Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 5 (15.1.1894)
- Date
- 1894-01-15
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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’f WPW»WWWWWW»M»WWWWWWWWWWMW WWWWWW WWWW WW »WWW 83 alle mittelalterlichen Juden waren solche Ungeheuer in Menschengestalt, wie H. Bl. seine Väter so zur Genugthuung aller Judenhasser gezeichnet hat Es mögen viele Juden manchmal ränkevoll, andere feige und furchtsam, wieder andere unredlich und Wucherer gewesen sein. Ich habe auch bei keinem jüdischen Geschichtsschreiber diesen Rattenkönig von Lastern in solcher Bestimmtheit den mittelalterlichen Juden zugeschrieben gefunden. Aber, die Richtigkeit selbst zugegeben, was würde es nützen, den Schülern zn sagen: Höret, solche Schurken waren unsere mittelalterlichen Väter! das Beste an der Geschichte ist doch die Begeisterung, die sie hervorruft. Was der Lehrer erzählt, sei wahr, nicht alles Wahre aber soll er erzählen. Für solche Juden mag sich kein kindliches Gemüth erwärmen, den Leiden solcher Glaubensbrüder kein Herz Mitleid zollen. Die geschichtliche Wahrheit fordert nicht, daß der Lehrer die Menschen in ihrer Erbärmlichkeit zeige. Aber wenn doch die einzelnen Charakterschwächen motiviert wären! Weiter heißt es: „Dabei bemächtigte sich ihrer fortwährend eine gewisse Angst und der Hang zum Wunderbaren. Es wurde geweissagt, die Geister gebannt, Zaubersprüche an Thüren und Thore, an Leib und Kleid gehaftet, um Besessene zu heilen oder vor bösen Geistern zu schützen. Vorurtheil und Aberglaube hatten bedeutende Macht errungen. Der Ceremoniendienst wurde immer häufiger. Derjenige galt für besonders fromm, der die kleinlichsten Vorschriften, die immer zahlreicher gewordenen Zäune und Erschwerungen der Rabbiner befolgte." Hier steht der Verfasser auf der niedrigen Zinne der Partei, seine Tendenz ist, lächerlich zu machen. Er muß dann auch darauf verzichten, ein erfahrener Schulmann genannt zu werden. Er säet Spott, statt Ernst und wird auch nur Verachtung unserer Ceremonien ernten, anstatt Liebe zur Religion. Sind nicht die Ceremonien ein wesentlicher Theil unseres Gottesdienstes? Es giebt nun keine bessere Widerlegung der eben gehörten Anklagen, als die erste Hälfte des Lesestücks, als die eignen (?). Ausführnngen des Verfassers selber. Darnach sind die Juden des Mittelalters die reinen Engel. Sie waren trotz aller Leiden glaubenstreu, verehrten Gott oft mit Lebensgefahr, opferten ihrem Glauben, alle Erdengüter, waren sittenstreng, einfach, dürftig, aber reich an Schätzen des Gemüths, mäßig, enthaltsam, keusch, sie scheuten die Sünde, handhabten die Verehrung Gottes, waren der gesetzlichen Obrigkeit treu, geduldig, wachsam, suchten die Wahrheit, förderten die Erkenntniß Gottes, waren dienstfertig, verschwiegen, wohlthätig, mildthätig, verpflegten die Kranken, Witwen und Waisen und die Gefangenen. „Sie fanden im allgemeinen ihres Ruhmes schönsten Theil in dem Ruhm ihrer Glaubensbrüder. Ihr Streben ging nur auf die Erhaltung ihres Glaubens in der Reinheit und auf die Abwehr des Fremden und Schädlichen." „Das Talmudstudium wurde übrigens lmehr seiner eigenen Herrlichkeit, als Amtes oder Brotes willen geliebt." Wie reimen sich die beiden Hälften zusammen? Das in mehrfacher Beziehung wunderliche Ende dieses Aufsatzes lautet: „Auch der übrigen deutschen Jugend, (?) welche keine Neigung und Fähigkeit zu dem Talmudstudium hatte, ward eine religiöse Erziehung und dieKenntnis des Hebräischen in der väterlichen Religion (so!) zu theil. Rur die religiöse Bildung der Mädchen ward sehr Hintenangesetz t." (eine schöne Wortbildung.) „Bloß im Hebräischen wurden sie unterrichtet. (Ist das keine religiöse Bildung? Lernten die Knaben etwa deutsch oder fremde Sprachen?) „Nach und nach verschlechterte sich der Unterricht der Jugend, er wurde immer dürftiger, geistloser. das Selbstdenken ward verpönt, die freie Aeußerung der Geisteskräfte gehemmt." Das -sind wieder tendenziöse Phrasen, die selbst nicht Anspruch auf Gründlichkeit und Geist erheben können. An dies klägliche Ende knüpft der klägliche Anfang des folgenden Aufsatzes (S. 739 R. 14) „Gottesdienst" an. Dort erlaubt sich Herr Bl. folgendes Urthetl: Insbesondere wurden für Fest- und Fasttage besondere Gebete unter dem Namen Pijutim verfaßt, deren Inhalt u n e r b a u l i ch und schwer verständlich ist und deren Menge viel zur Verbannung der Andacht beitrug." Herr Bl. muß uns natürlich darin maßgebend sein. Dr. Kaiserling spricht in seinem Handbuch nur davon, daß die Pijutim den meisten unverständlich sind. Daß deren Inhalt unerbaulich ist — so ganz allgemein — wagt er und keiner zu behaupten. Aber die anderen werden es auch nicht so recht beurtheilen können. Nach meiner Meinung sind die Ansichten über Wert, Nützlichkeit und Erbaulichkeit der Pijutim getheilt. In der überwiegenden Menge der Synagogen in Deutschland gehören die Pijutim noch jetzt zum Gottesdienst und erbauen durch den Sprung der Phantasie und die Hoheit der Gedanken viele gläubige Herzen. Warum deshalb den Zankapfel in den stillen Frieden der Schule werfen? Die Kinder sind doch gar nicht zu einem Urtheil kompetent und es würde ihnen also ein Vorurtheil eingeimpft werden. Ferner: „Die Noth der > Zeit nun düsterte allmählich den Gottesdienst. Der Synagogengesang artete in ein wildes, ungeordnetes Geschrei aus." Auch das Wort der Prediger floß spärlich. Nur zweimal im Jahre und dann nur m