Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 3 (8.1.1894)
- Date
- 1894-01-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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31 Professor Südländer war der einzige Sohn eines reichen Tuchhändlers. Sein Vater war früh gestorben. Südländer erinnerte sich seiner kaum noch. Und auch die Mutter war schnell dem geliebten Gatten gefolgt. Ein Oheim hätte gern den verwaisten Knaben in sein Haus ausgenommen, doch diesem Vorhaben stand der letzte Wille des Verblichenen entgegen. Der Vater Südländers war ein streng frommer Mann gewesen, während seine Verwandten alle von den Wegen Gottes abgewichen waren So hatte er denn die weise Anordnung getroffen, daß sein Kind bei keinem dieser Verwandten erzogen werden dürfte. Dem entsprechend war Adolph in ein großes, strengfrommes Pensionat gekommen, das aber zu groß war, als daß ein Familienleben in demselben hätte aufkommen können. Und dabei war Südländer eine zurückbaltende Natur, welche die reiche Fülle von Liebe und Freundschaft, die in ihr schlummerte, nicht leicht einem Fremden erschloß. Die Freuden seiner ^Genossen theilte er selten; seine einzige Leidenschaft war die Arbeit, die zähe, unausgesetzte Arbeit in seiner Wissenschaft. In ihr vergaß er, daß er so ganz allein und verlassen in der 'Welt stand. Manchmal allerdings, wenn seine Schulgenossen in die Ferien gingen nnd sich auf Heimath und Familie freuten, da schlich tiefe, unsagbare Trauer in sein Herz. Doch mit seinem kräftigen Willen wußte er diese Gefühle zu überwinden und so wurde er zum Jüngling und zum Mann, ein einsamer Wanderer auf dem Pfade des Lebens. Schon während seiner Universitätszeit hatte er Arbeiten veröffentlicht, welche die allgemeine Aufmerksamkeit auf ihn zogen. Als er zwei Jahre nach abgelegtem Examen seine Habittlationsschrift herausgab, wurde sein Name in allen Fachkreisen genannt. Gerne wurde er in den Kreis der Universitätslehrer ausgenommen. Und dann arbeitete er weiter und weiter, Tag und Nacht. Immer bekannter wurde sein Name, auch in Laienkreisen konnte man ihn jetzt nennen hören. Er war noch keine dreißig Jahre, als eine kleine deutsche Universität ihn als außerordentlichen Professor berief und ihn mit der Wahrung eines Lehrstuhls betraute. Eine scharfe, antisemitische Strömung vertrieb ihn bald wieder von da. Besonders hatte man es ihm übel genommen, daß er nicht mit seinen College» speisen wollte, und daß er sich weigerte den Sabbat zu entweihen. So kehrte er denn in die Stadt zurück, in der er vordem seine Universitätsstudien beendigt. Er kehrte nicht in den Kreis der Universitätslehrer zurück. Allein und zurückgezogen lebte er weiter seiner Braut, seiner einzigen Geliebten, der Wissenschaft. Aber Alles im Leben hat seine Grenze. Auch der übertriebene Arbeitseifer Südländers mußte ein Ende nehmen. Ein Nervenübel stellte sich bei ihm ein und warf ihn auf das Krankenlager. Und doch sollte ihm diese Krankheit etwas bringen, was ihn mit hohem Glücke erfüllte, das wonach er sich so sehr sehnte, ohne daß eres sich zugestehen wollte: Freundschaft und Liebe. Einige Monate vor seiner Erkrankung war ein junger Mann bei ihm gewesen, der ihm eine Empfehlung eines guten Bekannten aus Frankfurt am Main gebracht hatte. Der Jüngling hatte, von unbezwingbarer Sehnsucht nach der Kunst getrieben, seine russische Heimath verlassen und war völlig mittellos nach Frankfurt gekommen. Ein reicher Banquier dort erkannte das hohe Talent des Knaben. Während eines Jahres ließ er ihm in Frankfurt Unterricht ertheilen. Mit nur geringen Mitteln ausgerüstet, kam Me'ir Jove sodann nach der Kunststadt und gab auch bet Professor Südländer seine Empfehlung ab. Der kunstverständige Professor war überrascht von den vortrefflichen Leistungen des jungen Mannes, noch mehr aber gefiel ihm sein herzliches, offenes und gefälliges Wesen. Er unterstützte ihn so reichlich, daß Jove keine andere Hilfe in Anspruch zu nehmen brauchte. Dergleichen hatte Professor Südländer schon öfter gethan; es lag nichts Auffälliges hierin; Südländer besaß ein großes Vermögen und hatte für seine Person fast gar keine Bedürfnisse. Was sollte er sonst mit seinem Gelde beginnen, wenn nicht Anderen Gutes thun? Während dieser Krankheit 2 nun konnte sich Max des reichen Maßes seinerjDankbarkeit entledigen; er pflegte den Professor mit der treuesten und aufopferungsvollsten Hingabe. Und als eines Tages der Rekonvalescent mit s inem Pfleger plauderte, entdeckten sie, daß sie verwandt waren. Wenn zwei Juden näher bekannt werden, so finden sie oft auch irgend einen Verwandtschaftsgrad heraus. Das Verwandtschaftsverhältniß zwischen Max und seinem Freunde war nicht einmal ein so sehr entferntes. Doch es hätte eines solchen nicht bedurft, um eine innige Freundschaft zwischen dem Jünglinge und dem gereiften Manne herzustellen. Seit den Tagen der Krankheit des Profeffors waren Beide Freunde für das ganze Leben. Jeder hatte die Schätze in dem Herzen des Anderen entdeckt. Freundschaft, die auf gegenseitiger, genauester Kenntniß des Charakters beruht, ist unlösbar. Keine Mißstimmung und keine Trübung derselben ist möglich. Ja, es kann nicht einmal