Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 5 (15.1.1894)
- Date
- 1894-01-15
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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71 Dann reckte er seine mächtigen Glieder und ging, ohne ein Wort zu sprechen, dem Ausgange zu. An dem Thore wendete er sich noch einmal um, als ob er dem Freunde ein letztes Lebewohl sagen wollte. Da plötzlich schoß ihm ein Gedanke auf, der ihn beglückte. Er hatte ja eine Pflicht zu erfüllen für den Verstorbenen; er hatte es ja versprochen. Und er wollte sein Versprechen halten, soweit es bei ihm lag, soweit es nur irgend möglich war. In fester, strammer Haltung schritt er der Stadt zu, kein Mensch hätte ihm anmerken können, wie gebrochen und zermalmt er noch vor wenigen Minuten war. Jetzt galt es zu handeln nach dem Willen des Freundes. Dorthinten, weit hinter ihm lag der Tod — und vor ihm ausgebreitet lag das Leben. III. In Frankfurt a. M. Doch so schnell, als Südländer meinte, vermochte er nicht, der ihm gestellten eigenthümlichen Aufgabe gerecht zu werden. Zwar hatte er schon am nächsten Tage begonnen, alle Angelegenheiten zu erledigen, die der Tod seines Freundes veranlaßt hatte. Dann begann er alles für eine längere Abreise vorzubereiten und verließ noch am Abend des gleichen Tages München. Doch als er ruhelos sich im Bette des Schlafwagens umherwälzte, da begriff er, daß es ihm jetzt noch unmöglich sein würde, die Erfüllung des Versprechens in Angriff zu nehmen. Auf die Aufregung der jüngsten Tage war mit der eisernen Logik der Natur nun die Reaktion gefolgt. Südländer war furchtbar nervös, kraftlos, ermattet. So beschloß er denn, einige Tage in Wiesbaden zu verweilen, eh' er sich nach Frankfurt begab; doch hatte er angeordnet, daß Briefe an ihn oder seinen verstorbenen Freund ihm nach Frankfurt in das Hotel Kaiserhof nachgesandt würden. Aber was war damit gethan? Er hielt es nicht einmal der Mühe werth, es nach Hause zu berichten, daß er noch nicht in Frankfurt sei. Er lebte ja fast ganz abgeschlossen von der Welt; außer von dem Verleger seiner Werke und gelegentlich von einigen Fachgenoffen pflegte er keine Briefe zu erhalten. So versäumte er denn diese Maßregel. Ein Brief aber wurde von München nach Frankfurt nachgesandt; nachdem er einige Tage im Hotel Kaiserhof gelegen, ging er, da der Adressat dort unbekannt, wieder nach München zurück und blieb auf der Wohnung des Professors liegen. Es war gegen Abend als Professor Südländer in Frankfurt ankam. Trotzdem er innerlich erfüllt war von dem merkwürdigen Vorhaben, das ihn hierhergetrieben, verfehlte das interessante Bild dieser lebhaften Stadl nicht, einen gewaltigen Eindruck auf ihn zu machen. Schon der in's Kolossale gehende Bahnhof mit seinen immerzu hin und her strömenden Menschenmaffen, einem ungeheuren Bienenstock vergleichbar, der nie sich leert, wenn auch immer neue und neue Schwärme aus seinen Oeffnungen sich ergießen. Frankfurt! Welche Geschichte hatte sich an dieser Stätte abgespielt, seit Karl der Große hier seinen Königshof Francofurdt erbaut! Ist sie doch die reiche Geschichte des alten Deutschlands, dessen Kaiser seit Barbarossa hier gewählt und gekrönt wurden.- Ein heftiger Stoß ritz den Professor aus feinen Träumereien. „Muß er sich grad mir in d' Weg stelle?!" Ja so! Hier war nicht Zeit zum Grübeln. Vom Strom der Menschen ließ er sich fortreißen. Sie liefen; er lief mtt. Es gelang ihm einen Platz in der Pferdebahn sich zu erobern; eben erst angekommen, war sie schon überfüllt, fuhr fie schon in schnellstem Tempo dem Inneren der Stadt zu, dessen Lichtmeer sie herbeizuwtnken schien. Auf der Zeil stieg er aus. Dieses Leben und Treiben vor den in electrischem Lichte strahlenden Schaufenstern und Magazinen zog ihn an. Bewundernd blieb er stehen. Welche Pracht! Wie reich und geschmackvoll! Noch mehr interesstrten ihn die Menschen, die da vorüber strömten. Er fand auch bei geringeren Leuten eine Eleganz der Kleidung, die ihn überraschte. Weder in Berlin noch in München ist dies in so hohem Maaße der Fall. Er drückte sich fest an die Mauer, um nicht fortgeriffen zu werden. Mit lächelnder Miene blickte er nun in den Strom, der dauernd an ihm vorüberflutete. Wie reizend das war, hier von Niemandem gekannt und von Niemandem beachtet zu stehen, mitten in diesem Getöse und doch in ruhiger Beschaulichkeit erhaben über dasselbe. Es kam ihm in den Sinn, daß die Linden in Berlin ein zwar weiteres und reicheres, aber lange kein so charakteristisches Bild boten. Nach kurzer Zeit konnte^ der Professor unter den Vorüberziehenden drei Gruppen von Menschen unterscheiden. Die Einen gingen, um vorwärts zu kommen. Es waren emsige Leute, die ihren Geschäften nacheilten, sich inMittelschnellenHTempo^bewegten und jedem Hinderntß vorsichtig auswtchen.