Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 1-2 (3.1.1894)
- Date
- 1894-01-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4 die Ueberzeugung, die russische Regierung habe zur Judenfrage in letzter Zeit eine wesentlich veränderte Stellung genommen und ihre frühere schroffe Haltung aufgegeben. Aus einer New Doiker Korrespondenz der russisch-jüdischen Wochenschrift Chronika Woschoda geht nun hervor, baß auch unter den nach Nordamerika eingewanderten russischen Juden diese lUbeizmgung vorherrscht und ein „überaus lebhaftes Bestreben zur Rückkehr in die Hetmath" wachgeruftn hat. Es scheint somit, daß eine verstärkte Rückwanderung der Juden nach Rußland sich vorbereitet. Oester.-Ungar. Monarchie. Pest, 27 Dec. Der 22. israelitische Gemeindedistrikt hielt heute in Szegedtn seine Jahresversammlung, welche auf Antrag des Ober-Rabbiners Immanuel Löw das folgende Telegramm an den Ministerpräsidenten richtete: Indem der 22. israelitische Gemeindedistrikt heute in Szegedtn seine Jahresversamurlung hält, ergreift er mit Freude die Gelegenheit, um Ew. Exzellenz und der hohen Regierung seine Dankbarkeit für die kirchenpolitischen Vorlagen auszudrücken, durch welche eine neue uud glänzende Epoche der Nation inaugurirt wurde. Der Distrikt begrüßt in den Gesetzentwürfen über die freie Ausübung der Religion, über die Rezeption der jüdischen Religion, über die staatliche Matrikelführung und über die Regelung des Eherechtes die machtvolle Arbeit der auf dem Niveau des höchsten Pflichtbewußtseins stehenden Staatsregirung und erblickt darin eine glückliche Lösung der Ansprüche und Wünsche der liberalen ungarischen Gesellschaft, die Szegediner Diftriktsversammlung wünscht den Gesetzentwürfen vollen günstigen Erfolg und sie bittet Ew. Exzellenz, den Dank dieser bescheidenen Distrtktsversammlung für die edle und muthige Aktion, welche das angebetete Vaterland auf dem ruhmreichen Pfade des liberalen Fortschrittes vorwärts und zum Siege führt, freundlich entgegennehmen zu wollen. Jzsö Rozsa, Präsident. Budapest, im Dezember. (Israelitische Ungarische Literarische Gesellschaft ) Das provisorische Präsidium hat den folgenden „Aufruf an die Israeliten Ungarns" erlassen: Unsere Glaubensgenossenschaft steht in unserem Vaterlande vor einer wichtigen, epochalen Thatsache. Während sonst in den Ländern Europas weithin Rassenhaß und konfessionelle Eifersucht selbst die sittliche Gemeinschaft zwischen den israelitischen und den andersgläubigen Bürgern desselben Staates zu bestreiten sich erkühnt, bereitet die ungarische Gesetzgebung mit beinahe einhelliger Zustimmung der öffentlichen Meinung die Rezeption der Religion unserer Väter vor. Der Israelit kann fortan in Ungarn sich nicht blos in den Schranken des bürgerlichen Lebens als Sohn des Vaterlandes fühlen, sonderu wird nunmehr mit dem vollen Gehalte seiner Ueberzeugungen und seiner Gesinnung Mitglied der Nation. In zweifacher Hinsicht verpflichtet dieser Thatbestand die Gesammlheit unserer Konfession, sowie auch jeden einzelnen Bekenner derselben, insbesondere die Vertreter unserer Gemeinden und sozialen Organisationen. Zunächst ist danach zu streben, daß der ganze Umfang unseres religiösen Lebens, jedes Detail unseres Glaubens und unserer sittlichen Weltauffassung, von dem Lichte wissenschaftlicher Forschung erhellt und mit der Innigkeit des gläubigen Gemülhs zusammengefaßt, unter uns im Schoße unserer Genossenschaft in je weiteren Kreisen bekannt und anerkannt werde. Es gilt zumeist dem Heranwachsenden Geschlechte zur Kräftigung seines Glaubens und zur Veredlung seines Denkens den ganzen Schatz unserer Traditionen, unseres heiligen Erbes klarzulegen, auf daß es denselben auch unter den Verhältnissen des neuen Lebens nach seinem wahren Werthe zu würdigen wisse und ihn auch fernerhin zu wahren bestrebt sei, wenn auch sein Verlust durch Eingriffe der Willkür nicht mehr zu befürchten ist. Sodann ist es aber andererseits unsere Pflicht, all das, was unsere religiöse und sittliche Weltansicht an Edlem und Allgemeingiltigem in sich birgt, im Dienste unseres Volksbewußtseins zur vielseitigen Mehrung nationaler Bildung zu verwerthen. In das geistige Gewebe unseres Volkslebens möge ein neuer werthvoller Faden sich einflechten, auf daß es umso stärker werde, umso sicherer den Stürmen der Zeiten widerstehen könne. Diese Gesichtspunkte leiteten die Gefertigten bet der Gründung der Israelitischen Ungarischen Literarischen Gesellschaft; solche Ziele bestimmten die Organisationen der neuen Vereinigung, ihre Aufgaben und Einrichtungen. Durch die Uebersetzung der heiligen Schriften, die Erklärung und Erörterung ihrer ewigen Lehren und ihres geschichtlichen Einflusses wünschen wir eine Läuterung des sittlichen Selbstgefühls und religiösen Bewußtseins unserer Glanbensgenoffen zu bewirken und damit auch dazu beizutragen, daß unser ungarisches Volk in seiner großen Aufgabe, in der Entwicklung seiner Individualität, auch an uns eine neue, mächtige Hilfe gewinne. Wer mit uns der Ueberzeugung lebt, daß wofür Israel so lange Zeit gern litt und so Vieles duldete, in dem Fortschritte der Menschheit allezeit ein wirksamer Faktor war und auch fernerhin bleiben wird, der trete uns bet und unterstütze nach Maßgabe seiner Glücksgüter und seiner Geistesgaben unser Unternehmen. Budapest, 2. November 18S3. Das pro-