. Regierung zu Bromberg sind an Schulen ihres Bezirks Bücher für die Schülerbibltotheken vertheilt worden. Neben anderen werthvollen Jugendschriften befindet sich darunter Glaubrechts (Oeser): „Das Volk und seine Treiber" (Stuttgart, Gundert. 1 M.). ein Buch voll antisemitischer Hetzereien, das auch s. z. im Feuilleton Marburger Reichsherold zum Abdruck gebracht wurde. In der Einleitung sagt der Verfasser: „Und noch eins, mein lieber Leser, es giebt noch eine Wunde im Volksleben, über die klagt alle Welt, und nur wenige suchen sie zu heilen — das Uebel ist, daß ich es kurz sage, die Judenkrankheit, schlimmer als Hiobs Aussatz, und inS deutsche Volk gekommen durch den Schlangenstich. Die Schlange aber, das fremde Gewürm, ist das Judenvolk." Am Schluß heißt es: „Und die Moral von der Geschichte? Der deutsche Bauer ist der glücklichste Mensch aus Erden, wenn er Gott fürchtet, die Sunde meidet und den Juden aus dem Wege geht. Der Lehrer soll sich von Agitationen feruhalten. Treibt dieses Buch keine? Hier die Schlagwörter deS Antisemitismus: „Um deS Geldes willen, das die Juden den Christen abgeschwindelt und abgestohlen hatten" — „Wahrscheinlich hat ihm der Jtzig die Gurgel geschmiert" — „Krallen einer erbarmungslosen Juden" — „Hungriges Raubthier" — „Blutegel" — Ec ein Jude ist wie ein hungriger Hund, er geht nicht". Wird das Gift des Antisemitismus durch solches Buch nicht weiter verbreitet, als durch die schönste antisemitische Hetzrede? Direkt an die Kinder wendet sich der Verfasser durch daS geschilderte Jtzig-Sptel: „-und die Kinder nicht sollen das Jtzig-Spiel spielen, wo das, welches den Juden vorstellt, stets mit einer Ziege am Strick davongeht und womöglich mit einem Sack voll HauSrath »der Lebensmittel auf dem Rücken. Dann muß ein Mädchen die weinende oder scheltende Frau odec beides zusammen Vorsteven, und der Jude ruft die Nachbarn zu Zeugen an, sich zu merken, wie die Liese oder die Margareth ihn geheißen. Und den Schluß des Trauerspiels macht dann des Juden Geschrei: „Bezahl erst, was Du mir bist schuldig, und dann halt Dein Maul. Ehrliche Leute bringen um ihr sauer Stück Brot, ist Sünd vor Gott!" Wrshalb sollten die Kinder dies neue Spiel nicht auch versuchen. Und dabei stehend denke man sich ein jüdisches Kind derselben Schule! Darf der Lehrer in solchem Falle die Verspottung der Andersgläubigen strafen? Er hat ja das Spiel gewissermaßen selbst gelehrt. — Die Beweise sprechen für sich, jedes Wort ist überflüssig. Aber eine königliche Regierung sollte auch nicht ein Buch ohne genaue Prüfung den Schulen schenken. — Was sagt denn übrigens das Kultusministerium zu diesem erbaulichen Band aus einer Schülerbibliothek?! Berlin, i2. Januar, Der „Badische Volksbote" vom 11. November 1893 brachte eine Mittheilung über den Tod des früheren Bureaudieners Meißner, der die bekannten Briefe und Akten aus den Bureaux der rumänischen Eisenbahngesellschaft gestohlen hatte, auf welche Ahlwardt seine Angriffe gegen den Finanzminister Miguel aufzubauen suchte. Am Schluß dieser Notiz heißt es mit Bezug auf die Ahlwardt-Debatten im Reichstage: „Aus zuverlässiger Quelle erfahren wir, daß der Präsident deS Reichstages v. Levetzow, als er den Präsidentensitz auf kurze Zeit verlassen hatte und im Kreise der Abgeordneten weilte, bei der Rede AhlwardtS zu seinem Nachbarn sich äußerte: „Ahlwardt hat doch Recht!" Von Frankfurt aus war Herr von Levetzow gebeten, mitzutheilen, ob diese Mitthetlung des antisemitischen Blattes zutreffend sei. Herr von Levetzow hat darauf unterm 18. November 1893 erwiedert: „Dem Verein beehre ich mich in Folge gefälligen Schreibens vom 15. d. Mts. unter Rückgabe der Anlagen desselben ergebenst zu benachrichtigen, daß ich keine ausreichende Veranlassung habe, mich über anonyme und unwahre Zeitungsartikel zu äußern, welche angebliche Privatgespräche reproduziren wollen." Diese Antwort brachte die Frankfurter „Kleine Presse" vom 29. Dezember 1893. Darauf antwortete der „Badische Volksbote" vom 3. Januar 1894, daß: die von ihm gebrachte Notiz, wie man ihm aus Reichstagskreisen schreibt, „ganz richtig gegeben" . . . Nach dem neuen Bericht des antisemitischen Blattes soll Herr von Levetzow nicht im Plenum, sondern in dem Kommisstonszimmer des Reichstags die Aeußerung gethan haben. Das Blatt erzählt den Vorgang jetzt wie folgt: „So stand denn auch in einer Fensternische der Abg. Götz v. Olerhusen. Zu ihm gesellte sich später auch der Präsident v. Levetzow. Und als Miquel daran war, seine Verteidigungsrede zu halten und Ahlwardt einen Verleumder nannte, da sagte Herr v. Levetzow zu seinem Nachbar: „Recht hat er aber doch!" Das war der Vorgang und dies die eigenen Worte des Präsidenten." Wie nun den „Mttthetlungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" auf eine Anfrage in Reichstagskreisen versichert wird, hat Präsident v. Levetzow auf eine private Anfrage auch neuer-