Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 4 (11.1.1894)
- Date
- 1894-01-11
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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60 letzten Kräfte zu erreichen trachtete. Es ging von dieser Hütte aus, vor der ich bewußtlos zusammenstürzte. Was weiter mit mir geschah, weiß ich nicht; der gute Mann, der mich aufnahm, wird es Euch wohl mitgetheilt haben." Immer schwächer wurde die Stimme des Hohepriesters, ermattet sank sein Haupt zurück auf das Lager, müde schlossen sich seine Augen, um sich bald wieder zu öffnen. Man labte ihn schnell mit kräftigenden Speisen und Wein, flößte ihm heilbringende Arzeneien ein, die er schon halb bewußtlos zu sich nahm, dann verfiel er wieder in tiefen Schlaf. Wieder wälzte er sich unruhig hin und her, bald erhob er sich mit dem Oberkörper, fiel wieder zurück, sprach unverständliche Worte, ganz so wie e8 der Hirte geschildert hatte. Dann wurde er wieder ruhig. Seine Athemzüge, durch Heben und Strecken der Brust bemerkbar, wurden immer gleichmäßiger, Schweiß trat auf seine Stirne, die sorgfältig getrocknet wurde, allmählig konnte man eine leichte Röthe auf seinen bleichen Wangen wahrnehmen. So blieb er mehrere Stunden in ruhigem Schlummer, angstvoll bewacht von den getreuen Freunden, deren Mtenen nun hoffnungsvoller wurden, umsomehr als verschiedene Anzeichen und ein Lächeln, das, wenn auch nur schwach bemerkbar auf seinem Antlitze lag, eine Besserung seines Leidens erwarten ließen. Jetzt schlug er die Augen auf, sie waren so matt, dem Erlöschen nahe wie früher, man frug ihn, wie er sich befände, da gab er mit klarer, deutlicher Stimme zur Antwort: „Die Zeit der Ruhe, aus der ich eben erwachte, hat mir Trost und Erquickung gebracht, ich fühle neue Kraft in meinen Gliedern, ein neues Blut in meinen Adern, einen Born des Lebens, der mich neu gestärkt hat. Und all' das schreibe ich meinem schönen Traume zu, den mir der Gott des Erbarmens in meinem Schlafe zeigte. „Als das Bewußtsein mich vorhin verließ, da trat wieder die Gestalt meines unvergeßlichen Weibes vor mich hin, wieder folgte ich ihr, über Steine und durch wirres Gesträuch, durch öde, wüste Gegenden, durch düstere Wälder und sumpfige Niederungen, doch plötzlich änderte sich der Weg. Meine Füße betraten sanfte, blumige Wiesenpfade, prächtige Bäume mit köstlichen Früchten behängen, gaben kühlenden Schatten, silberhelle Quellen sprangen hie und da hervor, ich fühlte die Müdigkeit meiner Glieder schwinden, die zahlreichen Wunden meiner Füße schmerzten nicht mehr. Lieblicher Gesang und herrliche Mustk tönte an mein Ohr, die Menschen, denen ich begegnete, sie waren alle heiter und zufrieden, von Neid und Zwietracht, Bosheit und Mißgunst war nichts zu merken, ich befand mich in Gan Eden, im Reiche der Abgeschiedenen, im Lande des Glückes und der Seligkeit. Da schritten sie alle hin, Kinder und Greise, Männer und Frauen in ihren Sterbege wandern, sie waren alle gleich. Der König ging mit dem Bettler, der Herr mit seinem Sklaven; die auf Erden einander bis an's Lebensende befeindet hatten, hier gingen sie etnträchtlich zusammen über die anmuthigen Wiesen, Arm in Arm, Schulter an Schulter. Es war ein liebliches, schönes Bild, das stch mir bot, ein Bild des Glückes und der Zufriedenheit, ein Bild des Frohsinns und der Eintracht, ein Bild echter und wahrer Menschlichkeit. „Rastlos schritt ich weiter, immer der Lichtgestalt meines geliebten Weibes nach. Endlich am Rande eines gewaltigen, unabsehbaren Abhanges blieb sie sieben. Ich eilte aus sie zu, sie zu umarmen, doch sie winkte mir mit einer Handbewegung zu bleiben und deutete mit dem Finger hinab. Ich blickte hin, doch nichts war zu sehen, alles in graue undurchdringliche Nebel gehüllt. Und weiter schaute ich hinab, da zertheilten die Strahlen der Sonne das Gewölk, Heller und Heller sah tch's schimmern, endlich ein glänzender Schein wie von reinem Golde, die Nebelschleier schwanden nach und nach, und deutlich erkannte ich die vergoldeten Zinnen und Kuppeln des Heiligthums in der Stadt Gottes. Ein zahlreiches Volk war in den ausgedehnten Höfen versammelt. An den Altären standen die Priester und Leviten, die Opferthiere wurden bereitgehalten, herrliche, blumengeschmückte Stiere und Wdder, goldene Gefäße enthielten das zum Speiseopfer bestimmte Mehl und Oel die Räucherpfannen, die Kessel und Becken, alles war auf seinem Platze, doch die heilige Handlung konnte nicht begonnen werden, es fehlte der Hohepriester sie zu vollziehen. Und weiter schaute ich hinab, ich blickte in das Innere meines Wohnhauses, da stand meine treue Gattin Rahel, da standen meine beiden blühenden Knaben, sie alle riesen weinend in klagendem Tone nach dem Gatten, nach ihrem Vater und der Gatte hörte sie nicht, es blieb todtenstill in den weiten Räumen, Niemand kümmerte sich um die jammernde Gattin, die weinenden Kinder. Und weiter schaute ich hinab, da sah ich das Thor meines Hauses, es war von zahlreichen Menschen umlagert, von Armen, Elenden, Unglücklichen, da waren Hungernde, die nach Brod schrieen, Nackte, die die Blöße ihres Körpers nicht vor Kälte schützen konnten, Gramgebeugte, die in schwerem Lerde Trost suchten, Wittwen und Waisen, die um Schutz flehten. Ihr Jammern und Klagen tönte umsonst, Niemand hörte sie, vergebens klopften sie an meine Thüre, es wurde ihnen nicht aufgethan. Und weiter schaute ich hinab, da senkten stch wieder dichte Nebel hernieder, die alles dem Auge verhüllten. Ich blickte