Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 3 (8.1.1894)
- Date
- 1894-01-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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29 meist die ärmere Bevölkerung ohne Unterschied der Eonfession als lebendiger Beweis, daß die Armuth liberaler ist als die Wohlhabenheit, zusammengepfercht lebt, sich im Laufe des nächsten Decenniums schöne Paläste erheben werden und somit die Prager Judenstadt das Schicksal des römischen Ghetto, eines der vornehmsten Stadtviertel zu werden, theilen wird. Der Verwirklichung der Affanirungsidee werden, soviel sich schon jetzt aus dem Plane entnehmen läßt, zwei bis drei große Synagogen, deren Alter nach Jahrhunderten zählt, zum Opfer fallen. Es sind diese die Großehol-, die Zigainer- und die Neusynagoge. Es mag deshalb nicht befremden, daß die Vorsteher dieser drei Bethäuser vom Synagogenbaufieber ergriffen wurden. Vor Kurzem fand nun in jeder der beiden ersteren eine Generalversammlung statt, in welcher in Uebereinstimmung mit den vorangegangenen Präliminarien beschlossen wurde, daß ein auf 2000 Sitzen beruhender Tempel gebaut werde und daß zur Erreichung dieses Zieles sich die Großehof Synagoge mit der Zlgainer-Synagoge vereinige. Die Neusynagoge nimmt jedoch, um ihren bisherigen Prediger nicht der Gefahr auszusetzm, daß er an die Luft gesetzt werde und um ihm eine lucrativere Stellung zu sichern, eine zuwartende Stellung ein, in dem guten, aber wahrscheinlich irrigen Glauben, daß die beiden genannten Synagogen sie als die dritte im Bunde in ihre Arme schließen werden. Nun aber find die Finanzen der Neusynagoge nicht so verlockend, als daß die beiden anderen Synagogen einen Prediger mit in den Kauf nehmen würden, der bereits mehr denn fünfzig Lenze hinter sich hat und von dem man überhaupt heute noch nicht weiß, ob seine physischen Kräfte für den so großen Raum eines seinen Dimensionen nach kollosalen Tempels ausreichen werden. Aus der Tnppelallianz wird somit voraussichtlich Nichts und die Neusynagoge wird aller Wahrscheinlichkeit nach darauf angewiesen sein, entweder sich mit dem Bau eines in Bezug auf Größe und Ausstattung bescheidenen Gotteshauses zu begnügen, oder aber das aus dem Verkaufe ihres Gebäudes und tunäu8 instruetub erztelte Capital in einen Pensionsfond für ihren Prediger und sonstigen Funcrionäre zu verwandeln. Man ist nun neugierig, wie auf die anderen Synagogen, mit Ausnahme des Tempels, dessen materielle und moralische Existenz nach keiner Richtung eine Erschütterung zu befürchten hat, das Baufieber ihrer Colleginnen einwirken werde; vorläufig sind Pulsschlag und Wärmetemperatur normal, allein auch sie werden in Folge der durch die Assanirung veränderten Phisiognomie des Stadttheiles, in dem sie gelegen find und der Verschiebung der Domicile der jüdischen Bevölkerung, auf Verschönerung des äußeren und inneren Baues, auf eine beguemere Zufahrt zu demselben bedacht sein. So bat schon der Vorstand der Meiselsynagoge beschlossen, dieselbe, oder vielmehr, um nach der Art deS Gottesdienstes, wie er dort abgehalten wird, mich prosaisch auszudrücken, den Concertsaal zu erweitern. Zu diesem Zwecke wird bereits über kurz oder lang der Neubeziehungsweise Zubau in Angriff genommen, mit hoher Kuppel versehen werden, damit das hohe E irgend eines Opernkandidaten oder die Coloratur einer für die Provinzbühne in Aussicht genommenen Gesangselevin sich besser entfalten können, kurzum, es wird auf theatralische Effecte, welche dort seit Jahren eine „Zugkraft" geworden, besondere Rücksicht genommen werden. Aber trotz des Baues eines neuen Tempels, trotz Erweiterung und Verschönerung der bestehenden Gotteshäuser wird man darin die Leere vom Raume demonstriren können, man wird etnsehen, daß mit der Assanirung zwar Häuser niedergerissen und neue wieder aufgebaut werden, aber daß mit ihr der religiöse Jndifferentismus nicht verschwinden wird, um dem religiösen Bewußtsein den Platz zu räumen. 4» Vermischtes. Berlin. Die vierte Kinder-Volksküche ist vor einigen Tagen in der Försterstr. 39 eröffnet worden. Der Vorsitzende des Vereins für Kinver-Dolksküchen, Herr Herrman Abraham, theilte in einer Ansprache die anerkennenSwerthe Thatsache mit, daß durch den Verein schon jetzt, nach einer vierwöchigen Thätigkeit, gegen 2500 Kinder täglich ein warmes, kräftiges Mittagessen erhalten. Die Kinder kommen aus siebzig Gemeindeschulen, welche meist in den Außenbezirken der Stadt gelegen sind. Hamburg, 30. Dez. (Das Judenthum in der Musik) Herr Obercantor N. I. Süßkind, der sich auf dem Gebiete der kirchlichen Composition bereits in weiteren Kreiselt einen guten Ruf erworben hat, überraschte uns gestern durch eine vortreffliche Leistung, welche sein schönes Können auch im Genre weltlicher Musik bethätigte. Herr Musikdirektor Julius Laube, welcher gestern im Concerthaus Ludwig uns nnederum durch >in gewähltes Programm erfreute, machte uns mit der interessanten Süßkmd'schen Novität bekannt. Dieselbe behandelt in Balladenform die sinnigen Eichendorff' scheu Verse „Waldgesprächc «Loreley)". Die Composition, welche Herr Bosch «Posaune) mit Virtuosität zum Vortrag brachte, verfehlte nicht, aus die Zuhörerschaft einen tiefen Eindruck zu machen, der sich in wiederholtem Applaus kund gab. Aus Rakonitz wird gemeldet: Aus dem Magazin des hiesigen Pulververschleißes wurden 32 Kilogramm Dynamit gestohlen, was in der Stadt großen Schrecken und Furcht verursachte. Tie Furcht war nicht unbegründet. Gegen halb 8 Uhr Abends wurde ein donnerähnliches Getöse vernommen. Alles eilte angsterfüllt den Häusern des Ringplatzes zu und da fand man im Hause des Ad vocaten Dr. Carl Wolf arge Verwüstungen. Das Vorder thor wurde weit auf den Ringplatz, das Hinterlhor weit in den Hof geschleudert, die Mauern wurden zerriffen, Fensterscheiben zertrümmert, Thürpfosten und Fensterrahmen herausgehoben, auch die Fensterscheiben der Nachbarhäuser