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Der Israelit · 1894-01-03 · Heft 1-2 (3.1.1894) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 1-2 (3.1.1894)
Date
1894-01-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXV. Jahrgang. Erste Beilage M M > & 2 des „Israelit". Leitender Artikel. Per Antisemitismus im Iastre 1883. Das Jahr 1893 ging zu Ende, ohne daß die Seelenpest des Antisemitismus erloschen wäre. Der Eonfessions- und Racenhaß in moderner Gestalt sand im abgelaufenen Jahre in zahlreichen Ländern der Erde weitere Ausbreitung. Heftig grassirte der Antisemitismus i» seinem eigentlichen Heimathlande Preußen sowie in den übrigen Theilen Deutschlands. Die sogenannten Conservativen, die schon früher entschiedene Widersacher der Rechtsgleichheit waren, aber noch nicht alle Scham obstreisen wollten und daher den Antisemitismus mit dem Feigenblatte kultivirten, glaubten nun letzteres wegschleudern zu müssen, um Stimmenfänaerei betreiben zu können und ihren politischen Besitzstand gegen Unfälle zu versichern. Das Fallenlassen aller Rücksicht auf Sitte und Anstand verhinderte indessen nicht die Fortentwicklung des antisemitischen Gedankens in einer den conservativen Freunden desselben sehr unwillkommenen Richtung. Der Neid und die Begehrlichkeit durchbrachen die confessionellen Schranken, und die Kampfparole, welche ursprünglich nur Juden bedrohte. lautet bereits: „Gegen Juden und Junker!" Die Ehrabschneider, deren Gewerbe die Verunglimpfung von Juden war, vergreifen sich jetzt auch an der Ehre der höchsten Würdenträger des Staates, deren Ruf im In- und Auslande sie gefährden. Die terroristischen und anarchischen Momente im Antisemitismus kommen immer mehr zur Geltung, und die verderblichen Wirkungen desselben beginnen sogar seine hochgestellten Förderer im Königreiche Sachsen zu spüren! Auch bei den Slaven Oesterreichs fand der Kampf gegen Israel lebhafte Unteiftützung. Zahlreiche Vorgänge in Böhmen und Mähren sowie der Katholikentag in Krakau beweisen, daß Tschechen und Polen die ihnen von deutschen Panieren vorgezeichncten Wege auch in diesem Falle einschlugen. Auf dem Gebiete der St. Wenzelskrone gab es in vielen Ortschaften Ausschreitungen gegen Juden, wobei häufig, so in Kolin und Holleschau, das tendenziös coiportirte Blutmärchcn wieder eine Rolle spielte, allerdings nicht begleitet von jenem großen Erfolge, auf welchen die Veranstalter der neuen Auflage dieses Märchens gerechnet haben mochten. In der alten Königsstadt an der Weichsel wurden die in Berlin ersonnenen, in Wien volkstümlich gemachten Boycottirungs- Formeln ins polnische übertragen und ein wirthschaftlicher Kreuzzug gegen die Juden gepredigt. Der alte Judenhaß, neu belebt durch die Schlagworte der Antisemitenschulen Berlins und Leipzigs, trieb auch in Rußland und Rumänien sein Unwesen. Im Czarenreiche dauert die schmachvolle Verfolgung von Juden wegen ihres Glaubens mit geringen Unterbrechnngen fort, und es ist für die jüdischen Opfer wahrlich kein Trost, daß sie an deutschen Protestanten und polnischen Katholiken bis zu einem gewissen Grade Leidensgefährten finden. Ebenso werden die Juden in Rumänien, das sich über die ihm durch den Berliner Congreß auferlegte Verpflichtung, alle Staatsangehörigen gleichmäßig zu behandeln, dreist hinweggesetzt, nach wie vor beeinträchtigt und gequält. Man erklärt sie für Fremdlinge, um ihnen alle Rechte vorent- : halten zu können, und zieht sie dessenungeachtet zur werkthätigen Thetlnahme an den Lasten heran, welche der rumänische Bürger zu tragen hat. Der Jude in Rumänien muß gleich anderen Bewohnern die Blutsteuer entrichten, aber seinen Kindern sind die öffentlichen Lehranstalten verschlossen oder nur in sehr beschränktem Maße zugänglich. Derselbe Staat, der dem Juden zuruft: „Thu' als Rumäne deine Schuldigkeit!" höhnt ihn unmittelbar darauf: „Fremdling, dir steht nicht das Recht zu. welches Einheimische genießen!" Von der Seuche des Antisemitismus verschont blieben Ungarn, Italien, England, überhaupt die Länder, in denen Freiheit und Humanität herrschen. Auch in Frank reich, wo die antisemitische Internationale für ihre Zwecke mit Hochdruck arbeitete und die Panama Scandale durch die in Deutschland mit Erfolg geübten Agitationskünfte zu „jüdischen Verbrechen" stempeln wollte, vermochte es die Judenhetze zu keinem nennenswerthen Erfolge zu bringen; der Nachkomme eines württembergischen Schächters, welcher an der Seine die antisemitischen Lehren verbreitet, war nicht im Stande, in Frankreich auch nur für ein solches Schächtverbot Stimmung zu machen, wie es — strenggläubigen Juden zum Aergerniß — Sachsen und die Schweiz eingeführt haben und nationale Stadtväter von Graz zur Eindämmung des Einflusses fremder Sitten und Bräuche gerne einführen möchten .... Die neue Welt ist ebenfalls kein günstiger Boden für den Antisemitismus. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika konnten europäische Unternehmer, welche der antisemitischen Hetze Eingang zu verschaffen beflissen waren, mit diesem Importartikel kein Geschäft machen, obwohl seiner Einführung keine McKinley-Bill Schwierigkeiten entgegengestellt hatte.

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