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Der Israelit · 1894-01-15 · Heft 5 (15.1.1894) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 5 (15.1.1894)
Date
1894-01-15
Page
– (sequence 6)
Language
German
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fö > Äermischtes. Dem ersten Lehrer Walter in Czaruika«, Vater des Rabbiner Dr. Walter, ist aus Anlaß seiner Penstonirung der Adler der Inhaber deS Königlichen HauSordens von Hohenzollern verliehen worden. Kirchen-Efriugen, 12. Januar. Innerhalb 8 Tagen wurden hier die 3 ältesten Leute unserer iSr. Gemeinde und zugleich des Dorfes zu Grabe getragen: Abraham Blum SS Jahre, David Bloch 89 Jahre und Frau Nathan Braunschweig 88 Jahre alt. (Antisemitische Rohheit.) Manschreibt unS:„ Daß die antisemitische Rohheit selbst vor dem Unglück nicht Halt macht, zeigt folgendes Beispiel. DaS schreckliche Unglück auf dem Großglockner gibt dem „deutschen Vollsblatt" in München vom 4. Januar (Nr. 1) zu folgenden Poesien Anlaß: „Drei Wiener Juden wollten den Großglockner besteigen und kamen elend dabei um. Bekanntlich fehlt der Judenschaft die kraxelfrohe Muskelkraft: was dem Hebräer nicht verliehen, deß soll er sich nicht unterziehen. Es paffen unsere deutschen Berge nicht für krummbeinige Judenzwerge." Kommentar überflüssig. Feuilleton. Im Mahne des Glücks. (4. Fortsetzung.) Nach der Münchener Polizeivorschrift wird eine Leiche, nachdem der Tod eingetreten und von dem Arzte bescheinigt ist, sogleich aus dem Sterbehause abgeholt und auf den Friedhof verbracht. DaS war Südländer bekannt und doch sah er mit Staunen zu, wie das Alles geschah. DaS Alles war ihm wie ein Traum, aus bem er jeden Augenblick wieder erwachen müßte. Zwar konnte er sich jedes einzelnen Vorgangs genaustens erinnern, zwar konnte er mit Ruhe und kaltem Blute alle nothwendigen Bestimmungen treffen, und doch war in seinem Innern Alles wie tot, wie abgestorben. Nach zwei Tagen versammelte sich eine stattliche Schaar von Menschen auf dem Friedhofe, um der Erde zu geben, was ihr gehört. Der Rabbiner, ein vortrefflicher Kanzelredner, sprach sehr schön und ergreifend. Viele, die dem jungen Manne näher gestanden, sein Talent bewunderten und nun sein schreckliches Loos betrauerten, weinten heiße Thränen. Doch Südländer weinte nicht. Das Alles war ihm so fremd, es drang nur bis an sein Auge und Ohr und kehrte nicht in sein Innerstes ein, denn da innen war ja Alles wie abgestorben. Er wußte es ja besser. Das Alles war nicht wahr, unbegreifliche Tollheit war es. Allgemein wunderte man sich über die Ruhe des Profeffors. Man wußte ja, daß er mit dem Verstorbenen verwandt und sehr befreundet war. Wenn ganz Fernstehende über den Tod des schönen, hochtalentirten Jünglings weinten, warum vergoß bef Professor nicht eine einzige Thräne? Sie wußten nicht, daß diese Naturen bei großem Schmerze erstarren, daß ihr Leid sich erst nach Wochen und Monaten in mildernden Thränen löst. Ein Kaufmann namens Bertram Fisch, der indessen weder zu kaufen, noch zu verkaufen verstand, wies mit der Hand auf den Professor, der ruhig und regungslos dastand. „Dem geht es auch um den Finger herum; der ist leicht zu trösten," sagte er zu seinem Nachbarn, „das Hab' ich schon immer gewußt. Sein einziger Verwandter hier und thut, als ob ihn die Sach' gar nichts anginge. Ich glaub', er meint, er ist zu vornehm, als daß er auch etwas fühlen darf. Ich laß' meinen Sohn einmal nicht Professor werden." Dazu war nun allerdings auch keine Gefahr vorhanden, denn Bertrum Ftsch's Sohn war geradeso bornirt wie sein Vater. Jetzt nahm man den Sarg von der Bahre und stellte ihn auf die Hölzer, die über dem Grabe lagen. Nun zog man die Hölzer heraus und ließ an den Stricken den dumpfig kollernden Leichnahm in die Grube hinabfahren. Hierauf zog man die Stricke hervor; es gab einen scharfen, quetschenden Ton, als sie sich am Holze des Sarges rieben. Da war es dem Professor plötzlich, als ob man die Stricke mitten durch sein Herz gezogen hätte. Schon die ganze Zeit über war ihm das Athmen schwer gefallen; jetzt fühlte er plötzlich einen furchtbaren, brennenden Stich in der Brust. Die Luft verging ihm gänzlich; er mußte sich an einen Nachbar lehnen, um nicht umzufinken. „Er schauspielert, damit man meint, er fühlt auch etwas!" raunte Bertram Fisch seinem Nebenmann zu. Er hatte jetzt einen förmlichen Zorn auf den Professor, weil dieser nicht geweint hatte. Und das Begräbniß ging vorüber, die Menge verlief sich; nur Professor Südländer stand noch allein an dem frischen Grabe. Jetzt erst, nachdem die fremde, kalte Menschenschaar fort war, jetzt erst wurde es ihm leichter um's Herz. Zwar fand er noch immer keine lindernde Thräne, aber er konnte niedersinken an dem Grabe und sein glühendes Antlitz einwühlen in die frisch aufgeschaufelte, kühle Erde. Wie lange er so gelegen hatte, er wußte es nicht. Als es zu dunkeln begann, ersuchte ihn der Friedhofswärter, den „guten Ort" zu verlassen, da er nun die Thore schließen müßte. Südländer richtete sich langsam und mühevoll auf; den Friedhofswärter starrte er an, wie geistesabwesend.

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