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Der Israelit · 1894-01-15 · Heft 5 (15.1.1894) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 5 (15.1.1894)
Date
1894-01-15
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXV. Jahrgang. Beilage M J\s 5 -es „Israelit“. Leitender Artikel. Der Wertauf u. gegenwärtige Stand der jüd. Colonisatious Bestrebungen von SlucrewsKi. Zwei Jahre sind es her, seit ich unter demselben Titel im „Israelit" die damaligen jüdischen Colonisationsbestrebungen kritisirte. Die vom deutschen Central-Comile für die russischen Juden einberufene internationale Delegirten-Conferenz hatte kurz vorher hier in Berlin stattgefunden und das Project bei Minhas in der Provinz San-Paulo- Brasilten Colonten für die russischen Emigranten zu errichten von C. Franzos in der Conferenz vorgetragen, fand großartigen Beifall, zumal von dem nach Brasilien gesandten Oswald Boxer ein Telegramm eingelaufen war, daß Grund und Boden bet Minhas vorzüglich seien. Vergeblich versuchte ich durch ausführliche Memoranda die Männer der Conferenz von der Undurchführbarkett, von der dilettantenhaften Naivität dieses Projectes zu überzeugen; man sah in jenen Kreisen schon mit leibhaftigen Augen tausende russischer Emigranten in den Baumwollen-Plantagen San-Paulos als behäbige Bauern arbeiten, meine ausführlichsten Gegen- Referate blieben unberücksichtigt, und ich mußte es mit anhören, wie die alten Colonisatoren und Afrikaner in der Knaebel'schen Weinkneipe in Moabit-Berlin unter homerischem Gelächter den großartigen Colonisationsplan der Delegirten Conferenz besprachen und glosfirten. Das Colonisations-Project des Central- Comitö's blieb ein todtgeborenes Kind, wie ich es vor zwei Jahren in dieser Zeitschrift voraussagte. Oswald Boxer, der nach San-Paulo gesandte Rechercheur, starb in Brastlien am gelben Fieber, und hiermit fand der Colonisationstraum des Central-Comittz's einen definitiven, leider tragischen Abschluß. Hätte in jenem Comittz ein einziger gesessen, der nur eine Jsothermen-Karte zu lesen und zu erklären verstand, die Conferenz würde das brasilianische Project als Phantasterei sofort verworfen haben, denn in San-Paulo betrug im März vergangenen Jahres die Temperatur im Schatten 38°, wie ich aus der Mittheilung eines mir zur Einsicht gegebenen Privatbriefes aus San-Paulo ersah, und bei dieser Temperatur sollen russische Juden im Freien Arbeiten verrichten, ohne zu eikrankend — Das Paul Friedmann'sche Unternehmen nach Midjan ist von Hildesheimer treffend characterisirt worden, es fand seinen definitiven Abschluß durch eine Reihe von Beleidigungsklagen „Friedmann contra Zeitungs-Redacteure". Nach Herrn Friedmann's Unternehmen muß ich der Palästina - Recolonisatoren gedenken. Die extremen Elemente unter diesen wollten und wollen daS alte jüdische Staatswesen wieder aufrichten. Mich selbst besuchte eines Tages fechtend ein Mitglied jener Extremen, Herr D., und ich hatte das zweifelhafte Vergnügen den Ausführungen seines großartigen Colonisationsplanes andächtig zuzuhören. Herr D. wollte ganz Israel, billiger that er es nicht, um Alexandrette versammeln, und von dort aus sollte das jüdische Volk, wie ein Gummiball nach Palästina hineinschnellen, wie Herr D. wörtlich erklärte. Ich gab diesem großartigen Projecte selbstverständlich meinen Beifall, bat jedoch Herrn D. meine Wenigkeit von der Gummiball-Schnellerei und dem Rendezvous in Alexandrette zu dtspensiren, da es doch auf einen Israeliten bei kol Jisroel nicht ankommen würde. Im Gegensatz zu diesen extremen Zionisten, deren Treiben den Charakter des Kindischen und Närrischen an sich trägt, stehen die gemäßigten Zionisten. Ihrem anerkennenswerthen Streben im Verein mit den klugen Maßregeln der türkischen Regierung ist es gelungen, einer bescheidenen Anzahl russischer Emigranten in Palästina ein Heim zu gründen. Leider ist, wie es schon oft, auch von mir nachgewiesen wurde, die Palästina-Recolonisation eine Danaidenarbeit. Sie hat keine Zukunft, eine nur sehr beschränkte Entwickelungsfähigkeit, und vor allem von den religiösen Idealen abgesehen keinen practisch-verständigen Endzweck. Denn die Juden Palästina's sind in ihrer ganzen Existenz von der Gnade und dem Wohlwollen des jeweilig regierenden Sultans abhängig, ihren Nachkommen ist das russische Joch gewiß, und Palästina selbst ist und bleibt bis zum Eintritt der nn'bv nbwi ein von kleineren und größeren Cultur-Oasen durchsetztes, wüstes Steppenland; sein Hafen „Jaffa" ist ein Schrecken aller Schiffscapitäne; auf offener See müssen die Schiffe vor Anker gehen, und nur durch Leichter und Brandungsboote können Frachtgüter und Passanten gelandet werden. Trotz alledem, mag die edle Begeisterung für religiöse Ideale die Zionsbewegung auf falsche Bahn geführt und nach einem verfehlten, werthlosen Ziel dirigirt haben, das Wachsen dieser Bewegung, die Vermehrung der Zionsvereine kann ich nur aus vollstem Herzen freudig constatiren; denn hierin liegt der Beweis für das immer mächtiger stch regende Bestreben im Judenthum, endlich einmal

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