Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 3 (8.1.1894)
- Date
- 1894-01-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXV. Jahrgang. Beilage m M 3 des „Jsiaelit“. Leitender Artikel. Kine „jüdische" Zeitung und die Iesuitenfrage. „Es gibt christliche Deputirte, welche die „Freiheit durch nichts beschränken lassen wollen „und daher auch dafür stimmen, daß sie selbst den „Juden nicht geschmälert werde, vergessen aber, „daß die Beschränkung der Freiheit da zur Noth- „wendiakeit wird, wo sie nichts als Unheil stiftet. „Der Verkauf von Giften ist nicht freigegeben, „und der Semitismus ist eine Giftpflanze, von „welcher Tod und Verderben ausgehen. Wer für „den Fortschritt, die Veredlung und Vervollkomm- „nung der Völker begeistert ist, der darf nimmer- „mehr gestatten, daß die Juden ungehindert ihre „verderbenschwangere Thätigkeit unter den Nationen entfalten können." Die Antisemiten werden jubeln, denn sie haben einen streitbaren Kämpfer für die Logik ihrer Unmoral und Antiintelligenz aus dem Lager der Feinde genommen. Die oben angeführte Stelle Nt nicht bemerkenswerth wegen des Inhaltes, haben wir dock diese Art von Beweisführung in stetig gleicher Qualität tausendfältig bis zum Ekel schon genossen. Nein, — was jene Tirade bemerkenswerth macht, ist die Stelle, wo sie sich findet: In der „Zeitschrift für ote religiösen und sozialen Interessen des Judenthums", „Jeschurun", vom 29. D zember 1893, deren Herausgeber A. Levin in Tilsit ein Ehrendenkmal in der antisemitischen Heldenhalle verdient.*) Es ist gleichgiltig, daß in jener Auslassung statt Juden Jesuiten, statt Semitismus Jesuitismus steht. In Wahrheit trägt der Satz alle charakeristischen Merkmale jener geistigen Verirrung, die man auch dann noch unter dem Namen Antisemitismus begreifen sollte, wenn man längst nur noch Menschen, nicht Arier und Semiten in zweifelhafter anthropologischer Charlatanterie kennt. Es ist der alte Heißhunger nach Ausnahmegesetzen, das dumm-bequeme Verlangen, widerspänfttge Gedanken zu knebeln, indem man ihre Träger exiliert. Dies Verlangen ist zwar bequem, aber es ist auch dumm, weil stets das Gegentheil des gewünschten Zieles erreicht wird. Für geistige Exzesse muß das gemeine Recht und Vernunft, nöthtgenfalls Abänderung der Institutionen als Waffe ausreichen. Die Frage bleibt ganz außer acht, ob die „Jesuiten" „gefährliche" Leute sind oder nicht. Mit Ausnahmegesetzen überwindet ' *) Der betreffende!Artikel ists aus der in Wien erscheinenden Zeitschrift „Die Neuzeit"^abgedruckt. Red. d. „JSr." i man auch ihre Gefährlichkeit nicht. DaS kann nur durch mühsame Aufklärung, und wenn das nicht hilft, durch Erfüllung der Forderung der modernen Pädagogik — durch Entkirchlichung der Forderung der modernen Pädagogik — durch Entkirchlichung der Schule geschehen. Aber die „Gefährlichkeit" ist nicht einmal erwiesen. Wer vermag zu sagen, wer oder was gefährlich und verderblich ist. Jeder dumme Bauernlümmel, der im Schnapsrausch die Juden als Verderber deutschen Volksthums, deutschen Wohlstandes schmäht, könnte als Kronzeuge für die Nothwendigkeit einer Judenauswetsung dienen. Meinungen sind nur durch Meinungen zu bekämpfen, und Sieger bleibt schließlich, weß Meinung die Kraft der Wahrheit birgt. Es gibt keinen anderen und zweckdienlichen Weg, Jrrmetnungen zu überwinden; auch gegen die eingebildete oder thatsächliche Gefahr des Jesuitismus ist kein anderes Kraut gewachsen. — Das Wunderbare, fast Unbegreifliche an dem erwähnten Artikel ist, daß ein Jude, der doch jeden Tag die üble Wirkung der Ausnahmegesetzen am eignen Leibe und noch mehr an eigener Seele verspürt, gegen die Aufhebung des Jesuitenaesetzes schreibt und daß der jüdische Herausgeber eines noch dazu unpolitischen Blattes, das die ganze Sache eigentlich gar nichts, aber auch rein gar nichts angeht, einem derartigen Aufsatze Obdach gewährt. Der Verfasser des Artikels*) ist nunmehr ein verehrter Todter; ein Greis kann die Stimmungen seiner Jugend nicht überwinden, ihm ist kein Vorwurf zu machen. Wohl aber dem Herausgeber, der ohne Roth und noch dazu in so bedenklicher Weise die unpolitischen Zwecke seines Organs durchkreuzt hat. Es ist Pflicht der übrigen jüdischen Blätter, gegen jenen Artikel mit aller Entschiedenheit zu proteftiren. Dcr Erkenntntß dieser Pflicht und Nothwendigkeit verdanken auch diese Zeilen ihrer Entstehung. Marburg, 31. Dez. 1893. Lehrer Strauß. Die „Jüdische Presse" bemerkt zu dem gleichen Thema: Fast die gesummte kathol. Presse ergeht sich in energischen Aeuherungen des Unwillens über einen Artikel der Wiener „Neuzeit", welcher die Annahme des „Jesmten-Antrages" durch den deutschen Reichstag zu Angriffen auf dielen Orden und seine Lehren benutzen zu sollen glaubte. Wir nehmen keinen Anstand, auch unserseits jenen Artikel als eine Tactlosigkeit bedauerlicher Art in aller Form auf's Energischste zu verurtheilen. So wenig gerade gewisse katholische Organe (im Gegensätze zu den vornehmeren, wie die „Köln. Bolkszeitung") ~*j Dr. Ad. Jellinek.