Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 1-2 (3.1.1894)
- Date
- 1894-01-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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7 „Zur Feldherrnhalle! Die dreifache Taxe Kutscher, wenn Sie schnell fahren!" Stein sprang zu Südländer in den Wagen. Dieser raffelte in dem samellsten Tempo durch die Schützenstraße. Im Kaffee Kaiserhof mußte man erst jetzt von dem Unglück erfahren haben; Alles verließ eiligst und bestürzt die Räume. Am Dultplatz aber, beim Göthemonument und besonders vor dem englischen Kaffee standen die Menschen schon so dicht, daß ein schnelles Fahren nicht mehr möglich war. Eine verzweifelnde Ungeduld bemächtigte sich Südländers. Doch auf dem weiten Moximiliansplatz verlor sich die Menge; es gelang dem Wagen mit höchster Anstrengung von Kutscher und Pferd bis zum Jungfernthum zu gelangen. Hier war ein Weiterfahren nicht mehr möglich, auch die Briennerstraße war gesperrt. Sie verließen den Wagen und befahlen dem Kutscher am Schillermonument zu warten. Mit der Kraftanftrengung der Verzweiflung stieß sich Südländer vorwärts und es glückte ihm endlich bis an den. Odeonsplatz zu kommen. Hier sperrte ein Cordon von Schutzleuten jedes weitere Vordringen ab. Die Männer des Gesetzes waren unerbittlich. Was Südländer auch reden mochte, sie hatten Befehl, Niemanden dnrchzulassen und kamen dieser Weisung pünktlich nach. So waren der Professor und sein Begleiter zur Unthätigkeit verdammt, trotz der brennenden Ungeduld, die ihr Innerstes verzehrte. Stein versuchte an dem Monument des Königs Ludwig I. emporznklimmen. Doch dessen Sockel war schon von mehr Menschen besetzt, als dieser zu faffen vermochte. Südländer war rathlos. Der auf ihn lastende Druck der Menschenmenge nahm ihm den Athcm, er fühlte sich einer Ohnmacht nahe. Aber Stein gelang cs hinein in's Kaffee Odeon zu kommet», mit dessen Wirth er bekannt war. Man schleppte ihm einen hohen Stuhl heraus, dicht neben Südländer. Von dort aus konnte er Alles übersehen. Dank der Tüchtigkeit der Polizei, war die Ludwigstraße von müssigen Zuschauern vollständig geräumt. Nur Aerzte und Mitglieder der Sanitätskolonne schritten zwischen den Verwundeten und den Wagentrümmern umher. „Können Sie sehen?" schrie Südländer. „Ja, Alles! „Ist er da? Ist er verwundet? So reden Sie doch?" „Aber wie soll ich denn — — Paffen Sie auf, eben kömmt eine Tragbahre hierher." „Ist er's?' "Nein, nein, er ist es nicht!" Eine ganze Zeit standen sie so da. Südländer bis zum Wahnsinn gefoltert durch die Sorge um seinen Freund. Da plötzlich reckte sich Stein hoch auf, um besser sehen zu können. „Ec isi's, er isi's!" schrie er und sprang vom Stuhle herunter. „Bleiben Sie hier, die Träger bringen ihn nach dieser Richtung!" Da hörte man auch schon das Schreien eines Polizisten, der Weg für die Sanitätskolonne bahnte. Die Tragbahre war, nachdem der mit einem Nothverbande versehene Kranke hineingelegt, verhängt worden. Mit einem einzigen Satze war Südländer bei der Bahre. „Was wollen Sie?" frug der Führer der Kolonne in barschem Tone. „Mein Bruder!" schrie Südländer. Mehr vermochte er nicht hervorzubringen. Sofort ließ der Kolonnenführer die Bahre niedersctzen; mitleidig blickte er aus Südländer. In der mnherstehenden Menge aber regte es sich allenthalben. „Sein Bruder!" flüsterte man „sein Brudcr!" Mit zitternden Händen schlug Südländer das dunkelbraune Tuch der Krankenbahre zurück. Er war es! Südländer mußte alle seine Kraft zusammennehmen, um nicht laut aufzuschreien. Wie im friedlichen Schlummer lag der Freund auf der Bahre, die weißen Hände, mit den feinen langen Fingern lässig ausgestreckt. Das prächtige Kostüm war zerrissen und befleckt, aber das schöne Antlitz des Jünglings, mit dem zarten, kleinen Bärtchen auf der Oberlippe war gänzlich unverletzt; nur ein wenig bleicher war es als sonst. Südländer beugte sich über ihn und lauschte; als er sich aufrichtete, entrang sich ein Stöhnen aus der Brust seines Freundes. „Er athmet! Er lebt!" „Es ist äußerlich keinerlei Verletzung bemerkbar!" entgegnete Stein. Die Theilnahme der Menge für den Verunglückten war allgemein. „Welch ein schöner, junger Manu! Ein Künstler! Einer aus dem Festzug! Wie schade um den prächtigen Jungen! O Jammer, o Jammer, der arme Mensch!" scholl es wieder und wieder aus der Menge. „Soll ich ihn in das allgemeine Krankenhaus bringen lassen oder wünschen Sie-?" fragte der Kolonnenführer.