Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 4 (11.1.1894)
- Date
- 1894-01-11
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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59 unserer Zeit empfunden. Bei Andersgläubigen wie bei Glaubensgonossen erfreute er sich der höchsten Achtung. In Ehrenämter jeglicher Art wurde er gewählt. Lange Jahre gehörte er der hiesigen Stadtverordneten-Versammlung an. Wo es sich um Gründung oder Erhaltung eines Wohlthätigkcis- Vereines handelte, war der Verblichene mit Leib und Seele dabei. 40 Jahre war er ununterbrochen Mitglied des Vorstandes der jüdischen Gemeinde, fast dieselbe Zeit den Vorsitz führend. Er entfaltete eine so segensreiche Wirksamkeit, daß der Vorstand in seinem Nachrufe von ihm rühmen konnte: „Er hat in unermüdlichem Fleiße seine volle Thätigkeit den Interessen der Gemeinde gewidmet, mit seltener Hingebung für dieselbe gewirkt und noch bis in die letzten Tage seines Lebens mit uns nicht nur an unseren Sitzungen regen Anthetl genommen, sondern auch seine ganze, weitere Zeit dem Gemetndewohle geopfert." Daß unsere Gemeinde eine neue Synagoge besitzt, ist sein Werk. Er war es, in dessen Herzen das heilige Feuer zuerst erglimmte; er fachte die Gemeindemitglieder zum edlen Werke an, und ohne seine große, materielle Beihülfe wäre der Bau nimmer möglich gewesen. Ueberhaupt hatte er für alle jüdischen Angelegenheiten ein warmes Interesse. In der gesammten Judenhekt war er bekannt als Wohlthäter. Er war ein Jehudi in des Wortes edelster Bedeutung; der Fromme, der gestorben, ist dem ganzen Geschlechte gestorben. Hau nn nas pna Sein Leichenbegängniß legte Kunde ab von der Verehrung, die er allseitig genossen. In dem langen L^ichenkondukt bemerkte man die Spitzen der königl. uud städtischen Behörden. In der Synagoge, wo die Trauerfeier auf einstimmigen Beschluß des Vorstandes stattfand, sprach zuerst Rabb. Dr. Ungerleider-Berlin. Er feierte die unvergänglichen Verdienste des Verblichenen um seine Familie, der er Vater und Beschützer war. Er gedachte der Güte seines Herzens und dankte ihm für alles, was er ihm, dem Freunde, der Gattin, der Familie, der Gemeinde, der Stadt, der gesamten Judenheit, gewesen. Dann ergriff Rabb. Dr. Bäck-Lffsa Namens der Gemeinde das Wort. Er schilderte mit herzergreifenden Worten den Verstorbenen als Führer und Vorsteher der Gemeinde, als Bürger und Wohlthäter der Stadt. Nun bewegte sich der Zug nach dem Friedhof, wo die sterbliche Hülle Louis Stillmann's der Erde zurückgegeben wurde. Solange aber noch Herzen empfänglich fein werden für Schönes, Gutes und Edles, wird in unserer Erinnerung fortleben sein Leben und Wirken, sein wohlthätiger Sinn, der die segensreiche, seinen Namen tragende Stiftung ins Leben rief. Oester.-Ungar. Monarchie. Prag, 5. Januar. In Smirzitz bei Königgrätz wurden der Kaufmann Löw y, ein 73jähriger Greis, seine Gattin und zwei Töchter im Alter von 25 und 9 Jahren ermordet und beraubt. Die dritte 17 Jahre alte Tochter wurde schwer verwundet, aber nur betäubt und bezeichnete als Thäter die berüchtigten Vagabunden Brüder Direcky, denen die Gensdamerie auf der Spur ist» Vermischtes. < Berlin. Das Morin Mannheimer'sche Ehepaar hat der jüdischen Gemrinde ein großartiges Geschenk von einer halben Million Mark gemacht zum Bau eines „SiechenhauseS" resp. „Hospitals". Wreschen, 5. Januar. In der vorgestrigen Stadtveroidiieten-Sitzuiig Hierselbst wurde Herr Rechts Anwalt Peyser mit großer Stimmenmehrheit zum Vorsteher der Stadtverordneten gewählt. H. Wolfs. Kerrilletorr. Der Hohepriester. Novelle von , Jakob Frankfurter. (Schluß.) „Als ich", sprach er, „am Abende des Versöhnungstages in Euerer Mitte saß, da überkam mich mein schweres Leid, der Schmerz, den ich mit Aufgebot all' meiner Kräfte zurückgehalten hatte, brach wieder hervor, stärker als je und wühlte heftig in meinem Innern. Ich wollte weinen und konnte es nicht. Still blickte ich nach jener Ecke des Zimmers, wo der Webstuhl meines geliebten Weibes gestanden hatte, an dem sie oft gesessen hatte, um Linnen zu weben, aus dem sie Kleider verfertigte, die sie an die Armen. die Wittwen und Waisen verschenkte. Plötzlich schien es mir, als sähe ich dort ihre Gestalt, die bald erschien, bald wieder verschwand. Dann war es mir, als verließe sie das Zimmer und winke mir ihr zu folgen. Ich that es und ging hinab in den Garten, dann auf die Straße, endlich aus der Stadt hinaus. Immer schien es mir als schwebe Lea vor mir, meiner Sinne nicht mehr mächtig, schritt ich weiter auf der Landstraße in die Nacht hinaus. Als der Morgen kam. da befand ich mich in wüster Gegend, achtete des Weges nicht und strebte immer vorwärts. So ging es fort über Hügel, durch sumpfige Niederungen, durch Wälder und steinige Aecker. Wieder begann es Nacht zu werden, immer noch ging ich rastlos dahin, öfters fiel ich nieder, dann raffte ich mich wieder auf, bis ich endlich in der Nähe ein Licht erblickte, das ich mit Aufgebot meiner