Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 1-2 (3.1.1894)
- Date
- 1894-01-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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10 Bevor wkr diese kurze Rückschau, die wir dem „Freien Blatt" entnehmen, schließen, wollen wir nur noch einzelner Vorfälle gedenken, welche sicherlich Anzeichen, wenn schon nicht einer Gesundung, so doch einer Befferung der Zustände in Oesterreich sind. Bet einer Landtagswahl in Korneuburg, sowie bei einer Reichsrathswahl in Troppau gelang eS fortschrittsfreundlichen Männern, Wahlbezirke wtederzugewtnnen, die sie an Antisemiten verloren hatten. Sang- und klanglos verlief ein Strike der antisemitischen Gemetndenräthe in Wien; die Anführer mußten unter der Pression Jener, welche sich sonst anführen lassen, die Arbeit im Rathhause wieder aufnehmen. Diese Auflehnung der antisemitischen Wählerschaft gegen eine Demonstration, deren Zweck die Discreditirung der Communalverwaltung war, ist namentlich deshalb erfreulich, weil sie zeigt, daß jene gewissenlosen Demagogen, welche davor nicht zurückschrecken, Losungen wie „Köpfen oder Hängen!" auszugeben, nicht unter allen Umständen auf die Gefügigkeit der Menge zählen dürfen. Für ein besonders günstiges Anzeichen erachten wir die Genugthuung. die Wiener Richter aus dem Volke jüdischen Unterthanen Rußlands gewährten, welche von einem moralisch verkommenen Talmudtsten verleumde^. wurden, als dieser einem Pfarrer eine „Ritualmord"-Erzählung zu agitatorischem Gebrauche geliefert hatte. Diese Symptome einer Befferung in Oesterreich lassen die Annahme gerechtfertigt erscheinen, daß eine sorgfälltig staatliche Prophylaxis, gefördert durch thatkräftiges Handeln der gerechtigkeitsltebenden Bevölkerung, die Verheerungen des Antisemitismus ebenso einschränken könnte, wie es wohl erwogenen Maßnahmen der Sanitätsbehörden bet uns in Deutschland geglückt ist, der Cholera ihre Schreckensgewalt zu benehmen und sporadtsche^Fälle, ohne sonderliche Mühe zu unterdrücken. Möge dies im Jahre 1894 geschehen zum Heile aller den Frieden liebenden Elemente unseres theuern Vaterlandes. Zettuug-rrachrichte« «ud Gorrespoudeuzeu. Deutschland. Berlin, 28. Dez. Wegen Beleidigung des RichterkollegtumS der ersten Strafkammer des Berliner Landgerichts II. hatte sich heute der Redakteur der antisemitischen „Staatsb. Ztg.", Dr. Bachler, vor der zweiten Strafkammer des Landgerichts I. zu verantworten. Das Blatt hatte bei dem Sittlichkeitsprozeß gegen den Rixdorfer Arzt Dr. Flatow wegen dessen vorläufiger Haftentlassung dem Gerichtshof Parteilichkeit durch Anwendung größerer Milde gegen jüdische als gegen christliche Mitbürger vorgeworfen. Der Gerichtshof erkannte deswegen auf 100 Mark Geldstrafe. Hamburg, 30. Dec. Strafkammer III. Präses: Director Dr. Burch ard.^Staatsanwalt: Dr. Schön. (Agitator und Einbrecher). Der mehrfach, zuletzt mit vier Jahren Zuchthaus bestrafte Diener Joachim Detlef Ludwig Rath, welcher nach einem in seinem Besitz gefundenen Ausweise Mitglied und Agitator des antisemitischen Wahlvereines ist, wird wiederum der Verübung sechs schwerer Diebstähle beschuldigt, indessen hat er nach der Liste der Bestohlenen nicht lediglich Juden, sondern meistens „Deutsche" zu seinen Beutungsopfern auserwählt. Rath zog namentlich Sonntags auf Raubzüge aus und suchte sich solche Wohnungen aus, deren Bewohner Ausflüge gemacht hatten, und öffnete die Etagenthüren mittels Nachschlüssels, unter Benutzung von Stemmeisen. Seine Beute bestand meistens aus sehr werthvollen Gold-'und^Silbersachen und er stahl bei einer Schneiderin außer derartigen Sachen ein Sparcassenbuch über 400 M. Außer dieser Specialität verübte Rath'in der Nacht zum 15. Dezember bei einem auf dem Alster-Glacis wohnenden Kaufmann einen Einbruch, indem er sich durch eine Hinterthür in das Haus begab, und stahl dort Silbersachen im Werthe von 500 M. In diesem Falle fühlte Rath aber auch das Bedürfniß, einen Beweis seiner agitatorischen Thätigkeit zu liefern, was er dadurch' bethätigte, daß er mit einem Stempel an der ThürAdcs Kaufmanns den Aufdruck machte: „Hütet Euch^vor Juden!" Der Gerichtshof verurthetlt den Angeklagten zu 7 Jahren Zuchthaus, 7 Jahren Ehrverlust und Polizeiaufsicht. Hamburg, 31. Dezember. Vorige Woche beging hier ein Herr Lore nz,.Coch.'n in voller Getstesfrische seinen 100jährigen Geburtstags derselbe war hier während der französischeniZeit als löjähriger junger Mann aus Bayern eingewandert, betrieb lange Jahre, als religiöser Mann, ein Garngeschäft und zog sich als Junggeselle im Alter von 85 Jahren in gutsituirten Verhältnissen^ vom Geschäfte zurück. Vor einigen Jahren war er schwer krank, doch erholte er sich davon vollständig und hofft noch recht lange zu leben. — In der berühmten Prozeßfache (ct. Nr. 91) hat das Landgericht das amtsgerichtltche Eckenntniß kurz bestätigt, — so daß die r6a nwan man nunmehr verpflichtet ist, den früher bewilligten Betrag dem nicht ntpo rna getrauten Ehepaare auszuzahlen. Wenn Herr Dr. Mai La um einstmal feine herausgibt, kann er diesen Fall mttdrucken. Die erforderliche noaDn kann er sich dann von dem klägerischen Rechtsanwalt und vergangenen Rabbinatsschüler