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Der Israelit · 1894-01-03 · Heft 1-2 (3.1.1894) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
35 (1894)
Issue
Heft 1-2 (3.1.1894)
Date
1894-01-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
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6 halbem Interesse zu. Er konnte kaum erwarten, bis die Elephanten vorüber kamen. Endlich passirten sie an dem Hause vorbei. Die Thiere schritten ruhig dahin, gerade vor dem Freunde her. Der Professor lächelte über sich selbst, über seine Angst. Es war gewiß keine Gefahr vorhanden. Der Menschenstrom folgte dem Zuge. Nach wenigen Minuten schon war die Straße wie rein gefegt. Der Professor wandte ftch wieder seiner Lektüre zu. Aber er vermochte nicht die Stimmung zu deren Genuß zu finden. Immer wieder schweiften seine Gedanken hin zu dem gefährdeten Freunde. Er hielt es nicht mehr aus in dem Gemache. Er stand auf und ging langsamen Schrittes die Schwanthalerstraße hinu> ter, nach dem Karlsplatz. Ein böser Gedanke ließ ihn nicht los; wie ein Gespenst, unsichtbar, ungreifbar; und doch hielt es ihn gefangen und ließ sich nicht abschütteln. Eben wollte der Professor in die Sonnenstraße einbiegen, als ein Bekannter von ihm schier athemlos dahergelaufen kam. „Ah, Herr Professor Südländer, gehen Sie mit, es ist ein Unglück geschehen." „Ein Unglück!" schrie Südländer auf. „Nun ja, die Elephanten, die schrecklichen Elephanten! Ich habe es gleich gesagt, es wird ein Unglück geben. Wissen Sie die große elektrische Sonne in der Ludwigstraße. Ein wunderbares Ding, von Simens und Halste eigens zu dem Zwecke geliefert.-" „Mensch! Erbarmen!" keuschte Südländer, „reden Sie doch, was ist geschehen?" „Aber ich rede ja, Sie lassen mich ja nicht zu Worte kommen. Wild geworden sollen die Elephanten sein, Hunderte von Menschen seien verunglückt." „Ein Wagen!" brüllte Südländer. Aber es war weit und breit keine Droschke zu sehen. Doch die Pferdebahn fuhr vorüber, nach dem Stachus zu. Die Beiden sprangen auf. Südländers Herz pochte wie zum Zerspringen und in den Ohren wogte und brauste es ihm. Sollte er den Freund verloren haben? Den Einzigen auf dieser Welt, der ihn liebte, der ihm treu war? Das war ja nicht möglich, so grausam konnte das Geschick nicht sein. Er sah Nichts und hörte Nichts. Er wurde nur von dem einen Gefühl beseelt, so schnell als möglich an dem Orte zu sein, wo sich sein Freund befand. Auf dem Hinterperron der Pferdebahn stand j ein dicker, gemächlicher Bierbürger; offenbar wußte der Mann noch nichts von dem Unglück. „Ah, grüß Gott, Hab die Ehre Herr Professor, guten Tag", rief er freundlich und streckte Südländer die Hand entgegen. Dieser bemerkte ihn nicht. „Dös ist a Bazi!" dachte der Bürger und etwas kleinlaut fuhr er zu reden fort: „Der Herr Professor fahren wohl auch dahinunter?" „Ich?!" rief Südländer, wie aus einem Traum erwacht. „Ja!" und rann schwieg er wieder. „Der ist bös mit mir", dachte der Bürger. Und am Abend unterhielt er sich mit seiner Frau darüber, warum Professor Südländer, der sonst die personifizirte Liebenswürdigkeit zu sein Pflegte, so schroff mit ihm gewesen sei. Sie konnten aber keinen Grund hierfür finden. Jetzt war die Pferdebahn am Stachus angelangt; Südländer erblickte einen Journalisten, der eiligst dem Telegraphenamte zulief. Im Nu war der Professor an seiner Seite. Ja, ja. es war richtig. Die Thiere waren scheu geworden und in rasendem Galopp rückwärts gestürzt auf die Menschen, mit ihren mächtigen Füßen Alles zertretend, was sich ihnen in den Weg stellte. „Ein Entsetzenschrei erfüllte die Luft", erzählte der Journalist „und dann ein endloses Gestöhne und Jammergeheul! Alles stürzte durcheinander, die Schutzleute konnten die Ordnung nicht mehr aufrecht erhalten und was nicht von den Elephanten zertreten wurde, das wurde von den vor Angst rasend gewordenen Menschen zerdrückt. Mütter schrien nach ihren Kindern, die man ihnen von der Seite gerissen, Kinder jammerten nach ihren Eltern, die ganze ungeheure Menschenmenge war eine einzige, heulende, zeternde Masse. „Endlich war es gelungen, die Elephanten in ihrem rasenden Laufe aufzuhalten, doch das war erst der Beginn eines neuen und noch schrecklicheren Unglücks. Die wüthend gewordenen Thiere wendeten sich und begannen no mals ihren Todeslauf über die Menschen dahin. Die Zierwagen stürzten nieder und regneten ihren Schmuck prasselnd auf die Schädel herunter, es war fürchterlich, es war grauenhaft schön, ich werde einen Artikel darüber schreiben, der Furore machen soll." „Herr, Sie übertreiben fürchterlich!" schrie der Begleiter Südländers, ein junger Kaufmann, Namens Stein. Aber schon hatte Südländer den Menschen verlassen. Sie waren eben auf dem Bahnhofplatz angelangt; hier müßte ein Miethwagen sicher zu finden sein.

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